Kreis Ludwigsburg
: Hohe Ansprüche von Berufsanfängern

Oliver Reichert, Wirtschaftsförderer des Kreises, ist überzeugt: „Heute müssen sich die Firmen bewerben.“  Mittelständler müssten sich umstellen, um sich anzupassen.  
Von
Claudia Mocek
Ludwigsburg
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Es mangelt fast überall an Fachkräften – vor allem im Handwerks-, Ingenieurs- und IT-Bereich. Besonders schwierig ist es für Firmen in der Region, Mitarbeiter für Niedriglohntätigkeiten zu finden, weiß Wirtschaftsförderer Reichert.

/Imago/Andreas Pacek

Ein- bis zweimal pro Woche spricht der Wirtschaftsförderer des Landkreises Ludwigsburg, Oliver Reichert, mit Unternehmen aus dem Kreis. Vertreter von Drei-Mann-Spieleentwicklern bis hin zu Unternehmen mit Mitarbeitern im vierstelligen Bereich sind darunter. Auf die Frage nach der Stimmung in den Betrieben, antwortet er: „Der Fachkräftemangel zieht sich durch – über die gesamte Breite der Firmen und sämtliche Qualifikationsstufen.“

Viele Berufe mit Imageproblem

Im Handwerk fehle der Nachwuchs, es mangelt an Ingenieuren und IT-Experten. Letzteres sei nicht neu. Was jedoch aktuell hinzugekommen ist, sei die überdurchschnittlich hohe Schwierigkeit der Firmen, Mitarbeiter für die Niedriglohntätigkeiten zu finden. Einen Grund dafür sieht Reichert in den hohen Lebenshaltungskosten überall in der Region Stuttgart: „Das ist in allen Verdichtungsräumen ein Thema.“

Im Landkreis gebe es auch Berufsbilder, für die es kaum Bewerber gibt, weil sie nicht mehr ins Wertebild passen: Berufskraftfahrer für Busse und LKW, seien ein Beispiel dafür, sowohl auf dem Stellenmarkt, als auch in der Ausbildung. Reichert sieht einen Grund in den Arbeitsbedingungen, dem vielen Unterwegssein und dem Zeitdruck. Die Berufsbilder hätten eine Imageproblem.

Dem stünde eine jüngere Generation gegenüber, die viel Wert auf eine Work-Life-Balance legt. Manche Personaler, mit denen der Wirtschaftsförderer gesprochen hat, seien frustriert darüber, dass Berufsanfänger selbstbewusst auf Freizeitregelungen und teilweise hohen Gehaltsvorstellungen bestehen. „Da prallen Welten aufeinander, viele Mittelständler müssen sich umstellen“, sagt Reichert: „Heute ist es so, dass sich die Firmen bewerben müssen.“

In manchen Berufen, etwa mit IT-Hintergrund, könne man sich den Job aussuchen – Vier-Tage-Woche, 70 Prozent arbeiten, mehr als 30 Tage Urlaub und den Hund mit ins Büro bringen, würden dann als Forderungen genannt. Man könne Verständnis für die Sicht der jüngeren Generation haben, sagt Reichert. Doch Unternehmen hätten auch Positionen zu besetzen, die über die Regelarbeitszeit hinausgingen, etwas im Vertrieb, wenn Kundengespräche nach 18 Uhr geführt werden müssten. Es brauche eine gewisse Zahl an Mitarbeitern, die diese Anforderungen erfüllten. Oft seien es „eher noch die älteren Mitarbeiter, die dann das Privatleben zurückstellen“, sagt Reichert.

Spannend sei auch das Thema Homeoffice. Viele Mitarbeiter würden zu 80 Prozent vom Homeoffice aus arbeiten und seien damit zufrieden. „Die Arbeitgeber akzeptieren das, sind jedoch nicht immer glücklich damit“, sagt Reichert. Um die Menschen wieder ins Büro zu ziehen, werden Büros attraktiver gestaltet, Feste veranstaltet. Ein produzierendes Unternehmen aus dem Kreis sieht darin, dass fast alle Mitarbeiter vor Ort arbeiten, sogar einen echten Wettbewerbsvorteil. Die Firma könnte schneller mit Angeboten reagieren, der persönliche Kontakt zwischen den Mitarbeitern sei dafür extrem wichtig.

Doch während der Pandemie sei das Homeoffice auch betriebsrechtlich verankert, Vereinbarungen getroffen worden, die man heute anders ausbalancieren würde: „Das lässt sich nur schwer zurücknehmen“, sagt Reichert. In manchen Fällen seien hier schon betriebliche Nachteile aufgetreten. Die Unternehmen empfinden die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern im Homeoffice als rauer, bei Fehlern sei die Toleranz geringer. „Die Identifikation mit dem Unternehmen und die emotionale Verbindung fehlt“, sagt Reichert.

Emissionsfreies Fahren

Eine pauschale Einschätzung der Stimmung in den Unternehmen fällt dem Wirtschaftsförderer schwer. Obwohl die Konjunkturindikation etwas pessimistischer sei als zuvor, gebe es Firmen im produzierenden Gewerbe, bei denen die Auftragslage gut sei. Vor allem im Luxussegment gebe es Firmen, „denen es richtig gut geht“.

Dem stünden Unternehmen der Transportbranche gegenüber, deren Lage schwierig sei. Die Forderung nach einem emissionsfreien Fahren verursache höhere Kosten, die die Kunden nicht zahlen wollten. Auch wenn den Unternehmen der Klimaschutz nicht egal sei und sie für Kompensationen sorgten, müssten sie sich finanzieren. „Das sorgt für Missmut“, sagt Reichert, zumal auch noch Fachkräfte fehlen und weitere Regulierungen wie eine Ausweitung der Maut im Raum stünden.