Debatte um Regenbogenflagge: Wovor die Stadt Balingen wirklich Angst hat


Die Stadt Balingen wird anlässlich des dort stattfindenden CSD im September aus Gründen der „Neutralität“ keine Regenbogenflagge hissen. Ist in Ordnung, findet Lea Irion – liest zwischen den Zeilen aber die eigentlichen Beweggründe heraus.
Gregor Fischer/dpaBalingen bekommt am 6. September 2025 seinen ersten CSD – und die Stadtverwaltung zeigt schon Wochen vorher, wie unangenehm ihr das ist. Vorweg: Diese Debatte dreht sich nicht darum, ob die Stadt Balingen eine Regenbogenflagge hisst oder nicht. Selbst wenn sie sich – was derzeit wahrscheinlich ist – dagegen entscheidet, ist das ein Umstand, den eine Demokratie aushalten muss. Doch mit der Begründung hat man sich im Rathaus ins eigene Knie geschossen.
Dort rechtfertigt man sich nämlich mit fadenscheinigen Argumenten à la „Wir behandeln alle gleich“ oder „Wir fürchten eine Polarisierung der Stadtgesellschaft“ – und repliziert damit die in rechten Kreisen verbreitete Mär der „queeren Ideologie“. Zu sagen, man sei auf „niemanden besonders stolz“ oder man riskiere eine „explizite Hervorhebung eines bestimmten Teils der Bevölkerung“, hat nichts mit Gleichbehandlung zu tun, sondern mit Gleichgültigkeit. Sonst wüsste man nämlich aufseiten der Stadtverwaltung, dass die gesellschaftliche Realität eben nicht für alle Menschen gleich ist.
Wofür die Regenbogenflagge eigentlich steht
Ja, es ist gut, dass es in Balingen ein Queer Café gibt. Aber wenn die Stadt dieses ausgerechnet in ihrer Begründung anführt, um zu rechtfertigen, dass man keine Randgruppen „hervorheben“ wolle, wirkt das beinahe wie Hohn. Wer mit den Menschen dort sprechen würde, wüsste: Ein CSD ist keine Party der Selbstbeweihräucherung. Es geht nicht um Eitelkeit – sondern um Sichtbarkeit, Anerkennung und Schutz. Denn 1.770 queerfeindliche Straftaten wurden 2024 in Deutschland gemeldet. So viele wie nie zuvor. Und das sind nur die, die angezeigt wurden.
Im Übrigen liegt die Stadt auch mit ihrer impliziten Darstellung falsch, die Regenbogenflagge sei ein „polarisierendes Symbol“. Sie ist ein international anerkanntes Zeichen für Menschenrechte – für Toleranz, Vielfalt und Akzeptanz. Viele Städte hissen sie ganz selbstverständlich als Zeichen der Verbundenheit gegenüber queeren Menschen, die ausgegrenzt werden und Gewalt erfahren, darunter auch Tübingen und Reutlingen. Dort fürchtete man sich komischerweise nicht vor einer „Polarisierung der Stadtgesellschaft“.
Polarisierung entsteht nämlich nicht durch eine Regenbogenflagge – sondern durch diejenigen, die sich von ihr provoziert fühlen. Natürlich muss die Balinger Stadtverwaltung die Regenbogenflagge nicht hissen. Sie muss sich aber darüber im Klaren sein, weshalb sie das tut – nämlich aus Angst vor rechtem Gegenwind. Und wer sich davor wegduckt, riskiert erst recht Spaltung.
