Sachsenheim: „Wir müssen den Erzieherberuf attraktiver gestalten“

Am Dienstag haben 180 Menschen an der Demonstration in Sachsenheim gegen zu hohe Elternbeiträge teilgenommen.
Werner KuhnleMit Trillerpfeifen bewaffnet sind sie durch die Straßen gelaufen, voran gingen Eltern und Kinder mit einem Banner, das die Aufschrift „Unsere Kinder sind die Zukunft“ trug. Am Dienstag haben sich 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor dem Sachsenheimer Schloss versammelt, um einen Demonstrationslauf zu starten (die BZ berichtete). Denn sie alle sind sauer: die Elternbeiträge sollen weiter steigen, die Ganztagsbetreuung für Ein- bis Dreijährige könnte im kommenden Jahr etwa 940 Euro kosten.
Auch Christine Moosmann war vor Ort, sie ist eines von vier Vorstandsmitgliedern der Elternvertreter des Landkreises Ludwigsburg. „Der Elternverband hat sich vor einem Jahr gegründet. Wir möchten den Eltern und Kindern auf Landkreisebene eine Stimme geben und unsere Kräfte bündeln“, erklärt sie. Als stellvertretendes Mitglied des Verbandes war sie bei der Demonstration, um den Stand in Sachsenheim zu dokumentieren. Dort wurde neben den hohen Gebühren auch gegen die unzuverlässigen Betreuungszeiten demonstriert.
Moosmanns Gremium ist übrigens dabei, eine Gebührentabelle für den gesamten Kreis zu erstellen. „Die Bedingungen sind überall unterschiedlich. Wir versuchen, eine Übersicht zu bekommen, beispielsweise über die Betreuungs- und Gebührenmodelle in den unterschiedlichen Kommunen“, meint sie. Klar sei aber: Sachsenheim ist aktuell Spitzenreiter der höchsten Ganztagsbetreuungsgebühren. Familie und Beruf seien durch diese Änderungen so gut wie gar nicht mehr miteinander vereinbar. Laut Moosmann müssen sich dann vor allem Frauen zwischen Arbeit und Kindern entscheiden. Doch Frauen werden auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, und das nicht nur in Teilzeit. „Flexible Betreuungsmodelle müssen her“, sagt sie und nennt das „Nachmittagsplatz-Sharing“ als Beispiel. Dabei teilen sich zwei Kinder einen Kindergartenplatz und sind zu unterschiedlichen Zeiten in der Kindertageseinrichtung.
Gegen den Fachkräftemangel
Laut Moosmann spiele der Fachpersonalmangel eine entscheidende Rolle. Ihre Forderung deshalb: Neue Konzepte und Projekte, um eine Lösung für den Fachkräftemangel zu finden. „Wir müssen den Beruf endlich wieder attraktiver gestalten und die Arbeitsbedingungen der Erzieher verbessern“, meint sie. Für Fachkräfte könnte der Beruf unter anderem durch Pausenräume oder auch durch iPads und Computer für den beruflichen Gebrauch attraktiver gestaltet werden.
Auf Nachfrage, ob sich seit der Demo im Mai etwas getan hätte, schüttelt Moosmann entschlossen den Kopf. „Ich hoffe, dass eine weitere Demonstration in Ludwigsburg stattfinden kann, die dann mehr Aufmerksamkeit erregt und das Verständnis im Landkreis fördert“, sagt sie. Moosmann verweist weiterhin auf eine Umfrage des Umfrageinstituts „Yougov“, das im Auftrag des Versicherers HDI mehr als 3700 Männer und Frauen in ganz Deutschland befragt hat. Ein Fünftel stellt laut Auswertung den Wunsch nach Kindern allgemein oder nach weiteren Kindern aufgrund der Betreuungssituation hintenan.
Das Augenmerk müsse schlicht und ergreifend auf den Familien mit ihren Kindern liegen. „Familien müssen zurückstecken“, sagt Moosmann, „dabei ist der Kindergarten für die Bildung, die Sprachförderung und die Integration so wichtig. Schließlich sind das die Arbeitnehmer und -geber von morgen.“
Nachfrage geht zurück
Auch die Nachfrage nach Ganztagsbetreuung gehe stetig zurück, meint sie. „Die Eltern bekommen für mehr Geld keine bessere Leistung.“ Eltern und Kinder leiden unter hohen Gebühren und unzuverlässigen Betreuungszeiten, solange es keine Konzepte zur Verbesserung gibt.
Ob die Demonstration am 1. Oktober auf lange Frist Wirkung hat, wird sich dann zeigen. Klar ist aber, dass die Verbände und Eltern nicht lockerlassen werden, bis ihre Forderungen in Sachsenheim ernstgenommen werden. Jennifer Stahl