Diakonische Bezirksstelle Balingen
: Die steigende Notlage vieler Menschen wird sichtbar

Die Beratungsdienste der Diakonie sind voll ausgelastet. Die Sorgen und Nöte der Menschen nehmen zu. Tafelläden und Vesperkirchen sind oft die letzte Rettung.
Von
Vera Bender
Balingen
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Horst Rein, der Vorsitzende des Diakonischen Bezirksausschusses, und die Fachbereichsleiter Martin Weise und Patricia Seibert-Klöck (von links) von der Diakonischen Beratungsstelle Balingen hoffen wieder auf die Besetzung der Stelle des Geschäftsführers.⇥

Vera Bender

Sie müssen sich mit der harten Wirklichkeit Tag für Tag auseinandersetzen. Zum Glück sind sie nicht selbst von den Sorgen und Nöten betroffen, sondern können nach Feierabend in ihr eigenes Leben zurückkehren, doch der Alltag der Menschen in Notsituationen lässt sie nicht los. Die Rede ist von den Fachbereichsleitern der Diakonischen Bezirksstelle in Balingen.

Ein Kompass für viele Menschen

Vier Fachbereichsleitungen gibt es, erläutert Horst Rein. Der Vorsitzende des Diakonischen Bezirksausschusses ist rein ehrenamtlich tätig, aber seit dem Weggang der langjährigen Geschäftsführerin Diana Schrade-Geckeler Ende September 2023 noch stärker mit Vernetzungs- und Gremienarbeit befasst. Er und die Leiterinnen und Leiter der Fachbereiche kommen so langsam an ihre Grenzen. Sie wünschen sich wieder eine starke Persönlichkeit, die die Interessen marginalisierter Menschen vertritt. Sie alle fangen auf, was sie können, sind aber in der Hauptsache in der Beratung gefragt. Und das mehr denn je.

Hier werden die Wartezeiten auf einen Termin – wohlgemerkt gibt es bei der Diakonie kostenfreie Beratungen – mittlerweile immer länger, die Zahl der Klienten wächst, weil auch die Nöte der Menschen immer größer werden. Die Flüchtlingssozialarbeit ist der größte Bereich innerhalb der Beratungsstellen der Diakonie. Sie wird vor allem auch mit Geldern der Landeskirche, aber auch von Land und Landkreis, geschultert. Zudem engagieren sich hier viele Ehrenamtliche.

Einzige Suchtberatung im Kreis

Der zweitgrößte Bereich ist die Suchtberatung. Während Fachbereichsleiter Martin Weise im Jahr 2022 noch 602 Klienten zählte, so waren es im abgelaufenen Jahr schon 791. „Zwei Drittel dieser Klienten ist männlich, ein Drittel weiblich“, stellt Weise fest, wobei es oft die Frauen seien, die als Angehörige Hilfe suchen, wenn der Partner beispielsweise alkoholsüchtig ist. Das sei hierzulande immer noch die größte Sucht, weil Alkohol überall verfügbar und gesellschaftlich anerkannt ist, erläutert Martin Weise. Aber auch illegale Substanzen und die Verhaltenssucht treffe man an. „Beim pathologischen Glücksspiel gibt es ein großes Dunkelfeld. Die Leute kommen erst in die Beratung, wenn Haus und Hof verspielt sind.“

Prävention bei Suchtgefahren

Mit Beratungen in Balingen und Albstadt sowie Sprechstunden in Meßstetten und Hechingen gehe man mit dem Angebot der Suchtberatung in die Fläche. Innerhalb des Zollernalbkreises, in dem man rund 190 000 Einwohner hat, ist die Diakonie übrigens die einzige Stelle, die Suchtberatung anbietet. Die vorhandenen Selbsthilfegruppen werden ehrenamtlich geleitet und Prävention wird immer wichtiger, zumal Cannabis nun legalisiert werden soll. Das alles ist für die Mitarbeiter schon heute kaum noch zu stemmen und die Anforderungen werden immer größer.

Krisen werden komplexer

„Wir haben eine Multi-Problemlage. Die Krisen werden immer komplexer“, stellt Martin Weise fest. Seine Kollegin vom „allgemeinen Grunddienst“ weiß ebenfalls ein Lied davon zu singen. Patricia Seibert-Klöck hat bei der diesjährigen Vesperkirche in Balingen festgestellt, dass immer mehr Familien mit Kindern kommen, die dankbar sind, dass sie so an einigen Tagen ihrem Nachwuchs eine ausgewogene, warme Mahlzeit bieten können. „Mittlerweile kaufen immer mehr Menschen aus der Mittelschicht im Kaufwaschcafé in Ebingen ein, weil die Schere immer weiter auseinander geht“, erklärt die Fachberaterin. Aber sie ist auch froh, dass es im Second-Hand-Laden mit Waschmöglichkeit und Café ein gesellschaftliches Miteinander gibt, da hier jeder einkaufen darf. Hier treffen Menschen aus der Oberschicht – oft Schnäppchenjäger – auf Obdachlose und Bürgergeldempfänger.

Nachfrage steigt kontinuierlich

Die Sozial- und Lebensberatung in Balingen, Ebingen und Sigmaringen gehört ebenfalls zum Fachgebiet von Patricia Seibert-Klöck. Dazu die Schuldner- und Insolvenzberatung und die Kurberatung. „Manchmal fühle ich mich wie in einem Reisebüro“, nimmt die diakonische Mitarbeiterin die Gesamtsituation mit Humor. Oft leidet bei finanziellen Krisen die gesamte Familie, weshalb sie eine Auszeit benötigt. Auch die psychischen Krankheiten haben zugenommen, stellt man bei der Diakonie fest. Und das sind nicht nur Nachwirkungen von Corona. So wie die derzeitige Misere nicht Schuld der Geflüchteten ist. Martin Weise hat das Gefühl, dass es seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers in den Vereinigten Staaten im Jahr 2008 durch die globale Finanzkrise kontinuierlich schlechter wurde für die Menschen.

Finanziell von der Kirche getragen

Die Nöte werden größer, die Politik dem Anschein der Berater nach hilfloser und die Finanzen weniger. Finanziell wird die Diakonie übrigens von der Kirche getragen. „Es geht für sehr viele ums nackte Überleben“, sagt Seibert-Klöck, die den Menschen gerne eine Perspektive fürs Leben geben will. Ein weiterer Fachbereich ist übrigens die Schwangerenberatung. Ebenfalls ein wichtiges Thema für die Betroffenen.

30 Personen sind bei der Diakonie im Kirchenbezirk beschäftigt. Für sie wird wieder eine kompetente Führungskraft mit sozialpädagogischem Hintergrund gesucht, die Sichtbarkeit schafft und sich für die Personen, die Hilfe brauchen, einsetzt – beim Landkreis, bei Kommunen, beim Land. „Sie wird Fachbereiche übernehmen, die sehr gut laufen. Ein bestelltes Feld also“, so Weise. Die Stelle der Geschäftsführung ist abermals ausgeschrieben. Fragen zu Aufgaben und Anforderungen beantwortet Horst Rein telefonisch unter (07471) 38 69.

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Klientenmit Suchtkrankheiten wurden im Jahr 2023 im Zollernalbkreis betreut. Zwei Drittel von ihnen sind männlich. Die Zahl ist deutlich angewachsen (von 602 in 2022).