Serie: Gescheiterte Projekte: Flugplatz kam nach Laupheim statt Großsachsenheim

Ein historischer Moment: Am 10. Juni 1994 war die Vertragsunterzeichnung auf dem ehemaligen Flugplatzgelände zum Zweckverband Eichwald. von links die Bürgermeister Willi Baur (Oberriexingen), Andreas Stein (Sachsenheim) und Jürgen Scholz (Sersheim).
/BZ-Archiv/adEnde September 1956 verkündete der damalige Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß, dass auf den früheren Flugplatz ein Düsenjäger-Flugplatz eingerichtet werden soll. Dies hatte umgehend den massiven Protest aller angrenzenden Kommunen sowie der Landratsämter Ludwigsburg und Vaihingen zur Folge.
Vor allem, dass der Ausbau des Flugplatzes in dem geplanten Umfang in diesem dicht besiedelten und stark industrialisierten Raum außerordentlich schwerwiegende Gefahren für Gesundheit, Sicherheit und Arbeitskraft der Menschen in diesem Bereich zur Folge habe, waren die Argumente gegen den Flugplatz-Ausbau. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Karl Mommer kündigte, wie der Enz- und Metter-Bote in der Ausgabe vom 5. Oktober 1956 berichtete, an, das Thema vor den Bundestag zu bringen.
Bei der 166. Sitzung des 2. Deutschen Bundestages wurde am Donnerstag, 25. Oktober 1956 das Thema aufgegriffen. Die Frage, die erörtert wurde, trug Vizepräsident Dr. Max Becker im Namen des Abgeordnete Werner Pusch (SPD) so vor: „Ist es richtig, dass die Bundeswehr bei Großsachsenheim im Kreise Ludwigsburg den Bau einer Basis a) für Düsenflugzeuge und b) für ferngelenkte Geschosse plant?“
Minister Strauß bestätigt Pläne
Franz-Josef Strauß, damals Bundesminister für Verteidigung sagte: „Herr Präsident, meine Damen und Herren. Es ist richtig, dass der ehemalige Flugplatz Großsachsenheim im Kreise Ludwigsburg für den Ausbau als Staffelflugplatz der Bundeswehr vorgesehen ist. Außerdem liegt eine Anforderung der amerikanischen Streitkräfte für die Errichtung einer Abschussbasis der Luftabwehr vor.“
Strauß erklärte vor dem Bundestag, dass die Errichtung einer bestimmten Zahl von Flugplätzen zu den Verpflichtungen der Bundesrepublik gehöre, deren Erfüllung in ihrem Interesse liege. Bei der Auswahl der Standorte müssen natürlich in erster Linie militärische Erwägungen den Ausschlag geben, so Strauß weiter. Er räumte ein, dass im Umkreis von höchstens fünf Kilometern innerhalb des sogenannten Nahverkehrsbereichs gewisse, nicht vermeidbare Lärmeinwirkungen auftreten. Auch im Umkreis des Flugplatzes in Großsachsenheim würden die dicht besiedelten Gebiete wie Ludwigsburg, Stuttgart und Pforzheim außerhalb, zum Teil sogar weit außerhalb des Fünf-Kilometer-Umkreises liegen. Bei der Auswahl des Flugplatzes Großsachsenheim sei die Tatsache wesentlich bestimmend gewesen, dass dort mehr bundeseigenes Gelände vorhanden sei als es für einen modernen Flugplatz benötigt werde. Der wirtschaftliche Schaden sei verhältnismäßig gering.
Der Unterriexinger Gemeinderat sprach sich in einer Sitzung Mitte Februar 1957 einstimmig gegen den Düsenjägerflugplatz in Großsachsenheim aus.
Das Thema landete erneut vor dem Bundestag. In der 193 Sitzung des 2. Deutschen Bundestages am 21. Februar erläuterte der Abgeordnete Mommer, dass in seinem Wahlkreis (Ludwigsburg) „ein wenig bürokratisch und ein wenig gedankenlos“ die Anlage von Militärflugplätzen und anderen militärischen Einrichtungen behandelt werde. Großsachsenheim befinde sich mitten in einem dicht besiedelten Gebiet.
Mommer erklärte weiter, dass dieses Gelände schon einmal als Flugplatz gedient habe. „Damals gab es noch keine lärmentwickelnde Düsenjäger und damals gab es noch keine Atom- und Wasserstoffbomben. Damals konnte es sinnvoll sein, an dieser Stelle einen Jagdflugplatz einzurichten“, so Mommer. Unter den gewandelten Verhältnissen sei das nun ganz sicher nicht nur nicht sinnvoll, sondern auch gefährlich und nicht zu verantworten.
„Große Erregung im Kreis“
Deshalb habe sich in diesem Kreis eine große Erregung bemächtigt, als das Projekt bekannt wurde. Er freue sich deshalb, dass der Verteidigungsausschuss in einem Nebensatz erwähnt habe, dass die Bundesregierung den Auftrag erhalte, in der Anlage solcher militärischer Objekte mehr Weisheit walten zu lassen. Mommer ließ nicht locker und bat Verteidigungsminister Strauß um Auskunft, wie das Verteidigungsministerium über den Flugplatz entschieden habe.
Der Enz- und Metter-Bote berichtete in der Ausgabe vom 20. August 1957 über die Antwort, die Mommer bei einer SPD-Wahlversammlung in Großsachsenheim vortrug: „Eine aus Vertretern der Bundes- und Länder-Ressorts gebildete Kommission hat in letzter Zeit mehrere als Staffelflugplätze geeignete Gelände ausgesucht und als Ersatz für die ursprünglich angeforderte Flugplätze Großsachsenheim, Herrenberg und Laupheim vorgeschlagen.“ Die Landesregierung habe noch keine Entscheidung getroffen.
Flugplatz kommt nach Laupheim
Letztendlich entschied sich die Landesregierung für Laupheim, damit war der Düsenjägerflugplatz Großsachsenheim vom Tisch. In Laupheim wurde 1964 von der Bundeswehr ein Heeresflugplatz eingerichtet, der heute der Heimatstandort des Hubschraubergeschwaders 64 ist.
Nicht vom Tisch hingegen war die Einrichtung einer Raketenbasis auf dem ehemaligen Flugplatzgelände.
Statt Flugplatz wurde auf dem Eichwald-Gelände am 15. Juli 1959 die erste ortsfeste Nike-Basis von der Bundeswehr auf dem ehemaligen Feldflugplatz in Dienst gestellt. In Anwesenheit von Generalmajor Freiherr von Liebenstein, Befehlshaber des Wehrbereichs V., wies der Kommandeur der 32. Amerikanischen Flugabwehrartilleriebrigade, Brigadegeneral Peter Schmick, auf die große taktische Bedeutung der neuen Nike-Basis hin, die im Zeichen der guten Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und US-Armee in den vergangenen Wochen fertiggestellt worden sei.
Der Rest ist Geschichte, die Radarkuppel auf dem Eichwald-Gelände Nike-Basis war viele Jahrzehnte so etwas wie das Wahrzeichen von Großsachsenheim. Die Fahrzeuge der US-Army gehörten zum Straßenbild.
Radarkuppel 1985 abgebaut
Die Nike-Raketenstation wurde Mitte der 1980er-Jahre für die US-Army allmählich uninteressant. Die Nike-Raketen wurden durch das Patriot-System abgelöst. Stückchenweise begann der Abbau der militärischen Infrastruktur. Im März 1985 wurde die Radarkuppel abgenommen. Erneut machten Gedanken um eine weitere militärische Nutzung des Areals die Runde. Die Einrichtung eines so genannten Nato-Geräte-Depots war im Gespräch.
Im September 1990 gab Ministerpräsident Lothar Späth bekannt, dass er darüber informiert wurde, dass die US-Army die Nike-Station am Eichwald aufgibt. Schließlich rückte die US-Armee ab, dann lag das Gelände wieder brach und Großsachsenheim, Oberriexingen und Sersheim haben das Gelände vom Bund zurückgekauft.
Im Juni 1994 fand auf dem ehemaligen Flugplatzgelände die Vertragsunterzeichnung zum Zweckverband Eichwald statt. Dies war zugleich auch das Ende der militärischen Nutzung des Geländes. Heute befindet sich auf dem Gelände ein großer Teil des Gewerbegebietes Eichwald.
Auf der alten Landebahn herrscht inzwischen ein Flugbetrieb der etwas anderen Art. Einige recht seltene Vogelarten haben sich auf dem zugewachsenen Naturdenkmal niedergelassen.