Entführungsprozess in Hechingen
: Schläge, Tritte, Morddrohungen – 16-Jähriger erleidet Martyrium

Mehr als drei Tage lang soll ein 16-Jähriger aus dem Zollernalbkreis von sieben jungen Männern festgehalten, geschlagen, bedroht und gequält worden sein. Der Prozess wegen erpresserischen Menschenraubs hat jetzt am Landgericht Hechingen begonnen.
Von
Hardy Kromer
Hechingen
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In Handschellen und Fußfesseln wurden alle sieben Angeklagte in den Schwurgerichtssaal des Hechinger Landgerichts geführt.

In Handschellen und Fußfesseln wurden alle sieben Angeklagte in den Schwurgerichtssaal des Hechinger Landgerichts geführt.

Hardy Kromer
  • Prozess um erpresserischen Menschenraub am Landgericht Hechingen mit sieben Angeklagten gestartet.
  • Ein 16-Jähriger wurde über drei Tage entführt, misshandelt und bedroht – Hintergrund: Drogenschulden.
  • Tatorte in Mössingen, Bodelshausen, Bisingen und Haigerloch-Stetten, zwölf Männer angeklagt.
  • Opfer wurde gefangen gehalten, geschlagen, mit Waffen bedroht und zur Zahlung gezwungen.
  • Polizei befreite das Opfer nach Hinweis eines weiteren Opfers, Angeklagten drohen lange Haftstrafen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Einen derartigen Menschenauflauf erlebt das Landgericht Hechingen nicht alle Tage. Sieben Angeklagte, allesamt in Fußfesseln und Handschellen, wurden am Dienstagvormittag in den Schwurgerichtssaal geführt. Annähernd 50 Kiebitze standen zunächst auf den Fluren Schlange und füllten dann den Zuschauerraum bis auf den letzten Platz. Zwei Dutzend Justizbeamte sorgten dafür, dass alles in geordneten Bahnen verlief. Der Anlass: ein aufsehenerregender Marathon-Prozess wegen erpresserischen Menschenraubes, der auf 13 Verhandlungstage angesetzt ist und die Große Jugendkammer bis in den Februar 2026 hinein beschäftigen könnte.

Zwei Pinkelpausen während der Anklageverlesung

Die Anklageschrift umfasst insgesamt 75 Seiten. 18 davon verlas Staatsanwältin Jasmin Eppler zum Prozessauftakt. Zweimal wurde sie unterbrochen, weil die Anwälte Pinkelpausen für ihre Mandanten beantragten, die teils lange Anreisen aus Justizvollzugsanstalten im ganzen Land hinter sich hatten. Davon abgesehen, trugen die meisten der Anklagten, teils türkischer, teils deutscher Herkunft, gelöste Stimmung zur Schau und warfen Familienangehörigen und Freunden im Publikum Grüße und Kusshändchen zu.

In Handschellen und Fußfesseln wurden alle sieben Angeklagten des Prozesses um erpresserischen Menschenraub vorgeführt. Landgericht Hechingen

In Handschellen und Fußfesseln wurden alle sieben Angeklagten des Prozesses um erpresserischen Menschenraub vorgeführt.

Hardy Kromer

In scharfem Kontrast dazu stehen die Taten, die den sieben Angeklagten – allesamt 16 bis 19 Jahre jung – zur Last gelegt werden. Im Streit um vermeintliche Schulden aus Drogengeschäften sollen sie einen 16-Jährigen aus einer Rosenfelder Teilgemeinde über mehr als drei Tage hinweg festgehalten, misshandelt und mit dem Tode bedroht haben. Strafrechtlich geht es um gemeinschaftlichen erpresserischen Menschenraub (landläufig auch Entführung genannt), um besonders schwere räuberische Erpressung, um schweren Raub und gefährliche Körperverletzung.

Tatorte: Mössingen, Bodelshausen, Bisingen, Haigerloch-Stetten

Angeklagt sind insgesamt zwölf Männer. Der jetzt eröffnete Prozess richtet sich aber nur gegen die sieben mutmaßlichen Haupttäter, die allesamt in Untersuchungshaft sitzen. Die übrigen fünf, die auf freiem Fuß sind, werden gesondert verfolgt. Mutmaßliche Rädelsführer sind ein 19-Jähriger aus Bisingen und zwei Brüder aus Ofterdingen, die 18 und 19 Jahre alt sind. Tatorte sind Mössingen, Bodelshausen, Bisingen und Haigerloch-Stetten.

Aus Justizvollzugsanstalten im ganzen Land wurden die Angeklagten zur Verhandlung am Hechinger Landgericht gefahren.

Aus Justizvollzugsanstalten im ganzen Land wurden die Angeklagten zur Verhandlung am Hechinger Landgericht gefahren.

Hardy Kromer

Seinen Lauf nahm der Schrecken zu Beginn dieses Jahres, als fünf der Angeklagten ihren damals 16-jährigen Kontrahenten in eine Mössinger Kellerwohnung gebracht und ihn dort mit einer Forderung über 3300 Euro konfrontiert haben sollen – eine offene Rechnung aus einem illegalen Drogengeschäft. Mit mehreren Serien von Faustschlägen sollen die jungen Männer ihr Opfer eingeschüchtert haben. Nach dieser ersten Tortur soll der 16-Jährige von seinen Peinigern freigelassen worden sein – allerdings ohne Handy, das als Pfand einbehalten wurde. Der von den Schlägen gezeichnete Jugendliche vertraute sich seinem Vater an, der daraufhin 3100 Euro bezahlt habe.

Die zweite Entführung

Wochen später, am 11. April, soll der 16-Jährige dann an den Reutlinger Hauptbahnhof gelockt und mit einer Forderung über weitere 4000 Euro konfrontiert worden sein. Einer der Angeklagten, der 19-jährige Ofterdinger, soll ihm dort sein Handy abgenommen und ihm gedroht haben, er werde ihn „abstechen“, wenn er irgendwelche „Faxen“ mache. Zusammen mit seinem Bruder soll der Ofterdinger den Jungen dann in ein Mössinger Garni-Hotel gefahren haben, wo weitere Mitglieder der Gruppe warteten und die Drohkulisse verschärften – und den 16-Jährigen die Nacht über festhielten.

Nächster Tag, nächste Station: Wieder zurück in der Mössinger Kellerwohnung, soll der 16-Jährige abermals stundenlang gequält worden sein – durch Faustschläge, durch Hiebe mit einem Holzstab und einem Gürtel. Zum Martyrium des jungen Rosenfelders trug auch bei, dass zwei der Angeklagten ihn mit einer Schreckschusswaffe und einer zehn Zentimeter langen Messerklinge bedroht haben sollen. In seiner Verzweiflung rief der Jugendliche bei seiner Großmutter an, um sie um Geld zu bitten. Ohne Erfolg.

Eine Dose Wodka „auf Ex“

Am Abend soll das Opfer in den Kofferraum eines Autos gesteckt und zu einem Grillplatz in Bodelshausen gefahren worden sein. Nach weiteren Faustschlägen aus Nase und Mund blutend, soll der 16-Jährige gezwungen worden sein, eine mit Wodka gefüllte Red-Bull-Dose „auf Ex“ zu trinken. Die nächste Nacht über soll der Geschädigte in der Bodelshausener Wohnung eines Angeklagten festgehalten und weiter malträtiert worden sein.

Ein Kumpel wird hineingezogen

Am dritten Tag der Entführung spitzte sich das Geschehen zu: Weil ihr Gefangener immer noch nicht zahlungswillig war, sollen die Angeklagten einen 17-jährigen Kumpel ihres Opfers an eine Bushaltestelle nach Haigerloch-Stetten gelockt und gewaltsam in einem Auto festgehalten haben. Auch ihn konfrontierten sie mit einer Geldforderung von inzwischen 5000 Euro.

Geglückte Flucht nach Bisingen

Weil auch der junge Haigerlocher nicht zahlte, soll auch er minutenlang geschlagen und mit „Abstechen“ bedroht worden sein – bis dem 17-Jährigen die Flucht nach Bisingen gelang, wo er die Polizei informieren konnte. Aus Ärger über die Flucht seines Kumpels soll der Bisinger unter den Angeklagten dem 16-Jährigen einen Zahn ausgeschlagen haben.

Die Polizei nimmt die Spur auf

Durch den Anruf des Geflohenen kam die Polizei aber auf die Spur der mutmaßlichen Täter, weshalb diese am Abend des vierten Tages der Entführung in einer Rosenfelder Teilgemeinde, dem Wohnort des Opfers, festgenommen wurden. Gleichzeitig wurde der 16-Jährige nach mehr als drei Tagen aus der Gewalt seiner Peiniger befreit.

Lange Haftstrafen drohen

Den Angeklagten droht im Falle einer Verurteilung wegen erpresserischen Menschenraubes eine Mindeststrafe von fünf Jahren. Sollte Jugendstrafrecht angewandt werden, beträgt das Strafmaß zwischen sechs Monaten und maximal zehn Jahren Jugendstrafe.

Gespräche über einen Deal

Einige der Verteidiger stellten nach der Verlesung der Anklageschrift in Aussicht, dass sich ihre Mandanten zum Tatverlauf äußern wollen. Gespräche über eine mögliche Verständigung zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung, einen Deal, stellten beide Seiten in Aussicht. Die Verhandlung wird unter dem Vorsitz des Landgerichts-Vizepräsidenten Volker Schwarz am Freitag, 7. November, um 9 Uhr fortgesetzt.