Taylor-Swift-Gottesdienst: Ich bin Atheistin – aber dieser Gottesdienst hat mich bewegt


Beim Taylor-Swift-Gottesdienst wurden Armbändchen zum Friedensgruß verteilt – auch die Autorin dieses Textes bekam eines ab.
Lea IrionIch glaube nicht an Gott. Der Glaube hat mich irgendwann im Jugendalter verlassen. Und doch saß ich am Samstagabend aus Neugier in der Heilig-Geist-Kirche in Balingen, hielt die Hand einer fremden Frau – und war tief bewegt. Nicht von einer Predigt. Sondern von einem Gefühl: echtem, spürbarem Gemeinschaftssinn. In diesem Moment ging es nicht darum, wer man ist, woher man kommt oder wie man aussieht. Es ging darum, einander zu akzeptieren, wertzuschätzen, da zu sein. Werte, für die das Christentum eigentlich schon immer stehen wollte – die ich aber lange nicht mehr mit Kirche verbunden habe.
Ich fühlte mich dort nicht (mehr) willkommen. Weil ich mit einer Frau zusammenlebe. Weil ich von außen betrachtet nicht in das passte, was mir die Kirche über Jahre als Norm vermittelt hatte. „Bunt“ war ein Wort, das ich nie mit der Kirche in einem Satz ausgesprochen hätte. Bis zu diesem Abend.
Ich habe Kirche immer anders erlebt
Die Heilig-Geist-Kirchengemeinde hat mir gezeigt: Kirche muss kein graues, stilles Gemäuer sein, in dem man bloß nicht auffällt. Kirche kann laut sein, lebendig, glitzernd. Sie kann Taylor Swift an die Wand projizieren, ohne sich selbst zu verraten. Sie kann junge Menschen ansprechen, ohne anbiedernd zu wirken. Und sie kann Menschen wie mich – die Religion längst abgeschrieben hatten – auf einmal wieder erreichen.
Ich weiß: Viele werden jetzt sagen, die Kirche war schon immer offen, lebendig, zugewandt. Das mag sein, aber ich habe es nie so erlebt. Vielleicht war mein Blick zu sehr auf das Negative gerichtet. Vielleicht hat sich zwischenzeitlich etwas verändert. Vielleicht stimmt auch einfach beides.
Am Ende des Tages spielt es keine Rolle. Dieser Gottesdienst war für mich der erste in zehn Jahren – und ich hatte keine Sekunde das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Genau dieses Gefühl war es, was ich im Laufe meiner Jugend verloren hatte: dazuzugehören. Und jetzt war es plötzlich wieder da. Zum Glauben habe ich zwar nicht zurückgefunden – aber zur Kirche. Und ich würde sagen: Wir sind wieder Freundinnen.
Ich freue mich für Menschen, die in der Kirche eine Stütze fürs Leben sehen, die durch ihren Glauben Liebe erfahren und diese Liebe teilen wollen. Nächstenliebe ist eine Tugend – vielleicht die einzige –, die diese Welt noch retten kann. Und das kann ich unabhängig davon feststellen, ob ich nun Atheistin oder Katholikin bin. Für den nächsten Taylor-Swift-Gottesdienst halte ich mir so oder so wieder einen Platz im Kalender frei.
