So schmeckt die Fasnet 2022: Ehinger Kügele – Wecken mit Charme
Sie sind weiß mit einer zarten Bräune. Ihre Haut ist glatt und glänzend. Ein Kügele zeigt sich formvollendet, wenn es prall und rund im Korb oder beim Pfannamate in der großen Pfanne liegt. Am besten schmeckt es, wenn die Kruste beim Backen seitlich etwas aufsprang. Doch wie die Kügele gemacht werden und woher sie kommen, scheint ein großes Geheimnis zu sein. Bäcker Wolfgang Nußbaumer verrät das Rezept seiner Kügele auf keinen Fall.
Es gelte schließlich, eine Tradition zu bewahren, erklärt der Bäckermeister, der Kügele-Backen schon von seinem Opa und Vater abgeschaut hat. „Der Nußbaumer war der erste Bäcker in Ehingen, der Kügele anbot“, weiß Elvira Mall, die Zunftmeisterin der „Kügele“, deren Maske und Häs mit bunten Bommeln geschmückt sind. Die Pompons heißen wie die kleinen Wecken auch Kügele. Auch Elvira Mall kann die Herkunft der gebackenen Kügele nicht bestimmen. 1961 sei das Häs der Kügele kreiert worden, aber schon vorher lautete ein Ehinger Fasnetsruf „Kügele hoi“.
Zur Vermehrung verkleinert
Vermutlich gehen die Kügele auf den Pfannamate zurück. Der Legende nach war er ein armer Schlucker, der sein weniges Geld in den Kauf von kleinen Wecken investierte, die er den Kindern schenkte. „Vielleicht hat man dann die Wecken kleiner gemacht, damit es mehr werden und mehr Kinder beschenkt werden können“, mutmaßt Elvira Mall.
Wie dem auch sei, die Kügele beziehen ihren Charme aus der Tatsache, dass sie niedlich und klein sind. Das scheint ihr wahres Geheimnis zu sein. Im Schwäbischen hat alles, was mit der Silbe „le“ endet, einen Sympathiebonus. Auf das Niedliche fahren auch Erwachsene ab. Die essen Kügele zum Fleisch oder belegen sie mit Wurst. Helena (6) liebt Kügele mit Nutella. „Ich esse die andauernd und zu allem“, sagt Josip Zdero. Ein Erwachsener beißt für gewöhnlich zweimal rein und hat ein Kügele schon aufgegessen. Kinder brauchen drei bis vier Bisse und der ganz junge Narrensamen, der an Fasnetsumzügen gut verpackt in Kinderwägen am närrischen Geschehen teilnimmt, lutscht stundenlang an einem Kügele herum.
In Ehingen backen die Bäckereien Nussbaumer, Knöpfle und Heckenberger die Kügele. Alle drei werden von den Zünften gleichermaßen beim Kügele-Einkauf bedacht. Außer Mehl, Wasser und Salz sei eigentlich nicht viel dran, meint Hans Heckenberger von der Bucks-Höfle-Bäckerei. Die Kunst liegt im Backen und heißt „Dampf“. „Ohne Dampf sähen die furchtbar aus“, sagt Heckenberger. Auch die glänzende Kruste verdanken die Kügele einer Dampfzufuhr beim Backen.
Seit 1975 backen auch Knöpfles Kügele. „Die Kinder mögen die“, sagt Frieda Knöpfle. Die Schüler der Grundschule im Alten Konvikt essen die Kügele gerne mit einem Schokokuss, zusammengequetscht zwischen den zwei Hälften des Gebäcks. Angela Girr hat noch einen anderen Grund, warum sie beim Bäcker Nußbaumer Kügele kauft. „Die erinnern an die Jugend“, meint die Rottenackerin, die in Sachen Kügele und Wusele – das Munderkinger Pendant – diplomatisch bleibt. „Ich wohne ja mittendrin“, sagt sie. Ehinger Kügele und Munderkinger Wusele sind bis Aschermittwoch ihr Leib-und-Magen-Essen.
„Da braucht man nichts dazu“
„Da braucht man nichts dazu“, bestätigen die meisten Kügele-Käufer, die sich in der Fasnet sputen müssen, um noch Kügele zu bekommen. Denn sie sind offenbar begehrt. Wolfgang Nußbaumers Korb mit Kügele hatte sich diese Woche an einem Nachmittag innerhalb von 20 Minuten geleert. Kügele sind noch bis Fasnetsdienstag erhältlich.
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Zu elft sind sie günstiger
Speise Die Narrenzunft der Kügele verteilt üblicherweise beim Umzug Kügele mit Sauerkraut. Dabei handelt es sich aber nicht um die gebackenen Kügele, die es bei den Bäckern zu kaufen gibt, sondern um schwäbische „Knöpfle“, die im Salzwasser schwimmend garen. Die Knöpfle bestehen aus Mehl ohne Hefe und waren zusammen mit dem Kraut ein typisches Essen armer Leute. „Die reicheren Bauern haben dem Kochwasser ein Stück Bauchspeck zugefügt“, sagt Elvira Mall. Das verfeinerte den Geschmack. Bei Nußbaumer kosten elf Kügele 2,80 Euro, ein einzelnes 28 Cent. In der Bäckerei Knöpfle kosten zwölf Kügele 3,50 Euro, das einzelne 35 Cent. In der Bucks-Höfle-Bäckerei bekommt man für 3 Euro elf Kügele, das Stück kostet 30 Cent.⇥kir


