Bietigheim-Bissingen
: Metzgernachwuchs aus Simbabwe

Die Metzgerei Häfele bildet junge Menschen aus Simbabwe aus. Dabei steht die menschliche Ebene im Vordergrund des Erfolgskonzepts.
Von
Yannik Schuster
Bietigheim-Bissingen
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Tinashe Dzvifu (Mitte) und Mayamika Nachamba (rechts) bei der Maultaschenproduktion. Bei Werner Häfele (links) absolvieren die Azubis aus Simbabwe ihre Metzgerausbildung. Insgesamt sieben Auszubildende aus dem afrikanischen Land beschäftigt Häfele.

/Martin Kalb

Tinashe Dzvifu hat einen Traum: Metzgermeister werden. In seiner Heimat Simbabwe ein schwieriges Unterfangen. Die Arbeitslosenquote liegt in manchen Regionen bei über 80 Prozent, als Metzger hat man es dort schwer. Dzvifu kam deshalb nach Deutschland, wo er seit Juni 2023 eine Metzgerausbildung bei der Bietigheimer Metzgerei Häfele absolviert. Der Betrieb biete viele Möglichkeiten, sagt der 23-jährige, so könne er neben der Arbeit in der Wurstküche auch Einblicke in die Schlachtung und den Verkauf gewinnen.

Auch Mayamika Nachamba lobt die Vielseitigkeit der Arbeit. Er könne viele verschiedene Arten von Fleisch kennenlernen. „Es ist eine sehr interessante Arbeit, die aber auch schwierig ist“, sagt der 19-jährige, der erst im Oktober aus Simbabwe nach Deutschland gekommen ist. Anfangs noch vor allem mit der Produktion von Würstchen betraut, kümmern sich die zwei mittlerweile um alles, auch das schwäbischste Produkt überhaupt: Die Maultaschen.

Die jungen Männer sind zwei von insgesamt sieben Auszubildenden, die die Metzgerei Häfele im letzten Jahr aus Simbabwe eingestellt hat. In den nächsten Monaten werden drei weitere erwartet. Die Männer lernen Metzger, die Frauen Verkäuferin – in Simbabwe die normale Geschlechtertrennung.

Zahlreiche Bewerbungen

Der Fachkräftemangel stellt auch die Fleischereibranche vor große Nachwuchsprobleme. Bewerbungen von Einheimischen werden immer seltener. Vor einem Jahr erhielt Werner Häfele, der den Metzgereibetrieb mit Firmensitz in Winnenden in dritter Generation leitet, schließlich eine E-Mail von einer jungen Frau aus Simbabwe, die sich um eine Ausbildung als Fleischereifachverkäuferin bewarb. Häfele reagierte auf die ungewöhnliche Anfrage und brachte den Stein ins Rollen.

„Das Leben besteht aus Zufällen“, sagt er. „Das Geheimnis besteht darin zu erkennen, was einem zufällt. In diesem Fall habe ich es erkannt.“

Es sollte nicht die letzte Bewerbung bleiben. Im vergangenen Jahr erreichten ihn nach eigenen Angaben rund 50 Anfragen aus Simbabwe. „Wenn dort in der Schule jemand einen Ausbildungsplatz in Deutschland bekommt, dann spricht sich das herum wie ein Lauffeuer.“ So habe Häfele auch bereits Kontakte an Metzgerkollegen und einen befreundeten Augenarzt vermittelt – nicht leichtfertig, wie er selbst sagt, schließlich sei der menschliche Zugang unersetzbar.

Persönlicher Kontakt

In Deutschland angekommen wohnen die Auszubildenden die ersten zwei Monate im privaten Haushalt von Werner Häfele und seiner Frau Margit. So könne einerseits der persönliche Kontakt aufgebaut werden, andererseits aber auch Grundlagen wie etwa die deutsche Mülltrennung vermittelt werden. Probleme habe es keine gegeben. „Die haben sich alle korrekt und anständig verhalten.“

Hilfreich dabei sei, dass alle bereits in Simbabwe Deutsch gelernt haben. Häfele fordert von seinen Azubis das Sprachniveau B1. „Die können alle deutsch. Sie sind am Anfang noch etwas scheu es zu sprechen, aber sie können es.“ Mayamika Nachamba lacht: „Das hier gesprochene Schwäbisch unterscheidet sich etwas von dem, was ich gelernt habe.“ Für die Bewerber aus Simbabwe sei die Sprachqualifikation allerdings mit einem enormen Aufwand verbunden, erklärt Häfele. Die Kurse der deutschen Schule in Harare und die anschließenden Prüfungen beim Goethe-Institut können insgesamt bis zu 2000 Dollar kosten – für dortige Verhältnisse oft fast ein ganzes Jahresgehalt. „Das ist eine ganz gewaltige Leistung und ein enormer Leidensdruck, den die auf sich nehmen.“

Seine zweite Anforderung: Das sogenannte „O-Level“, ein Abschluss, der, auf Deutschland übertragen, zwischen der Mittleren Reife und der Fachhochschulreife anzusiedeln sei. Die guten Voraussetzungen zahlen sich aus: Die Berufschullehrer seien begeistert ob der Leistungen der Auszubildenden, schwärmt Häfele. Dennoch koste die Organisation alle Beteiligten viel Arbeit und Energie. Präsenztermine in der deutschen Botschaft in Harare zu bekommen sei schwierig, erklärt Häfele. Das Zeitfenster dafür beschränke sich auf eine halbe Stunde pro Woche, manchmal montagmorgens um vier Uhr. Ergattern die Bewerber einen Präsenztermin, um die Unterlagen für ein Visum einreichen zu können, dann müssen sie einen Ausbildungsvertrag, ein Mindestgehalt sowie einen garantierten Wohnort nachweisen.

Für den deutschen Staat seien die jungen Frauen und Männer somit keine Belastung. „Die erhalten kein Bürgergeld oder sonstige Sozialleistungen und arbeiten wie jeder andere Auszubildende auch.“

Erfahrungen mit Rassismus

Trotzdem gebe es auch Menschen, die die Personalentscheidungen der Metzgerei ablehnen. „Wir haben auch Kunden verloren, die sich nicht von einem Schwarzen bedienen lassen wollten.“ Häfele verurteilt diesen Rassismus scharf. Gerade angesichts der wachsenden Nachwuchssorgen seiner Branche seien neue Lösungen gefragt: „Was wir machen ist innovativ und nachhaltig.“ Das löse zwar nicht den Fachkräftemangel, sei aber eine Investition in die Zukunft. Der Plan: In fünf bis acht Jahren sollen die Auszubildenden Führungspositionen im Unternehmen übernehmen. „Der ein oder andere wird sicher auch wieder zurückgehen aber die meisten werden hierbleiben.“ So auch Mayamika Nachamba. Nach der Ausbildung wolle er zunächst noch vier oder fünf Jahre in Deutschland bleiben. Danach könne er sich auch vorstellen wieder in seine Heimat zurückzugehen, um eine eigene Metzgerei zu eröffnen.