Energiewende in Balingen
: Kommunaler Wärmeplan kann teuer werden

Der CO-Verbrauch der Stadt muss bis zum Jahr 2040 drastisch gesunken sein. Eigentlich auf Null. Das betrifft auch Eigenheimbesitzer.
Von
Peter Kiedaisch
Balingen
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Die Kommunale Wärmeplanung bringt Änderungen insbesondere für Privathaushalte mit sich.⇥

Peter Kiedaisc

Zahlen können manchmal mehr sagen als tausend Worte. Etwa diese: 217 000. So viel Euro werden Hauseigentümer bis zum Jahr 2040 aufbringen müssen, um ihr Gebäude klimaneutral saniert zu haben. Das geht aus dem Bericht hervor, den Balingens Klimaschutzmanager Dr. Martin Boehme dem Gemeinderat am Dienstag präsentiert hat. Es geht um den kommunalen Wärmeplan, dem sich die Stadt nicht entziehen kann. Demnach müssen Städte unter 100 000 Einwohnern bis zum Jahr 2028 übergeordneten Behörden, etwa dem Regierungspräsidium, nicht nur einen Plan vorlegen, wie bis zum Jahr 2040 der CO2-Ausstoß der Stadt auf Null zurückgefahren werden kann, sondern mit fünf geeigneten Maßnahmen auch schon begonnen haben.

Niedrige Sanierungsquote

Vieles an dem Plan ist derzeit graue Theorie. Etwa die Sanierungsquote in der Stadt, die derzeit bei 1,3 Prozent liegt. Gemessen an einem Gesamtbestand von 23 500 Gebäuden, von denen mehr als 82 Prozent reine Wohngebäude sind, ist das nicht viel.

Diese Quote soll auf 6 Prozent steigen, wie Martin Boehme ausführte. Um das CO2-Ziel zu erreichen, gibt es zwei Stellschrauben, an denen man theoretisch drehen kann. Erstens: den Energieverbrauch reduzieren, also Gebäude komplett sanieren, Wände, Dächer und Decken isolieren, fossile Heizungen herausreißen, klimaneutrale Heizungen einbauen.

Tiefenwärme bietet Potenzial

Die andere Stellschraube: erneuerbare Energien als Stadt selbst herstellen. Das geht über Abwärme, man kann bis zu einem gewissen Grad auch das Abwasser anzapfen. Photovoltaik oder Tiefenwärme sind weitere Möglichkeiten: „Wenn wir das gesamte Potenzial ausschöpfen“, so Boehme, „würde das den Verbrauch schon abdecken.“ In der Theorie. Denn dann müsste beispielsweise der Bereich Kläranlage-Abwärme 16,7 Prozent Energie liefern. Das ist ein unrealistischer Wert, der nur mit hohem Aufwand und noch höheren Kosten zu erreichen wäre. Realistisch sind 3,5 Prozent. Nur, um die Verhältnisse darzustellen, denn auch in den anderen Bereichen klafft zwischen Theorie und Praxis eine große Lücke.

Mehr Öl als Gas

Beispiel Tiefenwärme: Zwar gibt es in 2000 Metern Tiefe 100 Grad heißes Wasser, wie Martin Boehme ausgeführt hat, aber es anzuzapfen könnte auch mit Risiken verbunden sein, schließlich ist die Region Erdbebengebiet: „Wir wollen nichts machen, was gefährlich ist.“

Es wird also eine Mischung aus beiden Komponenten sein. Die Rechnung klingt simpel: Je mehr eigene Energie produziert wird, desto geringer fällt der Aufwand aus, das eigene Haus klimaneutral zu sanieren. Vielleicht, das hat Baudezernent Michael Wagner angedeutet, vielleicht kostet die Sanierung dann nur die Hälfte. Das aber wären immer noch mehr als 100 000 Euro. Und: Es handelt sich um Durchschnittswerte. Alte Häuser, von denen es in Balingen überdurchschnittlich viele gibt, also mit Baujahr 1949 und älter, verursachen höhere Kosten. Und noch eine Balinger Besonderheit gilt es zu berücksichtigen. In der Stadt gibt es deutlich mehr Öl- als Gasheizungen (50 zu 33 Prozent). Das macht die Aufgaben nicht leichter.

Wer soll das bezahlen?

Dr. Ingrid Helber (FDP) biss sich an der eingangs genannten Zahl fest: „217 000 Euro, das ist utopisch, wie soll das irgendein Bürger machen. Diese Zahl erschreckt jeden.“ Das eigene Haus abzureißen und es neu aufzubauen, so Helber, könne auch keine Lösung sein: „Das ist ja noch weniger nachhaltig.“

Welche Kosten auf Privatpersonen tatsächlich zukommen, ist derzeit kaum abschätzbar, zumal Bund und Land Fördermittel in Aussicht stellen. Wie hoch die sind, wer sie erhält? Fragen, die es noch zu klären gilt. Geprüft wird zudem, welche Gebäude an ein Wärmenetz angeschlossen werden können.

Die Stadt wird dazu am 9. Dezember öffentlich informieren. Danach werden die erarbeiteten Pläne öffentlich ausgelegt, sodass Anregungen und Wünsche geäußert werden können, anschließend wird der Gemeinderat den kommunalen Wärmeplan verabschieden.

Ein kommunaler Wärmeplan bildet die Grundlage, um bis zum Jahr 2040 einen klimaneutralen Gebäudesektor zu erreichen. Die Stadtwerke haben die Bestandsanalyse aller städtischen Gebäude bereits abgeschlossen. Potenziale für eine erneuerbare Energieversorgung im Stadtgebiet liegen größtenteils vor. Auf dieser Basis wurde das Stadtgebiet in Quartiere eingeteilt. Die Quartierseinteilung ist als Vorschlag aufbauend auf den vorhandenen Daten anzusehen und kann sich durch den Gewinn zusätzlicher Informationen noch verändern. Die Quartiere teilen die Stadt in Gebiete, die vorrangig mittels Nahwärmenetz oder aber mit Einzelheizungen beheizt werden sollen. Für jedes Quartier wird ein Steckbrief mit Maßnahmen entwickelt, die für die Klimaneutralität umzusetzen sind. Da mangels Ressourcen nicht alle Maßnahmen sofort umgesetzt werden können und diese darüber hinaus im Einklang mit der städtebaulichen Entwicklung darstellbar sein müssen, werden für alle Maßnahmen Prioritäten festgelegt. Bis zum Jahr 2028, müssen sich mindestens fünf Maßnahmen in der Ausführung befinden.

Eine öffentliche Infoveranstaltung soll es am 9. Dezember geben.