Wirtschaft Heilbronn-Franken: IHK und Südwestmetall schlagen Alarm

Kann der von Bundeskanzler Scholz vorgeschlagene Deutschland-Pakt den angeschlagenen Wirtschaftsstandort retten? Die regionalen Spitzen von IHK und Südwestmetall hoffen das, sind aber skeptisch.⇥
Ohde, ChristianZu hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie, eine abnehmende Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland – eigentlich sind die Befunde nicht neu. Doch unterstreicht es den Ernst der Lage, dass IHK Heilbronn-Franken und Südwestmetall-Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken Anfang September schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres zu einer Pressekonferenz einluden, um auf die aus ihrer Sicht prekäre Lage der Unternehmen in der Region aufmerksam zu machen. Dass diesmal im Gegensatz zur Pressekonferenz im Herbst 2022 die Handwerkskammer im Heilbronner Haus der Wirtschaft fehlte, wurde mit der kurzfristigen Planung begründet.
„Wir befinden uns in einer durchaus ernsten Situation. Die Sorge um den Standort Deutschland nimmt stetig zu – auch international“, leitete IHK-Hauptgeschäftsführerin Elke Döring die Veranstaltung ein, um gleich darauf kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen: „So viel Frust habe ich noch nie erlebt in 13 Jahren bei der IHK.“ Es herrsche eine sehr schlechte Stimmung bei vielen Unternehmen in der Region, die aus der trüben Konjunktur und der lauen Auftragslage resultiere.
Doch was noch viel bedenklicher sei: Viele Entscheidungen der Bundesregierung hätten zu einem Vertrauensverlust vor allem bei den kleinen und mittleren Unternehmen geführt, die nun fürchten würden, keine Lobby mehr zu haben. „Die Zeit drängt. Wir stehen am Scheideweg. Wir brauchen den großen Wurf“, mahnte Döring. Andernfalls drohe ein Teufelskreis aus Produktionsverlagerungen, Jobabbau und ausbleibenden Investitionen.
Südwestmetall fordert Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft
„Wir haben eine Gemengelage, die wirklich nicht gut ist“, meinte auch Hans-Jörg Vollert, der als Geschäftsführer des Heilbronner Unternehmens Vollert Anlagenbau, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe gleich dreifach von den aktuellen Krisen betroffen ist. Sein Appell: „Wir brauchen eine große Strukturreform.“ Vor allem zwei Themen brannten Vollert unter den Nägeln: Zum einen mache er sich Sorgen um die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme, wenn mehr als die Hälfte der Deutschen der Meinung sei, Arbeit lohne sich nicht mehr, und gleichzeitig die Lohnnebenkosten weiter anstiegen. Zum anderen stellte er die derzeitige Energiepolitik infrage und bezweifelte die Grundlastfähigkeit des Stromnetzes. In diesem Zusammenhang forderte er einen Brückenstrompreis und prophezeite: „Wir werden bis 2030 noch Steinkohle als Brückentechnologie brauchen, auch wenn ich’s nicht gut finde.“ Die Energiewende in ihrer derzeitigen Form kritisierte Vollert als „einfach schöngeredet“.
Auch Jörg Ernstberger sprach von einer „gefährlichen Melange“. Der Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe forderte vor allem ein Umdenken auf gesellschaftlicher Ebene. So müsse eine neue Fehlerkultur her – nicht umsonst zeigten Studien, dass Genehmigungsverfahren oft so lange dauerten, weil die beteiligten Juristen Angst vor Fehlern hätten.
Ein weiteres Problem: Politischen Entscheidungsträgern werde nichts mehr zugetraut. Doch zeigte sich Ernstberger hier zuversichtlich, dass durch ein verändertes „Mindset“ der „Hebel auch wieder umgelegt“ werden könne. Gleichwohl vermisse er eine starke Führungsfigur, welche die Menschen aus ihrer Lethargie angesichts der multiplen Krisen reißen könnte. Trotz weiter bestehendem Arbeitskräftemangel sei Umqualifizierung wichtig – nicht zuletzt da angesichts der Auftragsflaute in der Automotive- und Elektronikbranche schon wieder mit Kurzarbeit geplant werde. Die Diskussion über eine Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich bezeichnete Ernstberger daher als „sinnfrei“. Eine Chance sei der von Bundeskanzler Olaf Scholz angeregte „Deutschland-Pakt“ zur Modernisierung des Landes. Und so fiel Ernstbergers Fazit nicht gänzlich hoffnungslos aus: „Mit einer starken Wirtschaft, einem starken Staat und einer starken Demokratie wird es kein Abdriften in irgendwelche Themen geben.“
IHK sieht Wirtschaft in Heilbronn-Franken am Scheideweg
Das Schlusswort gebührte wiederum Elke Döring: „Wir wollen Alarm schlagen und zeigen, dass die Wirtschaft und die Unternehmen in Heilbronn-Franken an einem kritischen Punkt sind“, sagte die IHK-Hauptgeschäftsführerin und fügte hinzu: „Dennoch wollen wir unseren Blick gemeinsam nach vorne richten. Es ist nicht die richtige Zeit, um sich auszuruhen.“ Die Ergebnisse der Kabinettsklausur in Meseberg müssten schnell umgesetzt und dürften nicht verschleppt oder aufgeweicht werden. Noch spräche vieles für Deutschland und Europa als Wirtschaftsstandort: politische Stabilität, die EU als einer der größten Wirtschaftsräume der Welt, gut ausbildete Fachkräfte, hohe Investitionen in Bildung und Technologie – wie in der Region in den Innovationspark Künstliche Intelligenz (IPAI) und den Bildungscampus. Doch das alles sei wertlos ohne die passenden Rahmenbedingungen.
Abschließend erinnerte Döring an die Bedingungen, unter denen der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1997 seine berühmte „Ruck-Rede“ gehalten hatte: Auch damals galt Deutschland als „kranker Mann Europas“. „Auch heute muss wieder ein Ruck durch Deutschland gehen“, schloss Döring daraus. „Das kann gelingen: Das Eisen glüht noch. Es gibt aus unserer Sicht keinen anderen Weg.“
