Hochwasser in Balingen, Frommern und Dürrwangen: Die Welle kommt wieder

Hochwasser war und ist in Balingen, Frommern und Dürrwangen schon seit über einem Jahrhundert Thema. Wer stoppt endlich die regelmäßige Flut?
Hauke-Christian DittrichEigentlich kennt ihn jeder. Zumindest müsste ihn jeder kennen, den hochgeschätzten Präsidenten der Ministerialabteilung für Straßen- und Wasserbau des Königreichs Württemberg, Karl August Leibbrand. Jeden Tag fahren, strampeln und trampeln tausende Tübinger über eines seiner Werke, die Neckarbrücke. Und für die Bürger von Balingen, Frommern und Dürrwangen war der gebürtige Ludwigsburger sogar der Allerwichtigste, ein schwäbischer Sohn der Stadt ehrenhalber.
Wasserschäden und enorme Not
Wie der Schreiber der Balinger Gemeinderatssitzung am 5. Januar 1897 im Weiteren festhält, ist der einstimmige Antrag mit der Tatsache begründet worden, dass sich „Präsident Karl August von Leibbrand und Oberamtmann Josef Filser beim Rettungswerk, der Wiederherstellung der Wasserschäden und bei der Linderung der Not die größten Verdienste erworben haben“.
Flut fordert Leben in der Eyach-Region
Die Not war groß nach diesem schrecklichen 5. Juni des Jahres 1895. Kurz nach Mitternacht hatten verheerende Flutwellen das Gebiet längs der Eyach buchstäblich plattgewalzt, Stege, Brücken und Gebäude aus Holz zerbrochen, zerrieben und 41 Menschen in den Tod gerissen.
Der Schock saß tief. Und so war man dem Stab von Ingenieuren und Technikern, die sich unter der Leitung des anpackenden Präsidenten Leibbrand unverzüglich ans Wiederaufbau-Werk machten, auch mehr als dankbar. Innerhalb nur eines Jahres waren die gröbsten Schäden behoben. Darüber hinaus führte der Ingenieur Flusskorrekturen, Brücken- und Wehrbauten und die notwendig gewordenen Straßenverlegungen durch und bewahrte mit diesen Schutzmaßnahmen die Balinger über ein Jahrhundert lang vor einem weiteren, wirklich verheerenden Hochwasser.
Versäumnisse der Verwaltung?
Das ist bis heute tatsächlich ausgeblieben. Allerdings nur das verheerende, nicht das Hochwasser selbst. Karl August von Leibbrand ist nun genau seit 125 Jahren tot und trotzdem schwappt mit zunehmender Regelmäßigkeit eine stinkende Brühe in die Keller und oft auch Wohnzimmer der Eyach-Anwohner. Die monieren zu kleine Kanalquerschnitte und fehlende Rückstauklappen, Versäumnisse der Verwaltung eben.
Doch die stellt via Ordnungsamt den erbosten Anwohnern jeweils mehrere hundert Euro Feuerwehrdienstleistung fürs Abpumpen in Rechnung und droht bei Verzug mit Säumniszuschlägen, Mahngebühren und Zwangsvollstreckung. Nicht unbedingt die Hilfe, die sich Anwohner und Firmen im regelmäßig überschwemmten Gebieten wünschen.
„Dass die betroffenen Anwohner nach den Erfahrungen bei jedem stärkeren Regen Sorgen haben, ist nachvollziehbar“, sagt Balingens Pressesprecher Dr. Dennis Schmidt. „Sie sehen die Schuld ausschließlich im Kanalsystem – eine Einschätzung, die wir nicht teilen.“
Unterstützung bekommt er von Frommerns Ortsvorsteher Stephan Reuß: „Die Hochwasserereignisse im letzten Jahr waren hauptsächlich durch Starkregen und das daraus resultierende Oberflächenwasser verursacht worden. Unabhängig von der Dimensionierung der Kanäle war diese Schadenslage so nicht zu verhindern.“ Die Verwaltung arbeitet derzeit an einer Karte zum Starkregenrisikomanagement.
Planung zum Schutz vor Starkregen
„Anhand dieser sind weitere Maßnahmen zum Hochwasserschutz und Schutz vor Starkregen zu ergreifen“, so Reuß. „In der Heinzengasse muss unbedingt das seit Jahren geplante Rückhaltebecken realisiert werden.“ Aus diesem Grund müsse man sich nunmehr direkt an das Umweltministerium wenden und dies einfordern. Passiert ist das tatsächlich schon im Juni 2022. Entstanden ist seitdem nicht viel.
Nun ja, nicht ganz. Das Frommerer Hochwasserdenkmal wurde 2013 aufwendig restauriert und 2016 „unter Schutz“ gestellt: Im Juni 2012 wurde ein Baugesuch für diesen Bereich, der öffentliche und private Flächen umfasst, eingereicht. Der Bauherr wollte dort eine beleuchtete Werbeanlage mit wechselnder Fremdwerbung errichten. Die Tafel wäre rund sechs Meter hoch gewesen.
Daraus wurde dann nichts. „Die Verwaltung möchte mit dem geänderten Bebauungsplan und der Veränderungssperre das Orts- und Straßenbild in der Umgebung des Hochwasserdenkmals schützen. Zudem soll in dem stark befahrenen Bereich die Verkehrssicherheit nicht gefährdet werden.“
Sandsäcke zum Schutz vor eindringendem Wasser
Sicher ist sicher. Aber Sicherheit dauert und kostet. Für den „Power-Sandking Turbo 300/6“ hat es gereicht, eine Hochleistungs-Sandsackabfüllanlage, „die bei drohendem Hochwasser kurzfristig eine große Anzahl von Sandsäcken abfüllen kann, die dann zum Schutz vor eindringendem Wasser in Häuser und Grundstücke verwendet werden können.“
Im Balinger Rathaus konzentriert sich die Stadtverwaltung derweil aufs Verwalten. „Die Berechnungen für das Starkregenrisikomanagement sind abgeschlossen und die dazugehörigen Karten liegen uns im Entwurf vor“ erklärt Pressesprecher Dr. Dennis Schmidt. „Der Gemeinderat wurde zuletzt im November 2022 informiert und der Prozess wird seither unter anderem mit Workshops fortgeführt. Sobald die erforderlichen Inhalte vorliegen (Karten, Risikoanalyse, Handlungskonzept) werden wir in einem ersten Schritt die politischen Gremien und anschließend die Öffentlichkeit informieren.“
Vermutlich hätte sich der vor genau 125 Jahren verstorbene Ingenieurspräsident angesichts solcher umfassenden Maßnahmen im Grabe umgedreht. Denn er brauchte damals nur ein Jahr, um die größten Probleme zu beseitigen. So ist es kein Wunder, dass Balingens Bürger sich vor dem nächsten Hochwasser wieder einen wie den Karl August Leibbrand wünschen: einen, der kommt, zügig und ordentlich plant und solange anpackt, wie es nötig ist, um die nächste Flutwelle in den Griff zu bekommen.
Der private Notfallplan bei Hochwasser
- Aufgabenverteilung festlegen: wer macht was und wann?
- Plan für die Sicherung des Mobiliars und persönlicher Dinge (wichtig sind Dokumente und nicht ersetzbare ideelle Werte).
- Liste mit wichtigen Telefonnummern sicher aufbewahren (Familie und Nachbarn, Gemeinde, Gesundheitsbehörde, Versicherung und Notfallnummern).
- Mögliche Ausfallzeiten von Wasser, Strom, Gas, Heizung bedenken.
- Notfallpaket zusammenstellen, ausreichend Essen und Trinken lagern.
- Funktionsfähigkeit des Mobiltelefons (Ersatzakku) überprüfen.
- Für den Urlaub Verantwortliche benennen, die im Hochwasserfall alarmiert werden können.
Die Bauwerke des Karl August Leibbrand
1897: Hängebrücke über die Argen (1897)
1885: Enz-Brücke bei Höfen (abgerissen)
1886: Guldebrücke bei Wildbad
1886: Glatt-Brücke bei Neuneck
1887: Murrbrücke bei Marbach
1890: Forbachbrücke Baiersbronn
1891: Bahnbrücke in Ehingen
1891: Wasserkraftwerk zu Lauffen am Neckar (abgerissen)
1893: Munderkinger Donaubrücke (zerstört)
1893: König-Karls-Brücke zwischen Stuttgart und Cannstatt (zerstört)
1895: Neckarbrücke bei Mühlheim
1895: Leinbrücke Heuchlingen
1896: Neckarbrücke bei Gemmrigheim
1897: Hängebrücke über die Argen zwischen Kressbronn am Bodensee und Langenargen
1901: Eberhardsbrücke in Tübingen


