ÖPNV in Bietigheim-Bissingen: Deutschland-Ticket als Konkurrenz für das Stadtticket

Ein Spillmann-Bus unterwegs in Untermberg. Der Verkauf des Stadttickets ist seit Mai zurückgegangen.
/Martin KalbSeit 1. April 2020 können die Bürger von Bietigheim-Bissingen günstiger Bus und Bahn fahren. Damals wurde wie in anderen Orten auch das Stadtticket eingeführt, mit dem man einen Tag lang – und zusätzlich bis 7 Uhr am nächsten Morgen – beliebig viele Fahrten im gesamten Stadtgebiet, also auch in allen Teilorten, unternehmen kann. „So können wir jetzt noch mehr Menschen zum ÖPNV bewegen“, zeigte sich Oberbürgermeister Jürgen Kessing in einer ersten Zwischenbilanz nach der Einführung optimistisch. Seither erlebte das neue Angebot Höhen und Tiefen, aktuell ist wieder ein Rückgang zu beobachten – weil es eine andere Möglichkeit gibt, günstig Bus und Bahn zu fahren.
Einführung in der Coronazeit
Ungünstig für das Stadtticket in Bietigheim-Bissingen war bereits der Start. Der fiel nämlich mit der ersten Corona-Welle zusammen. „Daher waren zunächst die Verkaufszahlen äußerst gering“, berichtet Tobias Hähnle, beim örtlichen Busunternehmen Spillmann für ÖPNV-Planung und Qualitätsmanagement zuständig. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Von April 2020 bis Jahresende wurden laut Stadtsprecherin Anette Hochmuth nur 11 536 Tickets verkauft, davon der Löwenanteil (11 300) Einzeltickets. Der Anteil des Gruppentickets (zwei bis fünf Personen) zum doppelten Preis am Stadtticket liegt laut Hähnle bei nur etwa drei Prozent.
Im zweiten Coronajahr lief es dann schon besser. Die Zahl der verkauften Tickets stieg 2021 auf 34 737. Im Zuge der schrittweisen Aufhebung der pandemiebedingten Einschränkungen sei die Entwicklung schließlich sehr erfreulich gewesen, sagt Hähnle. Im Jahr 2022 lag die Zahl der Tickets bei 41 826. Es hätten auch noch mehr sein können, doch: „Es gab im Jahr 2022 im Juni, Juli und August einen starken Einbruch – wegen des 9-Euro-Tickets“, erklärt Anette Hochmuth. In diesen drei Monaten wurden insgesamt nur 731 Tickets verkauft.
Stärkster Monat September 2022
Im September 2022 zogen die Zahlen wieder stark an: Mit rund 5500 verkauften Stadttickets war dieser Monat laut Hochmuth der bislang verkaufsstärkste.
Auch 2023 setzte sich die gute Nachfrage fort. Lag die Zahl der monatlich verkauften Stadttickets im Juli 2021 noch bei rund 3100, wurden nun monatlich 4500 bis 5000 an den Mann oder an die Frau gebracht, so Hochmuth.
Letzteres trotz einer Preiserhöhung: Der Preis des Stadttickets wurde 2023 von 3 auf 3,50 Euro für eine Person und von 6 auf 7 Euro für die Gruppenvariante angehoben.
„Erhebliche Verschiebungen“
Die beschriebene Situation hielt an bis Mai. Am 1. Mai wurde das Deutschland-Ticket eingeführt, mit dem ÖPNV-Nutzer für 49 Euro pro Monat in allen Verkehrsmitteln des öffentlichen Nahverkehrs reisen können. Dadurch hätten sich „erhebliche Verschiebungen“ ergeben“, stellt Tobias Hähnle fest. Seitdem hätten viele Fahrgäste das neue 49-Euro-Ticket abonniert, sodass der Barverkauf in den Bussen um etwa 30 Prozent zurückgegangen sei. Die Ticketzahl pendelte sich wieder bei rund 3000 im Monat ein. Bis einschließlich Juni wurden 2023 bisher 25 278 Stadttickets verkauft, die meisten in den Monaten vor Mai.
Die Rechnung ist einfach: Das Ticket für 49 Euro entspricht 14 Fahrten mit dem Stadtticket für 3,50, rentiert sich also für alle, die öfter oder weiter fahren. Hähnle sieht dies jedoch nicht kritisch, ganz im Gegenteil: „Aus betrieblicher Sicht begrüßen wir diese Entwicklung, da sich eine geringere Zahl von Barzahlern positiv auf die Pünktlichkeit auswirkt.“
Weniger Zuschuss
Auch auf die Ausgleichszahlungen der Stadt für die Mehrkosten, die das Stadtticket für das Busunternehmen mit sich bringt, könnte sich dies günstig auswirken. Der Zuschuss lag im Jahr 2021 laut Sprecherin Hochmuth bei rund 65 000 Euro, erhöhte sich für das Jahr 2022 dann auf rund 88 000 Euro. Für 2023 wurden 100 000 Euro prognostiziert, durch den Einbruch aufgrund des Deutschlandtickets könnte es jetzt etwas weniger werden. Allerdings seien die Verkaufszahlen nicht so stark rückläufig wie beim 9-Euro-Ticket, betont Hochmuth.
VVS: Tagesticket und Stadtticket verkaufen sich gut
Grundsätzlich seien Schwankungen zwischen den Verkaufsmonaten ganz normal, sagt Niklas Hetfleisch, Sprecher des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS). So seien in den Wintermonaten mehr Menschen mit dem ÖPNV unterwegs als im Sommer. „Bei den Nutzern des Stadttickets handelt es sich um Gelegenheitskunden, die den ÖPNV nur ab und an und oftmals spontan nutzen“, sagt Hetfleisch. Die Coronazeit mache auch die Vergleichbarkeit zu den Vorjahresmonaten schwierig.
Tagestickets und Stadttickets im VVS verkaufen sich laut dem Sprecher weiterhin gut. Das liege daran, dass diese Tickets ein gutes Einstiegsangebot zur gelegentlichen Nutzung von Bussen und Bahnen seien. Es gebe viele Kunden, die sich nicht an das Abo binden wollten oder das aus finanziellen Gründen nicht könnten. „Das Stadtticket ist und bleibt also ein wichtiges Angebot vor allem im Ballungsraum“, sagt Hetfleisch.
Die Verkaufszahlen der Stadttickets aller beteiligter Kommunen im VVS sind mit Einführung des Deutschland-Tickets seit Mai 2023 zwar zurückgegangen (Mai 2023: rund 120 000, Mai 2022: rund 200 000). Das hänge aber vor allem auch mit dem Ausstieg der Stadt Esslingen aus dem Stadtticket zusammen, so der Sprecher. Wie viele Stadtticket-Kunden umgestiegen seien, könne man nicht sagen. „In der Branche beobachten wir aber den Trend, dass bisherige Gelegenheitskunden durch das Deutschland-Ticket zu Stammkunden werden können“, erklärt Hetfleisch. Das sei grundsätzlich eine positive Entwicklung.