Gewerbliche Schule in Balingen: Mehr neue Berufsfelder, mehr Schüler

Schülerinnen der Vorbereitungsklasse nähen eine Babyhose. Von links: Berfin Kahraman, Elina Maier und Daria Caradjova.⇥
Peter KiedaischEigentlich hat der Leiter der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule (PMHS) Grund zur Freude. Weil die Region geprägt ist von einer starken Textilindustrie, hat die Gewerbliche Schule zwei neue Ausbildungsberufe an ihren Standort geholt: Produktveredler Textil und Textillaborant. Nächste Woche beginnt für diese Schülerinnen und Schüler der erste Blockunterricht. Weil sie aus dem ganzen Land anreisen, übernachten die meisten von ihnen in der Jugendherberge in Balingen.
Neue Lehrer
Neue Berufsfelder sind gut fürs Renommee der Schule, fordern die Schulleitung aber auch. Allein schon der zusätzlichen Lehrer wegen, die es dafür braucht. Und die sind rar. Immerhin konnte die PMHS am Staatlichen Technikum für Textilindustrie in Reutlingen fündig werden. Dort hat sich kürzlich ein Lehrer in den Ruhestand verabschiedet, hat aber dem sanften Druck der Gewerblichen Schule aus Balingen nachgegeben und hängt noch ein paar Jährchen dran. Ihn unterstützt eine Expertin aus der Industrie, die an sechs Stunden pro Woche die neuen Fächer unterrichtet. Headhunter an Schulen, fast hört es sich an wie während der Transferphase, wenn Fußballclubs um internationale Stars buhlen. Und manchmal hält das Handwerk noch mehr positiv zu bewertende Überraschungen parat: Dass etwa die Zahl der KfZ-Mechatroniker auf 75 angestiegen ist.
Mehr junge Schreiner
Ein Rekord, wie PMHS-Sprecherin Ines Mayer sagt. Und das in Zeiten, in denen der Individualverkehr immer wieder am Pranger regierungsbildender Parteien steht. Dazu vergleichsweise wenig Auszubildende wollen Schreiner werden, in diesem Schuljahr sind 22 neu hinzugekommen. Aber das sind mehr als üblich und sechs mehr als die schuleigenen Werkräume Hobelbänke stehen haben. Deswegen muss die Schule die Klasse für den praktischen Teil in zwei Gruppen einteilen. Eigentlich kein Problem, wenn man dafür nicht auch ein zusätzliches Lehrerdeputat benötigen würde. 18 Stunden mehr fallen allein für die Schreiner im ersten Lehrjahr an, das entspricht einer 80-Prozent-Anstellung, die zusätzlich geschultert werden muss. „Es gibt halt keine Lehrer auf dem Markt“, sagt Ines Mayer. In solchen Fällen helfen Beziehungen. Etwa zur Kreishandwerkerschaft, die immer Kontakte vermitteln kann. Nicht zu pädagogisch ausgebildeten Lehramtsabsolventen, sondern zu selbstständigen Meistern, die als Quereinsteiger Lust darauf haben, ihr Wissen und Können an Jüngere weiterzugeben.
Erste Zapfverbindungen
Manchmal kennt man auch jemand, der jemand kennt. Kurzum: Es hat geklappt, die Jungschreiner in spe werden sich schon bald an ersten Zapfverbindungen versuchen dürfen. Schulintern überwiegt trotz des enormen organisatorischen Aufwands die Freude an der neuen Lust auf eine Berufsausbildung. Sie steht dem Trend entgegen, wonach junge Menschen ein Studium präferieren und nur zu sehr der eigenen Work-Life-Balance nachjagen. Vielleicht liegt es auch an der Werbung, die die PMHS in eigener Sache macht: Seit dem vergangenen Jahr gibt es dort die „Open PMHS“, eine besondere Art der offenen Tür. An sechs Tagen werden mehrere Berufsfelder vorgestellt. Offenbar so einladend, dass die jungen Besucher Lust bekommen auf das Handwerk und seinen goldenen Boden.
Am Freitag, 17. November, lädt die PMHS Interessierte wieder zur Schulbegehung ein: Geöffnet werden – von 16 bis 18 Uhr – die Werkstätten in den Fachbereichen Kfz-, Metall- und Elektrotechnik in der Steinachstraße.

