80 Jahre Kriegsende: Die Angst der Alliierten: Wie weit waren die Nazis mit ihrer Atombombe?

Ein Foto, das seit 80 Jahren um die Welt geht: Die „Alsos“-Einheit des US-Militärs demontiert wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa den Forschungsreaktor der Nazi-Physiker im Haigerlocher Bierkeller.
Stadtarchiv Haigerloch- 80 Jahre Kriegsende: Nazis scheiterten mit Atombombe.
- USA planten Abwurf über Nazi-Reich, nicht Japan.
- 1944: Kernforschung in Haigerloch, wenig Uran und Schweres Wasser.
- Amerikaner klären 1945 auf: keine Gefahr durch deutschen Reaktor.
- Stadtpfarrer verhinderte Zerstörung der Schlosskirche durch US-Truppen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der 8. Mai 1945 kann nicht ohne einen Blick in den Haigerlocher Untergrund erinnert werden. Das Felsenstädtle stand damals mit im Zentrum der Weltgeschichte – ohne, dass es die Menschen, die vor 80 Jahren an der Eyach lebten, ahnen konnten. Oder wusste man zumindest teilweise Bescheid, was sich im Bierkeller des Gasthofs „Schwanen“ abspielte? Haigerloch hat den Amerikanern wenige Tage vor dem 8. Mai 1945 die Augen geöffnet: Die Angst vor einer deutschen Atombombe war unbegründet!
Seit vielen Jahren gibt das an historischer Stätte in der Pfluggasse etablierte Atomkellermuseum erschöpfend Auskunft über die Kernforschung Nazi-Deutschlands, die just im Hohenzollerischen ihr abruptes Ende fand. Der frühere Kulturamtsleiter Egidius Fechter hat ein informatives Buch dazu geschrieben.
Der Bomben wegen nach Hohenzollern
Die Fakten im Schnelldurchgang: Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik um die Wissenschaftler Otto Hahn und Werner Heisenberg war 1944 wegen der massiven Fliegerangriffe von Berlin in die süddeutsche Provinz verlagert worden. Geforscht wurde in Hechingen. Die praktischen Versuche gab es in Haigerloch – im Bierkeller des „Schwanen“, den man dazu angemietet hatte. Es fehlte allerdings an ausreichend Uran und Schwerem Wasser. Die Kernforscher traten nahezu auf der Stelle. Egidius Fechter unterstreicht gegenüber der HZ: „Erst in Haigerloch wurde den Amerikanern klar, dass die Deutschen gar nicht weit gekommen waren.“
Amerikaner schneller als die Sowjets
Die Hysterie, die in den USA angesichts der vermeintlichen Nazi-Superwaffen herrschte, war bis dahin, so bestätigen es sämtliche Historiker, stattlich gewesen. Sogenannte „Vergeltungswaffen“ hatten die Deutschen schon gebaut. Die V2-Raketen freilich waren zwar spektakulär und erreichten tatsächlich England, bewirkten aber keinerlei Kriegswende mehr. Die Raketentechnik der Nazis nahmen die Amerikaner am Kriegsende gerne in Beschlag und flogen später damit bis zum Mond. Die Sowjets waren einen Tick zu spät gekommen.

Uran und Schweres Wasser brauchte es für die Kernforschungsversuche der Nazi-Physiker. Sie hatten welches, aber viel zu wenig. Die Reste wurden vor dem Einmarsch der Franzosen unter anderem bei der untere Mühle in Gruol versteckt. Von dort nahm sie die Spezialeinheit "Alsos" der Amerikaner mit.
Stadtarchiv HaigerlochÜber die Atomforschung der Deutschen wusste die Vereinigten Staaten seit langem Bescheid. Nur eben fehlte die Kenntnis über den konkreten Stand der Dinge. Den sicherten sich die Amerikaner mithilfe ihrer „Alsos“-Mission, eine speziell für die Nazi-Kernforschung zusammengestellte Truppe.
Die Franzosen sind zuerst da
Die fuhr drei Tage nach dem französischen Einmarsch in Haigerloch ebenfalls im Felsenstädtchen vor. Das war am 23. April 1945, einem Montag. Von schwer bewaffneten Soldaten eskortiert, musste der „Schwanen“-Wirt den Weg zu seinem Bierkeller weisen. Dort bemerkten die „Alsos“-Experten offenbar schnell, dass vom Atomreaktor der Nazis keine Gefahr ausging.
Der Rest ist längst Geschichte: Die Reste der Anlage im Bierkeller wurden zerstört beziehungsweise mitgenommen. Uran und Schweres Wasser, unabdingbar für die Kernspaltung, hatten die Kaiser-Wilhelm-Leute zwar, aber in viel zu geringen Mengen. Das Material war auf einem Acker beim Schloss und in der unteren Mühle von Gruol versteckt worden. Durch Verhöre, so heißt es heute, waren die Amerikaner darauf gestoßen. Man wusste also doch Bescheid, zumindest etwas.
Stadtpfarrer rettet die Schlosskirche
Erst später wurde bekannt, dass Monsignore Gulde, der damalige Stadtpfarrer, die Amerikaner gerade noch davon abgehalten hatte, den Atomkeller zu sprengen. Das wäre der Zerstörung der darüber liegenden Schlosskirche gleichgekommen. Der Geistliche zeigte den „Alsos“-Soldaten die Kirche, und die Amerikaner gaben sich kulturbeflissen: Es wurde nicht gesprengt, sondern nur der Eingang zum Keller verrammelt. Das blieb er wohl lange Zeit. Egidius Fechter weiß, dass der Schwanen-Wirt den Raum nur noch als Abstellkammer nutzte. Das Bier wurde an der Theke gekühlt. Es brauchte keinen Eiskeller mehr. Den erwarb die Stadt in den 70er-Jahren im Rahmen der Stadtsanierung.

Die Schlosskirche Haigerloch steht nach wie vor stabil auf dem spektakulären Felsen. Wenn der damalige Stadtpfarrer nicht interveniert hätte, wäre der Felsen wegen des Bierkellers mit einem Atomreaktor im Aufbau gesprengt worden. Das hätte die Kirche nicht überstanden.
SWP-ArchivEinige Jahre später wurde Haigerloch überregional bekannt durch sein Atomkellermuseum. Das ist denn auch ziemlich einzigartig, weil das Kaiser-Wilhelm-Institut just nur an der Eyach einen Reaktor gebaut hatte. Auch und besonders 80 Jahre danach stehen das Museum und die Ereignisse vom April 1945 erneut und international im Fokus.
Weil der Endsieg dann doch ausfiel
Wenig beachtet bei allen Wiederholungen zu diesem Jahrestag ist der Umstand, dass die Deutschen nur froh sein konnten, dass es im Haigerlocher Keller einst partout nicht vorangehen wollte mit der Kernforschung. Die Ängste der USA wegen möglicher Forschungserfolge der Nazis war äußerst ausgeprägt. Mit Konsequenzen, die einem heute noch das Blut gefrieren lassen können: Zunächst stand für den Abwurf der ersten Atombombe nicht Japan, sondern das Deutsche Reich auf dem Plan. Die Amerikaner hätten in Europa den Zweiten Weltkrieg mithilfe ihrer Wahnsinnswaffe auf einen Schlag beendet. Den Deutschen war zum Glück noch rechtzeitig der vermeintliche Endsieg entglitten.

