Girls’ Day im Kreis Ludwigsburg: „Nicht nur Männer können Technik“

Immer mehr Frauen arbeiten als Ingenieurinnen: Bei Trumpf in Ditzingen ist jede fünfte bis sechste Stelle im Entwicklungsbereich mit einer Frau besetzt.
/TrumpfVerglichen mit 2013 hat sich die Zahl der Ingenieurinnen im Land um 75,4 Prozent erhöht – von rund 15 700 vor zehn Jahren auf fast 36 500 Mitte 2022. Rund 18 Prozent der 202 000 Ingenieurfachkräften in Baden-Württemberg sind weiblich. Die BZ hat sich anlässlich des heutigen Girls Days, bei dem junge Frauen und Mädchen in technische Berufe hineinschnuppern können, umgehört, wie Ingenieurinnen im Kreis die Entwicklung bewerten.
Katja Tiltscher und Kathrin Anandasivam arbeiten seit fünfeinhalb Jahren im Leitungsteam im Bereich Forschung und Entwicklung bei Trumpf und sind für rund 1000 Entwicklerinnen und Entwickler zuständig. Sie teilen sich die Leitungsposition. Kathrin Anandasivam gehört zu den 202 000 Ingenieurinnen im Land. Katja Tiltscher kommt aus der Betriebswirtschaft. Kennengelernt haben sich die beiden in der Ausbildungsabteilung des Ditzinger Unternehmens und setzen sich dafür ein, dass Frauen in technischen Berufen sichtbar werden. „Der Einfluss von Rolemodels wird noch unterschätzt. Viele Frauen wollen sehen, dass es funktioniert, und dass man sich als Frau das auch zutrauen darf“, sagt Katja Tiltscher.
Mädchen direkt ansprechen
Kathrin Anandasivam wünscht sich, dass die Unternehmen mit ihrer Werbung Mädchen direkt ansprechen, um ihnen zu zeigen, dass es eben keine klassischen Männerberufe gibt. Trumpf verfolgt diese Werbestrategie bereits: „Wir dürfen in den technischen Berufen als Frauen nicht unsichtbar werden. Dann kommt man eben auch mal im Rock und mit Sicherheitsschuhen in den Betrieb“, lacht die Ingenieurin.
Auch die Entwicklung des Ingenieurwesens spiele bei der steigenden Zahl der Frauen in diesem Berufsfeld eine Rolle: „Was heißt denn Technik? Dazu gehören heutzutage neben dem Maschinenbau auch Bereiche wie die Informatik“, so Tiltscher. Früher seien die Studiengänge stark auf das Fach bezogen gewesen. Heute müssen eine Entwicklerin und ein Entwickler nicht nur an die Maschine selbst denken, sondern sie als Teil des Produktionsprozesses betrachten.
Etwa 25 Prozent der Belegschaft von Trumpf am Stammsitz Ditzingen sind Frauen. Einige davon sind Ingenieurinnen, die hauptsächlich im Entwicklungsbereich angesiedelt sind. Dort ist etwa jede fünfte bis sechste Stelle mit einer Frau besetzt. Diese Zahl habe sich in den vergangenen Jahren leicht verbessert, doch Trumpf will sie noch weiter steigern.
Für die beiden Führungskräfte steht fest: Das Unternehmen muss Angebote machen, um die Arbeitszeit je nach Lebenssituation flexibel gestalten zu können, doch sowohl die Frauen als auch die Männer seien in der Verantwortung, dies dann auch einzufordern. „Wir unterstützen jeden männlichen Kollegen, der in Elternzeit geht. Sie wachsen in dieser Zeit und kommen gestärkt zurück. Das war vor acht Jahren noch nicht Usus. Aber langsam ändert sich das“, berichtet Anandasivam. Sie selbst hat zwei Kinder und kam nach einem Jahr Elternzeit wieder zurück in den Beruf, Kollegin Tiltscher nahm eine Elternzeit von sechs Monaten beim ersten Kind und ein Jahr beim Zweiten.
Fachkräftemangel als Chance
Man solle sich als Frau von seinem Umfeld nicht einreden lassen, dass es nicht geht. Jede Frau müsse ihr eigenes System finden, in dem sie sich wohl fühlt, doch gerade auch mit Blick auf den Fachkräftemangel sehen die beiden gute Chancen für kompetente Frauen im Ingenieurwesen.
Für die Aspergerin Xia Liu war der Ingenieurberuf schon immer mit viel Prestige verbunden. Deshalb absolvierte sie in China und Deutschland ein Studium der Verfahrenstechnik. Sie wollte von Anfang an in Deutschland arbeiten: „Im Ingenieurwesen ist Deutschland einfach die Nummer Eins.“
Die aus der chinesischen Stadt Taizhou stammende 37-Jährige betont: „Nicht nur Männer können Technik. Jede sollte der Arbeit nachgehen, die ihr Freude macht und das kann durchaus auch technisch sein. Denn der Ingenieurberuf ist so viel mehr als nur, das Rädchen an die richtige Stelle zu setzen.“
Sie arbeitet seit 2012 für Bosch und freut sich über ihre abwechslungsreiche Ingenieursstelle dort: „Es geht um Problemlösung, Koordination und Management, das macht mir Spaß.“ Der Ingenieurberuf sei für sie die absolut richtige Entscheidung gewesen. „Ein Beruf mit Zukunft, den sich ruhig auch Mädchen zutrauen können“, wirbt sie. Bei der Stellenauswahl gebe es gerade in Baden-Württemberg viele interessante Möglichkeiten. Ihr Arbeitgeber Bosch berichtet, dass weltweit der Frauenanteil bei seinen Beschäftigten bei 29 Prozent liegt. Deutschlandweit liegt er bei 23 Prozent, am Standort in Bietigheim sind nur 20 Prozent der Angestellten weiblichen Geschlechts.
Bei Porsche liegt die Quote in der Gesamtbelegschaft bei 19 Prozent. „Im Besetzungsprozess schauen wir uns bewusst Bewerbungen von Frauen an oder ermutigen sie zur Bewerbung, sodass wir davon ausgehen, dass der Frauenanteil langfristig in unserem Unternehmen steigt“, teilt das Unternehmen auf BZ-Anfrage mit. Zahlen zum Standort Eichwald nannte der Autobauer nicht.
Auch beim Unternehmen Dräxlmaier in Sachsenheim macht sich die wachsende Zahl an Frauen in Ingenieurberufen bemerkbar.. „Es gibt zunehmend mehr Akademikerinnen in technischen Positionen“, teilt das Unternehmen auf BZ-Anfrage mit. Aktuell seien am Standort mehrere Kolleginnen im Industrial Engineering, der Qualität- beziehungsweise der Logistiksteuerung im Einsatz. „Eine der Kolleginnen hat ihre Elternzeit genutzt, parallel dazu ihr Masterstudium abzuschließen“, berichtet Standortleiter Gunther Wössner.