Bönnigheim: Nachgeburtsbestattung als weltweites Forschungsgebiet

Kurt Sartorius(links) und Bürgermeister Albrecht Dautel stellten in Bönnigheim den Kolloquiumsbericht zur Nachgeburtsbestattung im Steinhaus vor.
Martin Kalb- Bönnigheim stellt Kolloquiumsbericht zur Nachgeburtsbestattung vor – Forschung mit Echo.
- Ursprung 1984: In Kellern gefundene Töpfe führten zu Nachweis von Östrogenen und Kolloquium 1997.
- Zweites Kolloquium 2024 zeigt weltweite Bräuche mit Funden aus Deutschland, Neuseeland und Kamerun.
- Bildmaterial reicht vom ältesten deutschen Placentatopf bis zu Monumenten in Korea und Beispielen aus Mexiko.
- Bericht mit zwölf Kapiteln ist erhältlich im Museum im Steinhaus, Preis 16 Euro.
Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.
„Friseure nutzen die Plazenta noch immer zur Förderung der Haarbildung“, erklärte die ehemalige Hebamme Cornelia Enning am vergangenen Donnerstag im Keller des Bönnigheimer „Museum im Steinhaus“. Hier wurde von dem Vorsitzenden des Historischen Vereins Bönnigheim, Kurt Sartorius, der Kolloquiumsbericht zum Thema „Nachgeburtsbestattung – Archäologie – Weltweit – Bräuche“ vorgestellt; eine Forschung, die in Bönnigheim begann und inzwischen weltweite Resonanz erfährt.
Bereits im Jahr 1984 hatte Sartorius in einem Keller vergrabene Töpfe gefunden und diese mit der Nachgeburtsbestattung in Verbindung gebracht. „Ein alter Brauch, der mitunter das günstige Gedeihen des Kindes erreichen sollte“, so Sartorius. Weitere Nachforschungen und der Nachweis von Östrogenen im Topfinhalt hatten dazu geführt, dass 1997 ein erstes wissenschaftliches Kolloquium im Schloss der Hohensteiner Institute stattgefunden hatte.
Zwischenzeitlich hatte Sartorius in 39 Kellern derartige Nachgeburtstöpfe ausgegraben; Funde aus ganz Deutschland liegen vor. In einem Text des Wanderpredigers Johann Geiler von Kayserberg aus dem Jahre 1517 findet sich der älteste Hinweis auf eine Nachgeburtsbestattung in Deutschland.
Entwicklung zum weltweiten Forschungsgebiet
2024 fand in Bönnigheim ein zweites Kolloquium zum 40-jährigen Bestehen der Forschung statt. Inzwischen hatte es sich gezeigt, dass die Nachgeburtsbestattung ein weltweiter Brauch war und sich „ein angesehenes Forschungsgebiet“ entwickelt hatte, wie Sartorius mitteilte. Ihm war in diesem Zusammenhang nicht nur ein Nachgeburtstopf aus Neuseeland zugesandt worden, sondern auch Fotos aus Kamerun mit einem entsprechenden Gefäß.
Sartorius zeigte den Besuchern am vergangenen Donnerstag anhand eines Fotos den ältesten in Deutschland gefundenen Placentatopf aus dem 13. Jahrhundert. Die Aufnahme war ihm vom Museum Halle übermittelt worden. In einer aufschlussreichen Bildershow stellte Sartorius außerdem ein Placentagrab aus Korea vor, das ein gewaltiges Monument darstellt, und berichtete von Mexiko, „wo man nicht gefragt wird, wo man herkommt, sondern, wo die Nachgeburt vergraben ist“.
Zwölf Kapitel aus dem In- und Ausland umfasst der Bericht, der nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Dabei werden unter anderem Forschungen und Bräuche zur Nachgeburt in Ägypten, Japan, Russland und Kamerun wissenschaftlich fundiert dargelegt.
Bürgermeister Albrecht Dautel zeigte sich erfreut über „dieses zweite Kolloquium, das bezeugt, welche Qualität dieses Thema inzwischen erreicht hat. Ein Thema, das zunächst unsere Stadtgeschichte war, später Kulturgeschichte wurde und nun weltweit bekannt ist.“ Durch diesen Bericht würde es jetzt aus dem geschlossenen Bereich der Kolloquium-Teilnehmer nach außen getragen werden.
Sartorius und Dautel fahren für ein Projekt nach Polen
Die Anwesenden, die teilweise selbst an der Arbeit beteiligt waren, indem sie wie Daniel und Silke Seybold an den Grabungen mithalfen oder, wie Carolin Rothenburger, das Layout für den Bericht gestalteten, äußerten sich interessiert, als weitere Details zur Sprache kamen. „Manche Mütter essen heute noch ein Stückchen der Nachgeburt, um eine schnellere Wundheilung zu erlangen“, wusste etwa Hedwig Klein aus Bad Herrenalb, die in der Mütterpflege arbeitet. Cornelia Enning, die am Kolloquium mitgewirkt hatte, beschrieb hingegen die unterschiedlichen Farben der pulverisierten Nachgeburt – sogar innerhalb einer Familie: „Von hellem Gelb bis dunklem Umbra; da gibt es alle Brauntöne.“ Die Ursache hierfür wäre sicherlich eine weitere Forschung wert, gab sie sich überzeugt.
Doch zunächst werden Bürgermeister Dautel, Kurt Sartorius und sein Team nach Lauban in Polen fahren, um sich auszutauschen und möglicherweise ein gemeinsames Projekt zu gestalten. Denn in Lauban konnte man aufgrund einer Veröffentlichung der Bönnigheimer Forschungen „eine prachtvolle Sammlung keramischer Gefäße“ als Nachgeburtstöpfe identifizieren.
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Der von Kurt Sartorius herausgegebene Kolloquiumsbericht im A4-Format, mit 95 Seiten und zahlreichen Bildern, kann zum Preis von 16 Euro im Museum im Steinhaus oder bei der Historischen Gesellschaft Bönnigheim erworben werden.
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