Interview zu KI
: Ranga Yogeshwar: „Das Business as usual ist vorbei“

InterviewDer Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator Ranga Yogeshwar spricht über Künstliche Intelligenz. Welche Chancen und Risiken er für die Wirtschaft in Heilbronn-Franken sieht.
Von
Frank Lutz
Schwäbisch Hall
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  • Wird Künstliche Intelligenz dem Menschen künftig noch mehr zur Hand gehen oder wird sie immer stärker in sein Leben eingreifen? Das ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit, die sich nicht nur in der Arbeitswelt stellt.⇥

    Wird Künstliche Intelligenz dem Menschen künftig noch mehr zur Hand gehen oder wird sie immer stärker in sein Leben eingreifen? Das ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit, die sich nicht nur in der Arbeitswelt stellt.⇥

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  • Ranga Yogeshwar plädiert für einen reflektierten Fortschritt, bei dem Chancen und Risiken neuer Technologien sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.⇥

    Ranga Yogeshwar plädiert für einen reflektierten Fortschritt, bei dem Chancen und Risiken neuer Technologien sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.⇥

    yogeshwar.de
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REGIOBUSINESSBei Ihrem Vortrag beim diesjährigen Frühjahrsempfang der IHK Heilbronn-Franken haben Sie einen optimistischen Eindruck gemacht, in anderen Interviews dagegen wirken Sie sehr sorgenvoll: Sie sagen, dass die Entwicklung bei KI Ihnen zu schnell geht und haben den offenen Brief unterzeichnet, der ein sechsmonatiges Moratorium der KI-Entwicklung fordert. Was bereitet Ihnen am meisten Sorge und was versprechen Sie sich von dieser Entwicklungspause?

RANGA YOGESHWAR Meine Haltung verdichtet sich auf das, was ich reflektierten Fortschritt nenne. Also KI bietet uns enorme Chancen, aber gleichermaßen könnten Dinge aus den Fugen geraten. Und mein Appell an der Stelle ist, auf der einen Seite offen an diese Technik heranzugehen und die Chancen zu sehen, aber gleichzeitig auch schon im Vorfeld die Zielsetzung der KI, die möglichen dunklen Seiten bestimmter Anwendungen zu antizipieren und da, wo es notwendig ist, auch klare Grenzen zu ziehen.

REGIOBUSINESS Was wären mögliche dunkle Seiten für Sie?

RANGA YOGESHWAR Wenn wir uns zum Beispiel den Kommunikationsprozess innerhalb unserer Gesellschaft anschauen, dann erleben wir mit den sozialen Netzwerken eine erste Stufe der Kommunikation unter Bezugnahme von KI: Nämlich KI kuratiert Inhalte. Ganz konkret bei den Algorithmen, die bei sozialen Netzwerken aktiv sind, werden Inhalte, die besonders häufig geklickt werden, ganz automatisch nach oben gespielt. Das sind oft Inhalte, die nicht unbedingt korrekt sind. Und das führt in der Folge dazu, dass bei sozialen Netzwerken Kollateralschäden entstehen, die wir alle zu spüren bekommen. Aber in Zukunft wird KI eben auch Inhalte generieren. Und mit dem Durchbruch der Transformer Models 2017 ist KI in der Lage, Sprache zu produzieren. Sprache ist die Basis unserer menschlichen Kultur, die Basis der Zivilisation. Und das vor dem Hintergrund, dass wir zum Beispiel heute keine klare Vorstellung davon haben, welche Ziele eine solche KI hat. Überall dort, wo Entwicklungen in einer Gesellschaft relevant sind, haben wir uns darauf eingestellt, dass wir einen Zulassungsprozess haben. All diese Prozesse fehlen in der digitalen Welt. Und mein Petitum ist, dass wir an der Stelle etwas Ähnliches setzen müssen. Das passiert im Moment überhaupt nicht.

REGIOBUSINESS Also brauchen wir vor allem klarere Regeln, im Umgang mit KI?

RANGA YOGESHWAR Wir haben auch heute Regeln, aber die sind falsch. Man wirft ein Produkt auf den Markt, das nicht getestet ist, und zwingt sozusagen den User dazu, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Wir dürften Dinge nur dann zulassen, wenn wir auch sicher sind, dass die entsprechenden Nebenwirkungen kontrollierbar sind, verstanden sind, auch eingeschränkt werden, da wo es schädlich ist – und das passiert nicht.

REGIOBUSINESS Welche weiteren konkreten Regeln wünschen Sie sich und reichen sechs Monate wirklich aus, um sie umzusetzen?

RANGA YOGESHWAR Natürlich geht es mir weniger um ein Moratorium, sondern es geht darum, dafür zu sorgen, dass weltweit ein Bewusstsein dafür steigt, dass wir in einen anderen Modus kommen müssen und nicht denselben Fehler machen dürfen, wie wir ihn zum Beispiel vor Jahren bei sozialen Netzwerken gemacht haben. Eine ganz elementare Fragestellung ist Kennzeichnungspflicht für alles, was per KI generiert wird. Dann geht es um sehr detaillierte Überlegungen in bestimmten Bereichen, also wo können wir KI zuverlässig einsetzen? Wollen wir KI in Entscheidungsprozesse einbinden, bei denen es um wesentliche oder wichtige Fragen geht? Konkretes Beispiel Personalrekrutierung: Wollen wir zulassen, dass eine KI am Ende über Kandidaten entscheidet, weil wir in dem Moment keine Transparenz zum Beispiel mehr haben?

REGIOBUSINESS Wenn wir keine klare Vorstellung haben, welche Ziele KI verfolgt, heißt das dann, dass Sie Künstlicher Intelligenz einen eigenen Willen zutrauen oder dass das zumindest in Zukunft eines Tages der Fall sein könnte?

RANGA YOGESHWAR Nein, wir Menschen entscheiden und wir können mit der KI Großartiges machen, aber auch Katastrophales. Das heißt: Je nach Zielsetzung kann KI zu einer substanziellen Verbesserung des Lebens führen, aber es kann eben genauso gut zum völligen Gegenteil führen. Wir müssen uns klarmachen, dass keine KI neutral ist. Sie ist geprägt von dem Lernmaterial, das da war. Aber darüber hinaus geht es auch darum, die genaueren Zielsetzungen zu definieren.

REGIOBUSINESS Bei Ihrem Vortrag in Heilbronn haben Sie die Frage gestellt, ob wir nicht-transparente KI-Systeme nutzen sollten. 60 Prozent haben mit Ja geantwortet. Hat Sie das erschreckt?

RANGA YOGESHWAR Meine persönliche Haltung ist: Den Leuten ist nicht so richtig bewusst, was das eigentlich für Konsequenzen hat, weil wir diese Debatte ja auch nicht führen. Wir haben in der Demokratie einen ganz wichtigen Grundsatz, nämlich den Gleichheitsgrundsatz. Solche Systeme operieren aber nicht so. Wenn Sie ChatGPT eine Frage stellen und Sie stellen die Frage am nächsten Tag wieder, kriegen Sie eine andere Antwort. Überlegen Sie einfach mal, was das für Konsequenzen für den Zusammenhalt einer Gesellschaft hat. Dann landen wir sehr schnell in einem digitalen Willkürsystem.

REGIOBUSINESS Kommen wir etwas mehr auf den wirtschaftlichen Impact von KI zu sprechen: Oft wird die Sorge geäußert, dass durch ihren vermehrten Einsatz Jobs wegfallen könnten. In Heilbronn-Franken sind unter anderem Automobilzulieferer und Verpackungshersteller stark vertreten. Welchen Einfluss wird KI in diesen Branchen künftig haben?

RANGA YOGESHWAR Wir sind neben der KI natürlich in einem gigantischen Transformationsprozess. Wenn Sie die Autoindustrie nehmen, dann verstehen wir alle, dass die zukünftige Mobilität sicherlich nicht auf der Basis von Verbrennungsmotoren stattfindet. Und das ist ein Vorwurf, den ich der deutschen Autoindustrie mache, dass sie nicht verstanden hat und wirklich konsequent daran arbeitet, dass dieser Move stattfindet aus den alten Kategorien eines Autos in die neuen Kategorien einer modernen Mobiltät. Das heißt: Wir sehen dort auch neben der KI einen großen Übergang, bei dem Kernstärken der deutschen Wirtschaft nicht mehr ein Monopol darstellen, sondern es viele andere Länder gibt, die aufgeholt haben. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns bewusst werden: Wir werden nicht mehr Exportweltmeister sein, sondern wir müssen klar verstehen, dass wir eine Verschiebung erleben. Notwendig wäre jetzt eine klare Fokussierung, bei der wir unsere wirklichen Stärken herausfinden und da offensiv herangehen. Denn das Business as usual ist vorbei und das werden wir schneller erleben, als uns lieb ist.

REGIOBUSINESS Denken Sie, dass KI in diesem Transformationsprozess eine positive Rolle spielen könnte?

RANGA YOGESHWAR KI wird sozusagen in der Querbetrachtung das System noch einmal verändern. Wenn wir uns klug anstellen, können wir in bestimmten Bereichen tatsächlich gut punkten. Aber wenn wir das nicht tun, werden wir in einem Tempo überrannt, das wir uns nicht vorstellen können. Denn wir müssen uns immer klarmachen, dass die Innovationszyklen kürzer werden und dass speziell bei der KI das erste Mal in der Geschichte der Mensch eine Technologie entwickelt hat, die das Potenzial der Selbstverstärkung hat. Anders ausgedrückt: Die nächste Generation von KI wird geprägt werden von KI – also die Computer können sich inzwischen ,selbst‘ optimieren, selbst weiterentwickeln, und das ist natürlich ein gigantischer Beschleuniger. Wie disruptiv das System ist, sehen Sie daran, dass Veränderungen stattfinden, die dazu führen könnten, dass Google sich in den nächsten Jahren auflöst. Denn das Businessmodell von Google ist Werbung, und durch das Aufkommen von KI ändert sich die Art und Weise, wie wir kommunizieren. Und möglicherweise tangiert das eben auch Marketing und Werbung im klassischen Sinne.

REGIOBUSINESS Klingt nach dramatischen Veränderungen...

RANGA YOGESHWAR Ja, es sind dramatische Veränderungen, aber ich habe keine Angst davor. Es geht jetzt darum, die Chancen zu sehen und diese Chancen reflektiert wahrzunehmen, aber dann auch zu machen. Die Entwicklungen von KI sind in anderen Ländern wesentlich weiter als in Deutschland. Wir haben es notorisch verschlafen, uns sozusagen in das breite Feld der Digitalisierung mit all den Aspekten einzuarbeiten. Wir sind heute in Europa eines der Länder, das die schlechteste digitale Infrastruktur hat. An der Stelle müssten wir – und zwar radikal – Dinge verändern, sodass wir weiterkommen. Und ich habe manchmal die Sorge, dass es auch viele Unternehmer gibt, die sich auf den altverdienten, zu Recht verdienten Lorbeeren ausruhen und das Gefühl haben, die Welt würde so weitergehen – wird sie aber nicht.

REGIOBUSINESS Ich würde gerne nochmal den Bogen zurück in die Region schlagen: Den KI-Park Heilbronn müssten Sie ja begrüßen. Welche Rolle würden Sie sich von ihm wünschen im gesamten Transformationsprozess?

RANGA YOGESHWAR Ich finde es großartig, dass man einfach sagt: Ok, wir fokussieren uns darauf. Die Rolle wird eine sein, bei der wir die Entwicklung der KI in ihren vielen Facetten wahrnehmen und uns dann die Frage stellen: Worauf wollen wir uns fokussieren? Möglicherweise ist das der Einsatz von ganz konkreten KI-Modellen in ganz konkreten Prozessen wie im Maschinenbau oder in der Fertigungstechnik, wo wir vielleicht genau in der Sparte weltweit eine Führung übernehmen könnten. Am Ende geht es ja darum, dass KI auch die Realität prägt, aber da müssen wir uns vielleicht fragen: Was sind unsere Kernstärken in Deutschland? Was können wir besser als andere? Und wo kann KI uns helfen, weltweit immer noch an die Spitze zu kommen? Die Vorstellung, dass wir neue KI entwickeln so wie OpenAI oder wie Google – das ist absurd. Sondern es geht jetzt darum, sehr gezielt zu sagen: Wo können wir einen Beitrag leisten und worauf können wir einen Fokus legen, bei dem wir zumindest in allen Voraussetzungen besser dastehen als der Rest der Welt?

REGIOBUSINESS Also wäre die Rolle sehr anwendungsorientiert: sich auf kleine Probleme oder Prozesse zu fokussieren und dafür Forschung und Entwicklung voranzutreiben?

RANGA YOGESHWAR Ich glaube, dass das auf jeden Fall ein Bereich ist. ,Klein‘ ist vielleicht das falsche Wort, aber auf jeden Fall fokussierte oder klar konturierte Prozesse. Und da dann wirklich auch in der Anwendung zeigen: Das können wir.

Zur Person

Ranga Yogeshwar wurde 1959 in Luxemburg als Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Künstlerin geboren. Seine frühe Kindheit verbrachte er überwiegend in Indien. Nach dem Abitur in Luxemburg studierte er Experimentelle Elementarteilchenphysik und Astrophysik und arbeitete am Schweizer Institut für Nuklearforschung (SIN), am CERN in Genf und am Forschungszentrum Jülich. 1987 wurde er Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk Köln und leitete später das Ressort Wissenschaft. Seit 2008 arbeitet Ranga Yogeshwar als unabhängiger Journalist und Autor. Er zählt zu den führenden Wissenschaftsjournalisten Deutschlands und entwickelte und moderierte zahlreiche TV-Sendungen. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Yogeshwar erhielt über 60 Fachpreise und wurde vielfach ausgezeichnet. Er hat vier Kinder und lebt mit seiner Familie bei Köln.