Emissionen von Zementwerken: Koreaner und Deutsche kämpfen gemeinsam gegen Korruption

Die Abordnung aus Südkorea zu Besuch beim Verein für Natur- und Umweltschutz Zollernalb im Hotel Balingen. In Dotternhausen, wo sich der Verein eigentlich beheimatet sieht, konnten sie keinen Raum anmieten.⇥
Vera BenderDie Unterschiede zwischen Deutschland und Südkorea sind gar nicht so groß. Zumindest was die Abfallverbrennung in Zementwerken und die Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung als deren Folge betrifft. Am Dienstagvormittag wurde eine achtköpfige Abordnung aus Südkorea von Vertretern des Vereins Natur- und UmweltSchutz Zollernalb, kurz NUZ, im Hotel Balingen empfangen.
Siegfried Rall, zweiter Vorsitzender des Vereins, klärte die sieben Deutschen im Tagungsraum kurz über das Land in Fernost auf: rund 50 Millionen Einwohner, zwölftgrößte Volkswirtschaft der Welt und elftgrößter Zementhersteller. „Damit liegt Südkorea bei der Zementproduktion weit vor Deutschland, wo es fast doppelt so viele Einwohner gibt, aber nur die Hälfte an Zement produziert wird.“ Eigentlich erstaunlich, dass sich die Asiaten gerade in Deutschland informieren wollen, wie man die Gesundheit der Bevölkerung schützen kann. „Deutschland war in dieser Hinsicht ein Vorbild, wir sind aber auf dem absteigenden Ast. In Zukunft werden wir wahrscheinlich nach Südkorea schauen“, stellte Rall fest.
Gesetzliche Auflagen niedrig
Dolmetscherin Choi Minsu ist von Beruf Ärztin und lebt in Stuttgart. Ihr Interesse am Thema sei groß, weshalb sie die Abordnung aus ihrem Heimatland auf deren Deutschlandreise begleite. Nach dem Stopp in Balingen standen am Nachmittag der Besuch eines Zementwerkes in Dortmund und gestern ein Empfang beim Umweltbundesamt in Dessau auf dem Programm der Südkoreaner, bevor sie heute wieder zurückfliegen. Was sie – zumindest aus Balingen – mitnehmen, ist die Erkenntnis, dass sich die Gesetzeslage ändern muss und dass es auf der Zollernalb einigermaßen frustrierte Kämpfer für das Gesundheitswohl der Bürger gibt.
Warum das so ist? Norbert Majer klärte auf. Der Vorsitzende von NUZ erläuterte, dass Müllverbrennungsanlagen in Deutschland weitaus höhere Auflagen hätten als Zementwerke, welche eine Unmenge an Schadstoffen zur Herstellung des Baustoffes verbrennen, um die notwendige Hitze zu erhalten. Diese Aussage konnte Professor Wolfgang Faigle, der als Fachreferent beim Landesnaturschutzverband in Baden-Württemberg arbeitet, absolut bestätigen. Er sei zwar nicht Mitglied beim Verein NUZ, unterstütze diesen aber, so Faigle. In Deutschland und auch europaweit haben seiner Aussage nach reine Müllverbrennungsanlagen sehr strenge Auflagen, müssen beispielsweise Dioxinfilter oder Quecksilberfilter in ihre Anlagen einbauen, bei Zementwerken gebe es diese strengen Auflagen allerdings nicht.
Einerseits spart man sich bei den deutschen Zementwerken Kosten, indem man keine entsprechenden Filter einbauen und Kohle zum Heizen beschaffen muss, andererseits steigern die Firmen ihren Gewinn, denn das Verbrennen von Abfall lässt man sich gut bezahlen. So die Aussage von Norbert Majer. Als den Südkoreanern mitgeteilt wurde, dass Majer einst Bürgermeister von Dotternhausen war, wo der Zementhersteller Holcim seinen Sitz hat, kam ein anerkennendes „Ah“ aus den Reihen der Gäste. Diese sind mehrheitlich kommunale Beamte im Bereich Umwelt aus verschiedenen Städten Südkoreas, welche sich zusammengeschlossen haben, um per Gesetz eine Erhöhung der Anforderungen an Zementwerke zu erreichen.
Profit durch Müllverbrennung
Kim Dongkyun hat sogar in Deutschland Jura studiert und in Jena promoviert. Er will gemeinsam mit seinen Kollegen, die sich bestens mit der Zementherstellung und Schadstoffwerten auskennen, eine Änderung in der Gesetzeslage von Südkorea erreichen und bereitet einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor. Auch bei der Herstellung von Zement sollen künftig höhere Anforderungen an die Einhaltung von Grenzwerten gelten. Warum das bislang noch nicht der Fall ist – weder in der asiatischen Republik Südkorea noch in Europa – dafür hatten die versammelten Kämpfer für das Gemeinwohl eine einfache Erklärung: Die Lobby der Zementhersteller und die Korruption bei den Entscheidungsträgern sei zu groß.
„Die Firma Holcim bewegt sich innerhalb der gesetzlichen Vorschriften“, stellte Renate Ritter fest, die im Ausschuss des Vereins NUZ sitzt. Sie kann nicht verstehen, wie ein „grüner Ministerpräsident“ in Baden-Württemberg noch dazu die Grenzwerte hoch setzt. Auch bei der erlaubten Menge des Mülls gibt es Gemeinsamkeiten der beiden Länder. In Südkorea soll bis zum Jahr 2025 gestattet werden, dass der Brennstoff zur Herstellung von Zementklinkern gänzlich aus Abfallstoffen besteht. In Deutschland ist dies bereits jetzt genehmigt.
Was bewirken sogenannte SCR-Filter?
SCR ist die Abkürzung für „selective catalytic reduction“. Selektive katalytische Reduktion bezeichnet eine Technik, mit der Stickoxide in Abgasen reduziert werden sollen. Beispielsweise in Verbrennungsmotoren, Feuerungsanlagen und Müllverbrennungsanlagen. Die SCR-Abgasnachbehandlung kommt hierzulande beispielsweise bei Dieselmotoren zum Einsatz.
