Katholisches Dekanat Ludwigsburg: Migration als Basis für das Dekanat

Die Kirche Sankt Laurentius in Bietigheim war 1949 eine von zwei katholischen Gotteshäusern
/Martin KalbAls die Kriegs- und Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg im Kreis Ludwigsburg ankamen, waren sie nicht nur aus ihrer Heimat verstoßen worden, sie konnten auch ihre Religion nicht ausüben, fühlten sich in der Diaspora nicht willkommen. Denn die meisten von ihnen waren Katholiken und fanden genau zwei Kirchen im Landkreis Ludwigsburg vor: Sankt Laurentius in Bietigheim-Bissingen und Sankt Martinus in Kornwestheim. Durch die starke Zuwanderung an Katholiken erhöhte sich deren Zahl bis 1949 auf 43 000 – ein Grund für die Diözese Rottenburg-Stuttgart, ein eigenes Dekanat Ludwigsburg zu gründen.
Die Gründungsveranstaltung fand am 1. April 1949 statt. 75 Jahre später wird auf den Tag genau, am Ostermontag, 1. April, gefeiert, sagt der Dekan des Dekanats Ludwigsburg, Alexander König. Die Zahl der Katholiken im Kreis wuchs im Laufe der Jahre stetig an, sodass weitere Kirchenhäuser gebaut werden mussten: 18 Kirchen in den 1950er-Jahren, 15 in den 1960er-Jahren, 19 in den 1970er-Jahren, sodass es heute 55 katholische Kirchen gibt.
Später kamen Menschen aus Italien, Spanien, Kroatien, Portugal und Polen als sogenannte Gastarbeiter – meist Katholiken. „Migration war die Basis des Dekanats und spielt deshalb auch als Thema eine große Rolle, alle unsere Gemeinden engagieren sich in Asylkreisen“, so König. Die Zahl der Katholiken beträgt heute 102 000. Diese Zahl war bis vor fünf Jahren noch höher, 124 000 Mitglieder betrug sie. 30 Kirchengemeinden und zwölf Gemeinden mit Mitgliedern anderer Muttersprache sind in 13 Seelsorgeeinheiten organisiert.
Einmalige Führungsstruktur im Dekanat
Auch das Dekanat Ludwigsburg hatte mit einer Austrittswelle wegen der Missbrauchsfälle, der Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen zu kämpfen. Deshalb ist es Dekan König sehr wichtig, mit inhaltlichen Schwerpunkten zu zeigen, dass das Dekanat eigene Wege geht.
Dies zeigt sich beispielsweise in der Führungsstruktur. Da Frauen keine Priesterweihen in der katholischen Kirche empfangen dürfen, „ich bin für die Geschlechtergleichberechtigung und halte den synodalen Weg für erstrebenswert“, so König, ist er zwar der gewählte Dekan, aber seine Stellvertreter sind nicht, wie üblich, auch Pfarrer. „Es gibt zwei Stellvertreterinnen des Dekans“, sagt er. Dies sind Birgitta Negwer, die auch die Dekanatsgeschäftsstelle leitet, und Anne Braun. „Diese Form ist einmalig in der Diözese, aber es gibt schon Dekanate, die uns nachahmen wollen“, so König. Grund dafür war, dass auch Frauen im Dekanat auf Führungsebene vertreten sind.
Mit Vielfalt, Toleranz und Engagement in die Zukunft
Für ihn ist es wichtig, in den Schlupflöchern der starren katholischen Regelungen die „Werte Gleichberechtigung, Toleranz, Vielfalt, Diversität, Klimaschutz, soziales Engagement“, so König, mit Leben zu füllen. In den Gemeinden des Dekanats wird auch nach Rücknahme der Erlaubnis für katholische Priester durch den Vatikan die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare weiterhin vorgenommen. Auch wird die Weihe von Laienpriestern gefördert, um Nicht-Priestern beispielsweise das Taufen zu ermöglichen. „Wir nutzen unsere Spielräume“, so König.
„Wir versuchen, so weit es geht, demokratische Strukturen umzusetzen“, sagt auch Brigitta Negwer. Auch politisch bezieht das Dekanat Stellung, in dem es sich nicht nur in Asylkreisen, sondern auch im kreisweiten Bündnis für Demokratie und Menschenrechte engagiert. „In den anstehenden Veränderungsprozessen wird es auch noch mehr um Kooperationen gehen als bisher“, so die Stellvertreterin des Dekans. „Viele Projekte zeigen, dass im Loslassen Neues entsteht“, sagt Negwer weiter.
Loslassen, das müssen wohl auch künftig einige Gemeinden, wenn es darum geht, ihre Immobilien Klimaschutz-tauglich zu machen. „Wir werden unsere Immobilien in den nächsten Jahren um 30 Prozent reduzieren müssen“, sagt König. „Gebäudereduzierungsprozess“ wird diese Entwicklung genannt und geht mit dem Klimaschutz einher. „Sanfte Modernisierung“, nennt der Dekan es und betont, dass das Dekanat auch nach 75 Jahren bereit ist für Änderungen. „Mir fehlt von den oberen Ebenen der katholischen Kirche oft das klare und offene Wort und der Mut zur Erneuerung“, so Alexander König.