Pro und Contra übers Essen
: Schön herrichten – oder einfach auf den Teller klatschen?

Die Redakteurinnen Julia Gonser und Sophie Holzäpfel diskutierten jüngst darüber, ob man Essen schön anrichten sollte oder nicht. Heraus kam dieses Pro und Contra.
Von
Sophie Holzäpfel,
Julia Gonser
Zollernalbkreis
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Linguine mit Pfifferlingen: ILLUSTRATION - Leicht, fein, wunderbar aromatisch: Diese Pasta bringt Sommerfrische mit Zitronen und den Waldduft von Pfifferlingen gekonnt zusammen. (zu dpa: «Pasta mit Spätsommer-Charme: Linguine mit Pfifferlingen») Foto: Mareike Pucka/biskuitwerkstatt.de/dpa-mag - Honorarfrei nur für Bezieher des Dienstes dpa-Magazin +++ dpa-Magazin +++

„Das Auge isst mit“ – oder ist das Humbug? Wie so vieles im Leben: Ansichtssache.

Mareike Pucka/biskuitwerkstatt.de/dpa-mag/dpa (Symbolfoto)
  • Diskussion: Soll Essen kunstvoll angerichtet oder nur praktisch serviert werden?
  • Befürworter: Ästhetik steigert Genuss und zeigt Respekt für Zutaten und Moment.
  • Kritiker: Dekoration überflüssig – Essen dient primär der Sättigung und Geselligkeit.
  • Beide Seiten betonen: Geschmack und Gemeinschaft sind letztlich entscheidend.
  • Fazit: Kontrovers, ob das Auge „mitisst“ oder nur der praktische Nutzen zählt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Mittagspause in der Redaktion: Wir sitzen einander gegenüber, vor uns jeweils eine Sushi-Box. Sinnieren über schön angerichtetes Essen. Unsere Meinungen dazu könnten gegensätzlicher nicht sein. Auf der einen Seite Julia Gonser, die das für unnötig, ja, beinahe versnobt hält. Und auf der anderen Sophie Holzäpfel, die entrüstet über Farbspiele auf dem Teller und kulinarische Kunstwerke referiert. Der Beginn eines wilden Wortgefechts. Hier begründen beide Redakteurinnen ihre Meinungen.

Sophie Holzäpfel: Doppelter Genuss

Samstagabend, 19 Uhr, in meiner Küche: Sie habe riesigen Hunger, sagt die eine Freundin und verteilt Teller und Besteck. Die andere gießt den kühlen Wein in Gläser und wirft einen Blick in den Topf. Die Soße blubbert munter, die abgegossene Pasta dampft aus dem Nudelsieb. Frisches Zitronenaroma vermischt sich mit Basilikum, der Lachs in Kräutermarinade ist butterzart. „Es ist gleich so weit. Aber erst muss ich es noch anrichten“, schicke ich vorweg. Ein genervtes Aufstöhnen. „Ist doch egal, wie das aussieht“, behauptet die eine Freundin und türmt sich Pasta, Sahnesoße und Fisch auf den Teller. Ruhig bleiben, ermahne ich mich selbst. Schnappe Sekunden später entsetzt nach Luft.

„Essen ist zum Essen da und muss vor allem satt machen“, pflichtet ihr die andere Freundin bei und tut es ihr nach. Das ist, als würde man sagen: „Bilder sind zum Staubfangen da“. Meine beiden Freundinnen begehen Kulturfrevel mit Besteck, während ich ihnen fassungslos dabei zusehe. Ja, natürlich geht es am Ende um Sättigung. Aber genauso könnte man sagen, beim Theater-Besuch gehe es nur ums Hinsetzen, ums Berieseln lassen. Das Auge isst mit – und hat bei manchen Tellern leider Appetitverlust, bevor der erste Bissen überhaupt den Mund erreicht. Dabei braucht es gar nicht viel: ein Basilikumblatt hier, ein vorsichtiger Soßenklecks dort, und schon verwandelt sich der Teller von der Kreisliga A in die Champions League.

Sophie Holzäpfel arbeitet seit dem 1. Juni 2025 als Redakteurin bei der SÜDWEST PRESSE Zollernalbkreis.

Sophie Holzäpfel arbeitet seit dem 1. Juni 2025 als Redakteurin bei der SÜDWEST PRESSE Zollernalbkreis.

Privat

„Das ist doch dekadent und übertrieben!“, tönt der Widerspruch aus der Esstisch-Ecke. Pfff. Von wegen. Wenn man schon so privilegiert ist, jederzeit Zugriff auf frische Produkte zu haben, dann sollte man diese auch wertschätzen, entgegne ich. Für mich ist der Teller eine Bühne. Die karamellisierten Tomaten sind die Primaballerinen, der Basilikum der Dirigent, die Nudeln das Orchester – und so weiter. An dieser Stelle versuche ich mich nun zu zügeln. Der Punkt ist: Alles muss sitzen, bevor der Vorhang – sprich: mein Magen – aufgeht.

Ich arrangiere die Komponenten, stimme die Farben aufeinander ab. Vielleicht wirkt es übertrieben – aber für mich ist jeder Teller ein kleines Kunstwerk, das es wert ist, inszeniert zu werden. Wer das Auge füttert, isst schließlich doppelt so genussvoll. Am Ende geht es nicht nur um Hunger, sondern um Respekt: vor den Zutaten, vor dem Moment – und ja, manchmal auch vor sich selbst. Wenn es ums Essen geht, bin ich deshalb gerne Snob, verkünde ich würdevoll. Das Lachen meiner Freundinnen und das Klingen der anstoßenden Weingläser? Die Geräuschkulisse eines perfekten Sommerabends. Ob mit kunstvoll angerichtetem Essen oder ohne. Womit meine pragmatisch veranlagte Freundin ja recht hat: Hauptsache, es schmeckt.

Julia Gonser: Begleitbroschüre zum Essen

Essen ist so ein Thema für sich. Jeder Mensch muss es tun. Manche machen es mit mehr Hingabe, andere mit weniger. Ich gehöre eher zu letzteren. Eines sollte ich vorweg klarstellen: Ich liebe gutes Essen. Ich liebe die Aussicht auf eine gute Mahlzeit. Ich liebe es, wenn ich hungrig im Lokal sitze und der Kellner mir ein Teller voll duftender, geschmackvoller Verheißung bringt. Wenn ich mir ein leckeres Essen vorgekocht habe, denke ich bereits am Vormittag immer wieder mit Freude an die Mittagspause und den Gaumenschmaus in meiner Tasche.

Julia Gonser

Julia Gonser arbeitet seit dem 1. Juli bei der SÜDWEST PRESSE Zollernalbkreis.

Ulrich Metz

Was ich allerdings nicht verstehen kann: Wenn Menschen so ein Brimborium um die Dekoration ihres Essens machen. Je kunstvoller das Essen auf meinem Teller angerichtet ist, desto skeptischer werde ich. Hat der Koch überhaupt noch auf die Geschmacksrichtungen der einzelnen Zutaten geachtet, oder sich von Form und Farbe ablenken lassen? Noch genervter bin ich, wenn die Mitmenschen um mich herum so ein Aufheben um die Gestaltung ihres Essens machen. Da wird entzückt kommentiert, fotografiert und bekomplimentiert. Und wehe, die einzelnen Komponenten werden auf dem Teller miteinander vermischt und so das Kunststück zerstört. Ich sitze derweil mit knurrendem Magen da und frage mich, wann aus „Nahrung aufnehmen“ eigentlich so eine Wissenschaft wurde.

Ich muss zugeben, ich wurde noch nie vom Geschmack des kunstvoll arrangierten Essens auf meinem Teller enttäuscht. Dennoch: Warum steckt man so viel Energie in das Aussehen, wenn es im Schnitt in 20 Minuten weggeputzt ist? Auch an dieser Stelle sollte ich vielleicht betonen, dass ich es durchaus zu schätzen weiß, wenn mein Essen appetitlich auf dem Teller angerichtet ist. Ich erfreue mich an bunten Gerichten mit raffinierten Obst- und Salatgarnituren am Tellerrand, bleibe aber dabei: Lassen wir die Kirche im Dorf. Zwischen einem bunten, appetitlich aussehenden Essen und einer Kreation, die sich auch in einem Kunstmuseum gut machen würde, liegen für meinen Geschmack Welten. Essen sollte mir nicht das Gefühl vermitteln, dass ich mir besser mal die Begleitbroschüre zur Ausstellung durchgelesen hätte. Es soll bewirken, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft, dass mein Bauch anfeuernd zu knurren beginnt. Und es soll Laune machen, so richtig reinzuhauen.

Vielleicht ist es aber auch einfach das Lebensgefühl, das aufwendig dekoriertes Essen mir vermittelt: von Dekadenz und Luxus und steifer Etikette. Ich esse am liebsten in geselliger Runde, mit guten Gesprächen und viel Gelächter. Essen bringt die Menschen am Tisch zusammen und macht, dass aus dem Treffen eine runde Sache wird. Es vervollständigt einen schönen Abend und sorgt dafür, dass sich alle wohlfühlen. Denn von einem gefüllten Bauch hat man definitiv mehr als von einer guten Fotostrecke.

Aufgetischt

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