Symposium: „Wir hassen Veränderung, wir hassen Innovation“
Einschneidende Veränderungen prägen den Markt — neben dem Fachkräftemangel auch der technologische Fortschritt samt künstlicher Intelligenz. Ein Thema, auf das sich die Unternehmen einlassen müssen, meint Professor Dr. Pero Mićić, Professor für Foresight and Strategy an der Steinbeis–Hochschule Berlin. Die Realität sei meist eine andere: „Wir hassen Veränderung, wir hassen Innovation – außer, sie ist unsere eigene“, sagt er kürzlich vor 211 Teilnehmern bei der vierten Auflage des Nexel–Symposiums, das erstmals in der Fassfabrik auf dem Karl–Kurz–Gelände in Schwäbisch Hall stattfand.
27 Konzerne, 165 Lieferanten
Zehn Sondermaschinen– und Anlagenbauer hatten vor Jahren das „Netzwerk exzellenter Lieferanten“ (Nexel) gegründet, um Einkaufsvorteile zu erzielen und Wissen auszutauschen, berichtet Isabelle Mansoux, Geschäftsführerin bei Qesar GmbH. Zu den großen Partnern gehören Optima, Schubert und Rommelag. Inzwischen sind es 27 Konzerne samt Tochterunternehmen. Der Kreis der Lieferanten, der laut Jochen Latz (Qesar GmbH) bevorzugt behandelt wird, zählt mittlerweile 165 Betriebe. 15 von ihnen präsentieren sich beim Symposium in der Fassfabrik an Messeständen.
Das Netzwerk umfasst 18 000 Mitarbeiter. Doch wie sollen diese gehalten werden? Referent Mićić ist überzeugt, dass die Unternehmer Zukunftsfreude entwickeln und diese ihren Mitarbeitern vermitteln müssen. Sonst fehle ein wichtiger Aspekt der Wettbewerbsfähigkeit. „Es braucht Überzeugung im ganzen Team, dass es nicht nur darum geht, das Geld des Chefs zu vermehren.“ Mitarbeiter wollten etwas bewirken, die Welt verbessern, nachhaltiger agieren.
Zu ChatGPT und KI sagt Mićić: „Wir verpassen, dass es eine exponentielle Entwicklung ist. Und es ist lächerlich, wie sehr wir uns dagegen wehren.“ Er erwartet schon bald humanoide Roboter. „Was eine Maschine kann, ist die Zeit eines Menschen nicht wert.“ Maschinen und künstliche Intelligenz würden physische und kognitive Aufgaben übernehmen. „Wir müssen uns nur darauf konzentrieren, Mensch zu sein.“
Die Veränderung als Chance sehen und nutzen — Möglichkeiten nicht verpassen. Dazu fordert auch Sven Göth auf. Er ist CEO und Gründer des Digital Competence Labs, hat unter anderem zahlreiche DAX–Unternehmen beraten. „Ohne Innovation ist jedes Geschäftsmodell endlich.“ Die Unternehmer müssten „lernen zu verlernen“. Heutzutage könne jeder rasend schnell erfolgreiche Firmen aufbauen und unaufmerksamen Platzhirschen Paroli bieten.
Göth nennt das Beispiel des Influencers „MrBeast“, der 157 Millionen Abonnenten zählt. Als dieser angekündigt habe, einen Burger zu vermarkten, sei er von Fastfood–Ketten belächelt worden. Durch die enorme Reichweite habe der Influencer 1,9 Millionen Burger in den ersten drei Monaten verkauft, während die großen Konkurrenten nachgelassen hatten. Viele Branchen seien von solchen Marktverschiebungen betroffen. Online–Plattformen, Social Media und auch die digitale Welt „Metaverse“ dürften keinesfalls unterschätzt werden. Hugo Boss etwa habe in einer stagnierenden Phase auf Influencer gesetzt und sei „nach oben geschossen“. Gucci verkaufe in Metaverse Taschen deutlich teurer als in realen Geschäften. Göth spricht von Marktsicherungsstrategien. Es sei wichtig, die Interessen der Kunden zu kennen — auch die der nächsten Generation.
Tablette statt Sprühflasche
Das beschäftigt auch Optima. Der Konzern hat neben Wachstum, Innovation und Qualitätssicherung die Strategien „We care for people“ und „We care for tomorrow“ fest verankert, berichtet Geschäftsführer Dr. Stefan König. Die Wünsche der Verbraucher änderten sich. König zeigt als Beispiel eine Sprühflasche mit Reinigungsmittel. „Man will keinen halben Liter Wasser kaufen, worin eine Chemikalie aufgelöst ist, sondern die Chemikalie selbst.“ Tabletten zum Auflösen könnten eine ökologische Alternative sein.
Mit Nachhaltigkeit betreibe der Abfüll– und Verpackungsmaschinen–Hersteller kein Greenwashing, so Dominik Bröllochs, der ein eigens für „Sustainable Solutions“ gegründetes Team leitet. Umfangreich werde der ökologische Fußabdruck bilanziert — selbst, was Anfahrtswege der Mitarbeiter betrifft, auch die Herstellung und Nutzung der Maschinen. Seit 2009 sei der CO2-Verbrauch um 40 Prozent gesenkt worden, bis 2050 soll die Dekarbonisierung 90 Prozent betragen. Das gehe nur mit innovativen Ideen und stetiger Weiterentwicklung.

