Gymnasium Haigerloch
: Lesen geht im Chefsessel so gut wie hinter Gittern – beim Lesemarathon

In Haigerloch gestalteten Schüler und Lehrer einen 24-Stunden-Lesemarathon – auch für die Öffentlichkeit. Ein Vorlese-Trio durfte sogar das Bürgermeisterzimmer kapern.
Von
Andrea Spatzal
Haigerloch
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  • Souverän trotz Grusel-Ambiente: Pauline Mehl (links) und Patricia Kraft lasen in der alten Gefängniszelle vor.

    Souverän trotz Grusel-Ambiente: Pauline Mehl (links) und Patricia Kraft lasen in der alten Gefängniszelle vor.

    Andrea Spatzal
  • Auf Tuchfühlung mit Albert Einstein: Das Vorlese-Trio Hannah Braun, Jasmyn Mesam und Marius Krespach (v. l.) im Atomkellermuseum.

    Auf Tuchfühlung mit Albert Einstein: Das Vorlese-Trio Hannah Braun, Jasmyn Mesam und Marius Krespach (v. l.) im Atomkellermuseum.

    Andrea Spatzal
  • Waren im Büro von Bürgermeister Heiko Lebherz zu Gast: Die Vorleser Danilo Mapelli, Katharina Reich und Leo Fechter (v. r.).

    Waren im Büro von Bürgermeister Heiko Lebherz zu Gast: Die Vorleser Danilo Mapelli, Katharina Reich und Leo Fechter (v. r.).

    Andrea Spatzal
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Es gibt einen Friseur, der rollt auf öffentlichen Plätzen einen bunten Teppich aus, rückt einen Hocker zurecht und bietet jedem Kind, das ihm vorliest, einen kostenlosen Haarschnitt an. Danny Breuerbach ist längst zu einer Berühmtheit geworden. Kindern Lust aufs Lesen zu machen, ist seine Mission. „Vorlesen ist cool, entspannend, unterhaltsam – und macht Sinn“, lautet die Botschaft des „magischen Friseurs“.

Das Gymnasium Haigerloch befindet sich mit seinem 24-Stunden-Vorlesemarathon also in bester Gesellschaft und auf der Höhe der Zeit. Wie der Pop-up-Friseur, der an allen möglichen Stellen plötzlich auftaucht, postierten sich Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums am Dienstag an verschiedenen Orten in Haigerloch, um Kurzgeschichten vorzulesen. Sie hatten zwar nicht sehr viele, aber doch einige Zuhörer.

Der Römerturm, Schloss Haigerloch, das Lehrerzimmer waren Stationen des Lesemarathons. Aber auch in der Gefängniszelle, im Rathaus oder im Atomkellermuseum konnte man im 30-Minuten-Takt spannenden Geschichten, immer passend zur jeweiligen Location, lauschen.

Einstein-Briefe im Atomkeller

Passend zum Atomkeller hatte Physiklehrer Matthias Schon natürlich was von Albert Einstein ausgewählt, nämlich Passagen aus dem Briefwechsel mit seinem Nobelpreisträger-Kollegen Max Born. Einstein schreibt darin auch ein paar Zeilen über Hechingen. Die „Göttinger Erklärung“ aus dem Jahr 1957, in der sich 18 Naturwissenschaftler gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr aussprachen, wurde von Hannah Braun, Jasmyn Mesam und Marius Krespach ebenfalls gekonnt deklamiert.

Bequem im Chefsessel

Aktiv unterstützt hat die Leseaktion Bürgermeister Heiko Lebherz, indem er nämlich den Vorlesern kurzerhand das Chefzimmer überließ. So konnten Leo Fechter, Katharina Reich und Danilo Mapelli an prominenter Stelle die Geschichte „Der Portier des Freudenhauses“ aus der Sammlung „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay zum Besten geben. Die Story handelt von einem Analphabeten, der seinen Job verliert, weil er weder lesen noch schreiben kann, es aber dann aber mit Grips und Fleiß zu einem Handelsimperium bringt. Ja, sagt Danilo, die Leseaktion mache ihm Spaß und sei „einfach mal was Neues“.

„Der Einbrecher“ im Knast

Die Geschichten für den öffentlichen teil der 24-Stunden-Leseaktion haben übrigens die Lehrerinnen und Lehrer ausgewählt. So auch Religionslehrerin Ulrike Steiner, die mit ihren beiden Vorleserinnen Pauline Mehl und Patricia Kraft in die „Katakomben“ der Haigerlocher Polizeistation abtauchen durfte. Zwischen Gitterstäben und Spinnweben trugen Patricia und Pauline souverän die Kurzgeschichte „Der Einbrecher“ von Manfred Schröder vor. Die beiden Schülerinnen bauten sogar kleine dramaturgische Elemente ein. Ein großer Spaß! Und dabei gab es nicht einen einzigen Versprecher. Pauline erklärt warum: „Seitdem bekannt war, dass es diese Leseaktion geben wird, und das war vor Monaten, gehörte Lesen und Vorlesen zu jeder Unterrichtsstunde.“

Aber es wäre kein Lesemarathon, wenn das schon alles wäre. Schon am Vormittag ging die 24-Stunden-Aktion in der Schule los, unter anderem mit einem Vorlesestündchen im Altenheim, einem Lesepicknick in einer Fremdsprache oder Pop und Poesie in den großen Pausen. Mit von der Partie war auch die professionelle Sprecherin und Vorleserin Sabine Niethammer.

Für Eulen und Lerchen

Am Abend folgte in der Aula des Gymnasiums für alle Eulen unter den lesefans ein Poetry Slam, präsentiert von 18 Schülerinnen und Schüler. Ihre Texte für den Dichterwettstreit hatten sie im Vorfeld in einen Workshop mit der etablierten Slamerin Xenia Stein aus Tübingen erarbeitet. Und auch damit noch nicht genug: Am frühen Mittwochmorgen ging der Lesemarathon weiter. Schon um 5 Uhr öffnete der „Breakfastclub“, wo allen „Lerchen“ und anderen Frühaufstehern neben Brezeln, Tee und Kaffee weitere Leseerlebnisse serviert wurden.

Das Haigerlocher Gymnasium hat dieses fulminante Projekt unter der Federführung der Deutsch-Fachschaftsvorsitzenden Sandra Zopf auf die Beine gestellt. Eine coole Aktion!