11. September 2001
: „Ich kam telefonisch nicht durch“ – so erinnern sich Leserinnen und Leser im Zollernalbkreis

Wo waren Sie am 11. September 2001? Leserinnen und Leser erzählen, wie sie die Anschläge auf das World Trade Center erlebt haben und warum die Erinnerungen bis heute bleiben.
Von
red
Zollernalbkreis
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FILES-US-ATTACKS-9/11-ANNIVERSARY: (FILES) This September 11, 2001 file photo shows a man standing in the rubble, and calling out asking if anyone needs help, after the collapse of the first World Trade Center Tower in New York City. September 11, 2026, will mark the 25th anniversary of the September 11, 2001, attacks that killed nearly 3,000 people in New York, Washington and Pennsylvania. (Photo by DOUG KANTER / AFP)

Nach dem Einsturz des World Trade Centers in New York: Rauch, Schutt, Entsetzen.

DOUG KANTER/afp
  • Leserinnen und Leser aus dem Zollernalbkreis schildern ihre 9/11-Erinnerungen.
  • Viele sahen die Anschläge live im TV, einige waren zuvor selbst auf den Türmen.
  • Berichte reichen von Schock, Angst und Mitgefühl bis zu Reise- und Alltagsabbrüchen.
  • Ein Zeitzeuge in den USA erreichte Familie nicht telefonisch und sah Militärkonvois.
  • Ground Zero-Besuche und anhaltende Emotionen prägen die Erinnerung bis heute.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der 11. September 2001 hat sich ins Gedächtnis zahlreicher Menschen eingebrannt. Viele wissen noch genau, wo sie waren, als die ersten Bilder aus New York um die Welt gingen, mit wem sie sprachen, was sie fühlten. Unter unseren Leserinnen und Lesern starteten wir einen Aufruf: Wie erinnern sie sich an 9/11, an den Anschlag auf das World Trade Center 25 Jahre später. Hier eine Auswahl der Einsendungen.

Axel Noske, Leser aus Balingen

Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Dienstag im September 2001. Der Urlaub gestern zu Ende, das Telefonguthaben aufgebraucht. Zum Aufladen der Prepaid-Karte in den Telekom-Laden gegenüber des Seiteneingangs der Stadtkirche. Reges Treiben im Geschäft. Alle Mitarbeiter betriebsam in Verkaufsgesprächen, und lange Schlangen vor den Tresen. Personalausweise werden kopiert, neue Modelle und günstige Tarife lautstark angeboten sowie Mobilfunknummern verteilt. Geschäftigkeit wie jeden Werktag. Jeder will ein Handy.

Ich reihe mich in eine der vier Schlangen ein und peile die Lage. Wie lange wird es wohl dauern? Ich zähle die Leute vor mir und bemerke, dass einige gespannt auf den Monitor hoch oben an der Seitenwand starren. Ich drehe mich in Richtung Bildschirm. Der Ton ist stummgeschaltet.

Ich sehe, wie immer wieder ein Flugzeug in die oberen Stockwerke eines der beiden Tower des World Trade Centers fliegt. Wohl ein verheerendes Unglück. Nochmal und nochmal die selbe Bildsequenz. Ich ärgere mich, weil das Fernsehen offenbar wieder einmal mit einer Katastrophe Quote macht. Jetzt eine Live-Schaltung nach New York. Mächtige Flammen wüten im oberen Drittel des Turms. Auch auf der Straßenseite, wo eine verwackelte Kamera die von Panik getriebenen Menschen festhält, dichter Qualm. Im Hintergrund die Türme.

Am oberen linken Bildrand sehe ich, wie sich ein dunkler Schatten nähert. „Schnell die Amis, jetzt löschen sie aus der Luft“, schnaufe ich still erleichtert durch. Doch nein! Es ist ein Passagierflugzeug und es kracht mit voller Wucht in den intakten Turm. Eben noch voller Optimismus, wird mir schlagartig klar, dass es sich um einen gezielten Anschlag handelt.

Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen. „Kann mal einer den Ton anmachen“, rufe ich in den Laden. Doch mein Ruf verhallt unerhört und verebbt im Tagesgeschäft mit den boomenden Handys. Ich verlasse hastig den Laden, ohne meine Karte aufgeladen zu haben. Wie wird der in Umfragen schwächelnde, angeschlagene amerikanische Präsident George W. Bush reagieren? Ich kann nur noch an eines denken: Hoffentlich gibt es keinen Krieg!

Josef Stopper, Burladingen-Salmendingen

Bei einem mehrwöchigen USA-Aufenthalt 1973 überwiegend in New York bestaunte ich des Öfteren die schon weit vorangeschrittenen Bauarbeiten an den Zwillingstürmen. Zwanzig Jahre später, 1993, bei einem erneuten USA‑Besuch genoss ich auf der Besucherplattform der inzwischen längst fertiggestellten Türme den unbeschreiblichen Panoramablick auf die Skyline von Manhattan.

Am 11. September 2001, ich saß im Büro vor dem Computer,  lief auf einem TV‑Nachrichtensender eine Live-Schaltung von der Wall Street. Mich überkommt heute noch das blanke Entsetzen, wenn ich an das plötzlich hereinbrechende Inferno denke. Ich möchte an dieser Stelle meine Sprach- und Fassungslosigkeit nicht beschreiben, dazu fehlen mir einfach die Worte. Bis heute bin ich erschüttert, wie mit Sicherheit jeder andere auch, wenn immer wieder die Erinnerung an diese schrecklichen Bilder hochkommt.

Claudia Müller, Alpharetta, Georgia, USA

Ich stamme aus Albstadt-Lautlingen und lebe seit mehr als 22 Jahren in den USA, nördlich von Atlanta, Georgia.

An den Tag selbst erinnere ich mich noch genau. Ich arbeitete damals im Büro eines Unternehmens im Schwarzwald, als eine Kollegin uns von den Anschlägen berichtete. Wir versammelten uns regelrecht um ihren Computer und versuchten gleichzeitig, die US-Tochtergesellschaft anzurufen, um zu erfahren, wie die Lage in den USA ist. Der Zugang zu Informationen war 2001 natürlich ein ganz anderer als heute. Soziale Medien gab es noch nicht, der Informationsfluss war viel eingeschränkter als bei globalen Ereignissen heute. Wir konnten nicht glauben, was da gerade geschah und uns nur schwer auf die Arbeit konzentrieren.

Für mich hatten die Bilder aus New York noch eine sehr persönliche Ebene. Im Herbst 1998 hatte ich ein dreimonatiges Praktikum bei der US-Tochtergesellschaft in Georgia absolviert. Meine Schwester besuchte mich zum Abschluss für eine Rundreise, unter anderem nach New York, und gemeinsam standen wir damals selbst auf dem World Trade Center. Dazu kam, dass ich Familie in New Jersey habe. Ich machte mir Sorgen, ob bei ihnen alles in Ordnung ist.

Am 11. September selbst verfolgte ich die Nachrichten bis spät in die Nacht und ebenso in den Tagen und Wochen danach. So tragisch die Ereignisse waren, so sehr hat mich damals der Zusammenhalt in New York beziehungsweise in den USA beeindruckt.

Dieser Tag hat New York für immer verändert, und aus meiner Sicht die ganze Welt. Diese Form des Terrorismus war mir bis dahin persönlich noch nie so nahegekommen, auch wenn es mich persönlich nicht betroffen hat. Am deutlichsten spürbar waren für mich zunächst die Auswirkungen auf das Reisen. Dazu kam ein neues Bewusstsein dafür, dass sich das, was heute sicher scheint, in der nächsten Sekunde ändern kann.

Seit ich in den USA lebe, war ich beruflich und privat über 20 Mal in New York. Wann immer es zeitlich möglich war, bin ich auch zum Ground Zero gegangen und habe so über die Jahre den Wiederaufbau mitverfolgt. Zuerst die Eröffnung der Gedenkstätte mit den beiden Wasserbecken, den Memorial Pools, an den Stellen, an denen die Türme standen. Und schließlich die neuen Hochhäuser, allen voran das One World Trade Center. Wer nach New York reist, sollte sich die Zeit für die 9/11‑Gedenkstätte und das Museum unbedingt nehmen. Es lohnt sich.

Ludwig Bosch, Jungingen

Es war am Nachmittag. Mein Telefon klingelte. Am anderen Ende die aufgeregte Stimme meines Sohnes aus München. „Papa, schalt schnell das Fernsehen ein, schau, was in New York passiert!“

Ich lief zum Fernseher, schaltete ein und sah das Inferno, das Unglaubliche: Rauch und Qualm und schreiende Menschen. Am Abend erzählte mir mein Sohn: „Papa, vor drei Tagen bin ich dieselbe Strecke von Boston nach New York geflogen, wo ich meinen Freund und IBM-Mitarbeiter Jim besuchte. Abends haben wir auf dem World Trade Center gegessen und die Aussicht auf die Stadt bewundert.“ Jim stellte noch die Frage: „Was würde passieren, wenn dieser Turm umfallen würde?“ Drei Tage noch blieb er stehen. Man kann es sich nicht ausdenken. Es lagen nur drei Tage zwischen den Flügen, zwischen ganz normal und einem Ereignis, das dem Weltuntergang sehr nahe kam.

Axel Heiner, Bisingen

Im Juli 1990 befand ich mich mit meinem späteren Trauzeugen in New York. Wir besichtigten auch das World-Trade-Center. Ich erinnere mich noch gut daran, da ich vor dem Gebäude stand und die obersten Etagen in den Wolken verhüllt waren. Ich sagte zu meinem Freund damals: „Stell' Dir vor, dieses Gebäude hier würde einstürzen. Das wäre der Supergau.“

Am 11. September 2001 befand ich mich auf einer Fortbildung beim Landeskriminalamt in Stuttgart. In den Mittagsstunden kamen die ersten Meldungen aus den USA. Der Lehrgang wurde abgebrochen, wir wurden aufgefordert, unsere Heimatdienststellen aufzusuchen, also fuhr ich von Bad Cannstatt zurück zur Kripo nach Balingen.

Im Radio wurde ununterbrochen über die Situation berichtet. Mit jedem Kilometer weiter in Richtung Süden erreichten mich neue Horror-Nachrichten. Als ich mich an der Weinsteige befand, berichteten sie von einem weiteren Flugzeug, das die Twin-Towers getroffen hatte. Es war unfassbar!
Den ganzen Abend verbrachte ich paralysiert vor dem TV. Das Wissen um die Erlebnisse in Manhattan und meine persönliche Erfahrung ein Jahr zuvor, trafen mich persönlich schwer. Ich war seit 2001 mehrfach wieder in den USA. In New York aber nie mehr. Nichts zog mich seither wieder in die Stadt.

Klaus Karl Härtwig, Albstadt

Kurz vor den Anschlägen waren unsere Eltern in Tailfingen verstorben. Wir, drei Brüder aus Dortmund, Liptingen bei Tuttlingen und Tailfingen, hielten uns aus diesem Grund am 11.09.2001 im Haus der Eltern auf der Stiegel auf.

Im Moment der ersten Nachricht im Fernsehen standen wir vor der Garage einige Meter vom Haus entfernt, als die Lebensgefährtin meines Dortmunder Bruders von der Terrasse rief, wir sollen mal schnell hereinkommen. In New York wäre ein Flugzeug in einen Wolkenkratzer geflogen.

Mein erster Gedanke war, eine Cessna, die dort vielleicht Rundflüge für Touristen machte, wäre abgestürzt, und dabei gegen das Gebäude geprallt. Wir standen alle vor dem Fernseher und sahen, was tatsächlich passierte. Wir waren außerstande, irgendetwas zu sagen. Das war so surreal, so unfassbar, unvorstellbar. Ich könnte heute noch genau aufzeichnen, an welcher Stelle im Wohnzimmer wer von uns stand. Ich weiß, welches Wetter wir hatten, und es war draußen nicht kühl. Deswegen waren unsere eiskalten Hände keineswegs ein Resultat der offenstehenden Terrassentür. Uns gefror sprichwörtlich das Blut in den Adern.

Auch jetzt, 25 Jahre danach, in diesem Moment, in dem ich das schreibe, schlägt mein Herz schneller, und die Erinnerung bewegt mich emotional. Eine Erinnerung, die auch heute noch diese Schockstarre nachwirken lässt.

Barbara Szymanski, Balingen

Anfang September 2001 hatte ich Urlaub und hoffte auf schöne Spätsommertage. Doch es regnete und das Thermometer brachte es sage und schreibe nur auf elf Grad Tagestemperatur. Also kurzfristig ab in den Süden: Zypern, Hotel direkt am Meer, Sonne, Wind, fantastisches Buffet, nette Leute, Katzen, Einladung zu einer griechischen Hochzeit – richtig Urlaub. Am frühen Nachmittag des 11. Septembers war der Strand plötzlich leer. Wir genossen dies und machten uns zur gewohnten Zeit auf ins Hotel. An der Rezeption niemand, das Foyer menschenleer. Nur ein Raum war überfüllt, der Fernsehraum.

Ich raunte meinem Mann ins Ohr: Am helllichten Tage schauen sich unsere englischen Gäste einen Katastrophenfilm an mit Feuer und Rauch, schreienden Menschen, explodierenden Flugzeugen, Feuerwehrsirenen. Doch rasch wird klar: Das war real. Also rauf aufs Zimmer und den Fernseher angestellt: Luftraumsperrungen, Flüge werden gestrichen. Kommen wir runter von der Insel? Sonne, Meer, Buffet? Das ist jetzt Nebensache. Mit viereckigen Augen sitzen wir vor dem Kasten.

Der Rückflug klappte, viele Maschinengewehre, gründliche Kontrollen, verspätete Maschine und immer die Bilder vor Augen von Feuer und Rauch, explodierenden Flugzeugen. Der Spätsommer hat dann doch noch eine Abschiedsvorstellung gegeben – daheim und in Sicherheit.

Hans Schmiederer, Balingen

Um niemandem nahezutreten: Aber ohne Ortskenntnis scheint mir das apokalyptische Ausmaß jenes wuchtigen Terroranschlages in seiner ganzen Dimension nicht vorstellbar zu sein. Die Bilder, die damals in den Medien ausgestrahlt wurden, können das Ergreifende nicht so spürbar reproduzieren.

Mich erreichte damals diese Erstnachricht am Feierabend auf der Heimfahrt im Autoradio. Von Berufs wegen Schockierendes gewohnt, übertraf mich diese Meldung ob der unfassbaren Vorstellung, was mit all den Menschen geschah.

Im Hof meines Anwesens verharrte ich am Autoradio so lange, bis die letzte Wortmeldung kam. Wechselte danach zum Fernseher ins Haus, verfolgte die Berichterstattungen weiter. Die Hintergründe versetzten uns als Familie in Wut und Hass bezüglich Motiv und Täterschaft. Dass die Welt hernach eine andere werden würde, erschloss sich mir sofort.

Meine Gedanken drehten sich anfangs hauptsächlich um das Innenleben der Türme. Parallel dazu malte ich mir ein bizarres Bild zu den Einstürzen der Türme in der Umgebung aus. Spekulierte ein bisschen, tröstend und hoffend darauf, dass aufgrund der Ereigniszeit beziehungsweise der Zeitverschiebung die oberen zwei Etagen in einem der Türme nicht frequentiert gewesen sein könnten. All diese Leute sah ich  „gefangen“ ebenso in den Aufzügen, oben sowieso, auch keine Rettung für die schlängelnde Warteschlange im Erdgeschoss.

Glücklicherweise hatten die Attentäter ihre Planungen früher angesetzt, schwirrte mir seinerzeit durch den Kopf.

Warum fühlten sich meine Frau und ich betroffen? Kaum zweieinhalb Jahre vor dem Anschlag befanden wir uns lange in jener Warteschlange, bis wir per Aufzug in die vorerwähnten obersten Etagen gelangten und dort die unvergessliche Aussicht auf Manhattan und die Freiheitsstatue genossen. Passend dazu überlegten wir, wie wir wohl reagiert hätten, als sich der Erstflieger dem Nachbarturm näherte und in diesen hineinkrachte. Weiteres Szenario erspare ich mir, wir leiden immer noch unter diesen Eindrücken, empfinden 25 Jahre danach noch Mitgefühl für die Betroffenen und fühlen uns abermals an den weisen Spruch erinnert: nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen zu sein.

Evi und Manfred Lange

Am ersten Tag unserer Busreise in die Toskana, es war der 11.09.2001, erfuhren wir von Mitreisenden, dass Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers gerast seien. Dadurch, dass wir Jahre zuvor in New York waren und die Hochhäuser gesehen hatten, fühlten wir uns diesem Unglück näher.

Betroffen saßen wir im Bus. Die Urlaubsstimmung war ziemlich gedämpft. Abends im Hotel konnte man im Fernsehen die ganze Katastrophe sehen – wie die Flugzeuge in die Türme rasten und die Türme nacheinander einstürzten mit all den furchtbaren Folgen. Immer wieder war das Mitgefühl zu spüren und Worte waren zu hören wie: Man hätte ja auch dabei sein können.

Gespräche am nächsten Tag am Frühstückstisch drehten sich vornehmlich um dieses Unglück und auch die weiteren Tage unserer gemeinsamen Fahrt. Wenn man nach 25 Jahren diese Zeit zurückholt, schaudert man immer wieder und wird demütig.

Annette Link, Balingen

Ich arbeitete damals als Köchin im Bistro Manhattan im Rogg&Roll und machte wie üblich um 14:30 Uhr Feierabend. So fuhr ich nach Hause und wollte erst mal etwas auf dem Sofa entspannen. Dazu schaltete ich meinen Fernseher ein und wunderte mich, dass am Nachmittag wohl ein amerikanischer Krimi lief. Ärgerte mich noch, weil ich keine Lust auf so gewaltsame Szenen hatte. Doch irgendwie waren die Szenen seltsam und ich schaltete auf einen anderen Sender um. Noch seltsamer, denn da zeigten sie dieselben Bilder. Erst dann bemerkte ich, dass das echte Bilder sind und ich setzte mich konzertiert hin.

Jetzt kapierte ich das Geschehen! Und ich konnte es nicht fassen. Hoffte dennoch, dass es ein Trickfilm ist und nicht echt. Dann flog das zweite Flugzeug in das Gebäude und ich erstarrte. Das alles zu sehen, löste bei mir sofort Tränen von Bestürzung, Entsetzen und Trauer aus. Stundenlang saß ich da.

Dem Bistro mit dem Namen Manhattan legte ich damals Trauerflor bei der Kasse auf. Wenn ich die Bilder im Fernseher sehe, muss ich immer noch weinen. Mein Bezug war so stark, denn bei meiner Reise nach Mexiko gab es eine Zwischenlandung auf dem Kennedy Airport und beim Weiterflug sah ich die Twin Towers und die Freiheitsstatue ziemlich nahe.

André Schwenk, Rangendingen/Stuttgart

Dieser Tag und die Erfahrungen in den Stunden und Tagen danach prägten sich für immer tief in meinem Gedächtnis ein. Manchmal beschäftigt sie mich in Zeiten der aktuellen Kriegskonflikte bis heute mehr oder weniger intensiv.

Nach meinem einjährigen USA-Aufenthalt in einer Gastfamilie und an einer Highschool nahe Philadelphia in Pennsylvania (1995/96) begann ich im Rahmen meines Studiums am 1. September 2001 mein Praktikum beim Medizinkonzern Johnson & Johnson in New Jersey, zirka eine Stunde von Downtown Manhattan entfernt.

Nach dem Labor Day Weekend ging es am 9. September per Flug zum Produkttraining nach Rochester in „Upstate New York“, wo die ehemalige Kodak-Zentrale war. Abflug: Newark Airport, direkt gegenüber von Manhattan. Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, wenn ich diesen Moment schildere: Ich blickte fasziniert wie ein kleines Kind aus dem Fenster auf die Türme des World Trade Centers, auf denen ich bis dato mehrmals war. Die Skyline Manhattans ist einfach beeindruckend. In diesem Moment konnte ich mir niemals vorstellen, was ich nur zwei Tage später, live im Fernsehen mit eigenen Augen sehen sollte.

Am zweiten Tag der Schulung war morgens eine kleine Kaffeepause, als völlig aufgelöst und aufgeregt eine Teilnehmerin der Gruppe berichtete: „Ein Flugzeug ist soeben in das WTC geflogen.“ In der Vorzeit der schnellen Social Media waren das Telefon und der TV das schnellste Informationsmedium. Also sind wir alle in den Pausenraum gegangen und starrten völlig schockiert in den Fernseher, der in üblicher „US-Manier“ alles „live“ berichtete. Mehrere Helikopter schwirrten bereits über NY.

Mit bangem Blick beobachtete man die Zwillingstürme, mit dem einen brennenden Turm. Die Kollegen, die teilweise aus ganz USA gekommen sind, telefonierten mit Familienangehörigen. Daran dachte ich in diesem Moment nicht unbedingt – ich fühlte mich eigentlich sicher. Mein dauerhafter Blick galt den Türmen im TV, bis nach dem ersten Flugzeug allen Ernstes ein zweites Flugzeug in den anderen Turm gekracht ist.

Ich konnte es nicht fassen, was ich da sah. Absoluter Schock! Außer „Oh my God“ (Oh mein Gott) hörte man nicht viel und es war ruhig im Raum. Pures Entsetzen. Wenn für den Menschen zuvor unvorstellbare Dinge geschehen, benötigt man ein wenig, bis man die Realität versteht. Für immer eingebrannt bleiben mir die leidvollen Bilder der um Hilfe winkenden Leute und der Sprünge in den Tod. Zuletzt der Kollaps des einen und danach des anderen Turms. Eine schreckliche Katastrophe. Trümmer. Schutt. Asche. Und das in unserer modernen, sicheren Welt.

Für mich gingen nach diesem Schock erst die schwierigen Tage los. Inlandsflüge gingen keine mehr. Die Trainerin fuhr mit mir im Auto zurück zur Firmenzentrale in New Jersey. Auch diese Bilder werde ich nie vergessen, wie ich als „glückliche Nachkriegsgeneration, die im Frieden aufwuchs“, auf dem Highway Richtung New York fast ausschließlich schweres militärisches Gerät rollen sah. Panzer. Flugabwehr. Militär-Lkw.

So langsam realisierte ich, dass ich als Ausländer und weit weg von meinen Liebsten, meiner Familie in Deutschland im beschaulichen Zollernalbkreis, mich nicht mehr unbedingt sicher fühlen konnte. Ich hatte das erste Mal Angst um mein Leben. War dies gegebenenfalls der Start eines dritten Weltkriegs? Und ich als Deutscher mittendrin? An den ersten beiden Tagen kam ich telefonisch nicht nach Deutschland durch. Es gab schon E‑Mails – also schrieb ich meiner Familie meine Ängste und Sorgen. Zurück in New Jersey musste ich den nächsten Schock verdauen – meine Vermieterin, eine alleinerziehende Mutter mit einer 3-jährigen Tochter, kündigte mir mit sofortiger Wirkung das Mietverhältnis und schickte mich fort wegen der Sorgen ihres Ex-Mannes um seine Tochter.

Ein Jahr später kehrte ich zurück und besuchte auch „Ground Zero“, um der Opfer zu gedenken. Traurig und nachdenklich zugleich, wenn ich 25 Jahre später die Entwicklung der Weltpolitik und der USA bedenke. Brücken zu bauen und Menschen zu verbinden, anstatt sie abzubrechen oder gar Mauern zu bauen, um Menschen zu trennen. Das wünsche ich mir auch als Kind der deutschen Einheit in diesen Tagen umso mehr.