Antikriegstag in Hechingen: Es geht ohne laute Kundgebung: Wie es 1939 war, und wie es in der Ukraine ist

Kurze Texte aus knapp 100 Jahren, dazu Lieder über und gegen den Krieg: das Lesecafé des Hechinger Bündnisses für Demokratie und Menschenrechte zum Antikriegstag.
Ernst Klett- Hechingen gedenkt am Antikriegstag mit leiser Veranstaltung im Flüchtlingsprojekt „Refugio“.
- Rund 60 Teilnehmer hörten Texte zu Kriegen 1939 und heute, darunter Ukraine und Gaza.
- Fokus auf Parallelen zwischen NS-Angriff auf Polen und aktuellen Konflikten weltweit.
- Veranstalter: breites Bündnis aus Parteien, Kirchen, Vereinen und Initiativen.
- Keine Kommentare zu Texten – Mahnung über Kriege bleibt für sich stehen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Früher, sehr viel früher, demonstrierten Hunderttausende in der damaligen Hauptstadt Bonn, und es gab eine komplett geschlossene Menschenkette quer über die Schwäbische Alb. Und heute? Da ist nach einer schönen, langen Pause wieder allgemeines Säbelrasseln angesagt. Es gibt den Ukraine-Krieg an der europäischen Haustür und den Gaza-Krieg, um nur zwei besonders üble zu nennen. Was ist mit den Protesten? Keine Hunderttausend mehr, keine Menschenkette mehr.
Das kleine Hechingen aber schafft stark gegen den Trend. Man erinnere die beiden Großdemos gegen allerlei Rechtes auf dem Obertorplatz im Januar vorigen und dieses Jahres, jüngst das Gedenken zum 80. Jahrestag des Kriegsendes in Europa am 8. Mai 1945, und jetzt die Veranstaltung zum Antikriegstag, beides im Flüchtlingsprojekt „Refugio“ und organisiert von einem breiten Bündnis für Demokratie und Menschenrechte. Der Montagabend war den öffentlich-rechtlichen Radionachrichten eine besondere Erwähnung wert, zusammen mit der Großkundgebung auf dem Tübinger Holzmarkt. Mehr war wohl nicht in der Region.
Eine leise Mahnung
Auf eine laute Kundgebung unter freiem Himmel ist bewusst wieder verzichtet worden. Es sollte als Mahnung an den von den Deutschen verursachten Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 ein leises Gedenken werden. Wer dabei war, und das waren annähernd 60 Menschen, musste ruhig sein und konzentriert zuhören. Eine gute Dreiviertelstunde lang wurden Texte von Zeitzeugen, Schriftstellern und Autoren vorgelesen. Es waren keine langatmigen Beiträge, sondern oftmals nur vier, fünf Sätze, die allerdings wegen der Inhalte ihre Wirkung nicht verfehlten.
Schwerpunktthemen waren der Kriegsausbruch vor 86 Jahren mit dem Überfall aufs Nachbarland Polen und der seit Februar 2022 anhaltende Krieg der Russen gegen die Ukraine. Erwähnung fanden zudem der anhaltende Gaza-Krieg Israels und die blutigen Auseinandersetzungen in Afrika und Myanmar. Auswahl gibt es leider und weiterhin viel zu viel.
Krieg damals, Kriege heute
Der Hechinger Stadtrat Jürgen Fischer hatte zu Beginn auf die Veranstalter des Lesecafés verwiesen und betont, er nenne nicht jeden einzeln, weil es einfach zu viele seien. Gleichzeitig erklärte Fischer das System: Es wird ausschließlich vorgelesen, Kommentieren ist nicht, Interpretieren ebenfalls nicht. Im Mittelpunkt stand der Versuch, Parallelen herzustellen zwischen dem 1. September 1939, den der Deutsche Gewerkschaftsbund bereits 1957 zum Antikriegstag erklärt hat, und der weltweiten Krisen- und Kriegslage heutzutage.
Das Hechinger Bündnis
Doch! In der Zollernstadt bekommt sehr wohl die verschiedensten Einrichtungen und Institutionen unter einen Hut! Im Bündnis für Demokratie und Menschenrechte vereint sind unter anderem derzeit Parteien (Freie Wähler, SPD, Bunte Liste und FDP), Gewerkschaften, Kirchen, Vereine und Initiativen.
Jürgen Fischer machte den Anfang. Und diesen Text muss man kennen, um die jüngere deutsche Vergangenheit zu verstehen: Der „Führer“ Adolf Hitler rechtfertigte im Reichstag den Angriff auf Polen damit, dass „zurückgeschossen“ werden. Eine glatte Lüge, die dem Obernazi schon damals kaum jemand abnahm. Dazu gab es den Text eines Berliner Schülers vom selben Tag: Sein Lehrer war voll auf Hitler-Kurs gewesen. Dazu das Loblied des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels auf den „Führer“. Damit war’s dann aber genug: Ein SPD-Politiker verfasste zur gleichen Zeit die Feststellung, niemand in Deutschland könne später sagen, man habe von nichts geahnt.
Ukrainische Kinder können es nicht fassen
Dann der Zeitsprung in die Ukraine von heute. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie von den Deutschen heimgesucht, jetzt sind es die Russen. Eine Lehrerin schildert, wie sie und ihre Schulkinder den 24. Februar 2022 erlebten, den Tag des Überfalls: Man konnte es nicht fassen, trotz aller Vorwarnung. Zu Wort kam ebenso ein Ukrainer, dessen Dorf zerbombt worden ist, und der heute in Hechingen lebt.
Das Land am Schwarzen Meer, Palästina, der Sudan, Somalia, Moçambique: überall Krieg, nirgendwo Frieden in Sicht. Vielleicht haben die Macher der Hechinger Gedenkstunde deshalb auf Kommentare zu den Texten verzichtet: Man weiß keine Antworten, weil die Menschheit partout nichts dazulernt.

