Fluchtgeschichte: vor 50 Jahren
: Im Opel Manta über die Grenze

Wie Eberhard Gienger vor 50 Jahren die Flucht des DDR-Turners Wolfgang Thüne aus dem Osten in den Westen ermöglichte.
Von
Jörg Palitzsch
Ludwigsburg
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Eberhard Gienger (links) und Wolfgang Thüne am 17. September 1975.

Imago Sportfotodienst

Im Sommer 1975, mitten im Kalten Krieg, wurde die Stadt Bern zum Schauplatz eines stillen, aber bedeutsamen Aktes von Zivilcourage. Während der Turn-Europameisterschaften in der Schweiz verhalf der westdeutsche Reck-Weltmeister Eberhard Gienger dem DDR-Turner Wolfgang Thüne zur Flucht in den Westen. Es sollte eines der wohl spektakulärsten, dabei jedoch lange geheim gehaltenen Fluchtkapitel aus der Geschichte des geteilten deutschen Sports werden.

Gienger schwieg 24 Jahre lang

Gienger selbst schwieg 24 Jahre lang über seine Fluchthilfe. Von 2002 bis 2020 war Gienger, Jahrgang 1951, Mitglied des Deutschen Bundestages und zog stets als direkt gewählter Abgeordneter der CDU des Wahlkreises Neckar-Zaber in den Bundestag ein.

Der Leistungssport war in den 1970er-Jahren ein zentrales Element im Systemwettstreit zwischen Ost und West. Sportliche Erfolge galten in der DDR als Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus. Wer für die DDR auf internationalem Parkett antrat, war nicht nur Athlet, sondern auch politischer Repräsentant – oftmals zugleich Angehöriger der Nationalen Volksarmee oder gar Geheimnisträger. So auch Wolfgang Thüne, achtfacher DDR-Meister – und Offizier der Nationalen Volksarmee.

Als Thüne, Jahrgang 1949, im Oktober 1975 in Bern antrat, lautete sein inoffizieller Auftrag den westdeutschen Weltmeister Gienger zu schlagen. Doch körperlich angeschlagen und durch den hohen Erfolgsdruck belastet, verfehlte er nicht nur das Reck-Finale, sondern fiel auch im Mehrkampf weit zurück. Der drohenden Degradierung und den Repressionen der DDR-Sportführung wollte Thüne offenbar entkommen – und wandte sich an jenen Mann, der ihn im sportlichen Wettkampf eben noch besiegt hatte: Eberhard Gienger.

Vor dem Finale zur Weltmeisterschaft in Varna 1974 (von links): Eberhard Gienger, Mitsuo Tsukahara, Wolfgang Thüne und Eizo Kenmotsu. Ein Jahr später erfolgte die Flucht von Thüne in die Bundesrepublik.

Foto: Gienger/Gaebele

Die beiden kannten sich aus früheren internationalen Turnieren, etwa in Moskau und Riga. Gemeinsame Interessen wie das Münzensammeln hatten Vertrauen geschaffen. Als Thüne Gienger in der Toilette um Hilfe bat, willigte dieser ein – in vollem Bewusstsein der politischen und persönlichen Risiken. „Als er mich um Hilfe bat, habe ich ohne nachzudenken zugesagt. Gemeinsam überlegten wir, wie er nach Deutschland kommen könnte“, beschrieb Gienger die damalige Situation gegenüber der BZ. Der filmreife Fluchtplan wurde noch während der Meisterschaften entwickelt. Mit Thüne fuhr man zunächst zum Hotel, wo dieser auf dem Zimmer verschwand. „Plötzlich“, so Gienger, „wurde aus dem Fenster ein Bündel geworfen“. Kurz danach kam Thüne in einer karierten Jacke durch die Hotelhalle, habe sein Bündel aufgehoben und sei zum Auto gelaufen. „Je näher er kam, desto schneller wurde er“. Kühne stieg in Giengers Auto, einen Opel Manta, der von Bern Richtung Basel fuhr. Im Fahrzeug befanden sich neben Gienger ein westdeutscher Kampfrichter, von Beruf Polizist, Giengers Freundin, ein Masseur und Thüne selbst.

In einer knappen Stunde ging es von Bern zur Grenze nach Basel. Thüne bekam es mit der Angst zu tun. „Wir versicherten ihm, dass an der Grenze nicht geschossen wird“, so Gienger. Am Schlagbaum reichte Gienger dann vier Ausweise durch, als ihn der Beamte nach dem fünften fragte, sagte er, er hole ihn schnell aus einer Jacke, die im Kofferraum liege. Der Beamte winkte ab, während Thüne und Giengers Freundin auf dem Rücksitz ein Liebespaar spielten. Da wollten die Zöllner dann doch nicht stören – und winkten das Auto durch.

Offiziell war es Flucht per Anhalter

Nach der geglückten Flucht wurde Thüne in Emmendingen abgesetzt, während Gienger nach Bern zurückkehrte, um jeden Verdacht zu vermeiden. Die offizielle Version lautete, Thüne sei per Anhalter geflohen.

In der Bundesrepublik fand Thüne im Verein Bayer 04 Leverkusen eine neue sportliche Heimat und wurde 1977 deutscher Meister im Mehrkampf, am Pauschenpferd und im Pferdsprung. Die DDR verurteilte ihn in Abwesenheit zu zwölf Jahren Zuchthaus. Seine Familie wurde unter ständiger Beobachtung der Stasi gestellt. Gewusst hatte die Stasi über die Fluchthilfe nichts, höchstens Vermutungen angestellt. Ein Beleg ist für Eberhard Gienger seine Stasi-Akte – die nur aus einem Blatt mit bekannten persönlichen Daten besteht. Dass rund 15 Mitwisser diese Fluchthilfe über Jahrzehnte verschwiegen, erscheint aus heutiger Sicht außergewöhnlich. Gienger war sich bewusst, hätte jemand gesprochen, wäre seine internationale Sportkarriere mit einem Schlag beendet gewesen. Zumal die Olympischen Spiele 1980 in Moskau für ihn bereits am Horizont auftauchten – deren Boykott durch westliche Staaten war Mitte der 1970er-Jahre noch unvorstellbar, es sollte aber so kommen. Der Boykott durch viele westliche Nationen, darunter die USA und die Bundesrepublik Deutschland, war 1980 dann eine Reaktion auf die Invasion Afghanistans durch die Sowjetunion im Dezember 1979.

Nach dem Fall der Mauer geriet die Fluchtgeschichte lange in den Hintergrund. Erst Jahre später begannen Eberhard Gienger und Wolfgang Thüne, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Beide setzten sich anschließend für die Aufarbeitung der sportpolitischen Repressionen in der DDR ein.