Clubsterben auf dem Land: Der letzte Tanz: Das Top10 in Balingen hat für immer geschlossen

Der letzte Tanz: Am Freitag und Samstag stiegen im Top10 die Closing-Partys.
Top10Ein kaltes Getränk im Biergarten soll es nachher werden, davor noch ein Spaziergang mit seiner Frau. Es ist die Ruhe nach dem Sturm an einem warmen Sonntagnachmittag Ende Mai, sie markiert einen neuen Abschnitt in Dirk Bambergers Leben. Er klingt emotional am Telefon. Wenige Stunden zuvor hat er die Lichter in Balingens Top10 für immer ausgemacht. Die Scherben auf der Tanzfläche wurden noch ein Mal aufgelesen, das silberne Konfetti zusammengekehrt, die Türen zugeschlossen. Der Zollernalbkreis hat einen der letzten verbliebenen Clubs in der Region verloren. Und jetzt?
Am Freitag vor dem großen Showdown liegt eine alte Postkarte in Bambergers Büro; dunkelblau mit heller Glitzerschrift, in der Mitte etwas zerknittert. Sieben Jahre hat die Karte auf dem Buckel. Man verzeiht ihr das betagte Aussehen, wenn man liest, was auf ihr geschrieben steht: „Niemand schaut später auf sein Leben zurück und erinnert sich an die Nächte, in denen man viel geschlafen hat.“ Die Postkarte liegt bewusst auf diesem Tisch, im Verborgenen bleibt nur, ob sie auf Dirk Bambergers Vergangenheit hinauswill oder auf das, was ihm unmittelbar bevorsteht: In fünf Stunden wird die große Abschiedsparty eines der letzten Clubs der Region starten. Viel schlafen wird Bamberger nicht. Aber erinnern wird er sich an jede einzelne Sekunde.

Dirk Bamberger, Betreiber vieler Diskotheken, darunter das jetzt ehemalige Top10 in Balingen.
PrivatDer Pfingstsonntag ist erst wenige Tage her. An jenem Wochenende feierte Bamberger die letzte Ü30-Party im Top10. „Das habe ich so sehr genossen“, sagt er. Unzählige Leute seien auf ihn zugekommen, hätten über die Vergangenheit geredet und darüber, wie schade es ist, dass solche Erinnerungen hier bald nicht mehr geschrieben werden können. Begegnungen wie diese sind der Grund, warum Bamberger vor über 30 Jahren hauptberuflich in das Nachtleben gerutscht ist. „Dieses Zusammensein, die Energie der Menschen. Das ist das, was es ausmacht.“
„Ich habe alles probiert“
Bamberger wurde in dieses Leben hineingeboren. Sein Vater eröffnete 1969 seinen ersten Club, das „ex“ in Schramberg, avancierte später zum Betreiber von fünf Diskotheken. Bamberger wuchs mit dem Geruch des Nachtlebens auf, damals noch mit viel Zigarettenrauch als Kopfnote und Alkoholgeschmack im Abgang. Im VW Bulli seines Vaters fuhren sie jede Woche die Clubs ab und lieferten Getränke nach. Bamberger wollte eigentlich mal Arzt werden, er bezeichnet sich selbst als Generalist und hätte sich bestimmt in jeder Branche zurechtgefunden. Sein Herz erobert hat am Ende aber nur die eine.
Eigentlich, sagt der 58-Jährige, hätte er das Top10 in Balingen schon vor einem Jahr schließen müssen. „Ich habe alles probiert“, beteuert Bamberger. Doch alles war am Ende nicht genug. Auch deshalb, weil die entscheidenden Faktoren nicht in seiner Hand lagen. Corona sei natürlich eine schwere Zeit gewesen, die man irgendwie hinter sich brachte. Doch die Auswirkungen waren verheerender, als Bamberger angenommen hatte.

Auf einem Banner konnten die letzten Gäste ihre Unterschrift hinterlassen.
Top10Als das Top10 im Jahr 1992 im Gewerbegebiet Gehrn in Balingen eröffnete (zu seiner Zeit noch unter dem Namen „Treffpunkt“), war das Nachtleben ein anderes. „Die Clubs, die Bars, die Kneipen, das war damals das zweite Zuhause der Menschen“, erinnert sich Bamberger. Ab Mittwoch war man unterwegs und ging konsequenterweise auch mal vom Club direkt zur Arbeit. Balingens Treffpunkt wurde zum „Place to be“ für jene, die alte Freunde sehen oder neue Leute kennenlernen wollten. Auszugehen bedeutete automatisch Sozialisation. Dann wurde die Welt digitaler; die zwischenmenschliche Kommunikation lagerte sich nach und nach vom Echten ins Virtuelle aus und gipfelte schließlich in der Corona-Pandemie 2020.
Die Dinge „funktionieren heute einfach anders“, findet Bamberger, und er meine das in keiner Weise abwertend gegenüber der jungen Generation und der Digitalisierung an sich. Aber er ist nun mal Clubbetreiber. Seine Branche war unter denen, die am längsten von den Lockdowns gebeutelt waren. Im Umkehrschluss bedeutete das: In den zwei Jahren der unfreiwilligen Feierabstinenz hat eine ganze Generation das Weggehen entweder verlernt oder bekam gar nicht erst die Chance dazu. „Diese Menschen fehlen heute.“
Es trieb das Top10 in eine Abwärtsspirale: Weniger Leute bedeuten auf der einen Seite weniger Umsätze und auf der anderen einen leeren Club, was wiederum die Feierwütigen davon abhält, überhaupt erst auszugehen. Die Entscheidung, einen der letzten Clubs der Region zu schließen, war eine der schwierigsten in Bambergers Leben, auch wegen seiner Belegschaft. „Aber mir blieb nichts anderes übrig.“
Alles, was jetzt noch bleibt, sind die Erinnerungen
Am Abend des 25. Mai ist es schwierig, auf Gehrn einen Parkplatz zu finden. Die Schlange vorm Top10 ist lang, aber die Karten waren im Vorfeld nicht ausverkauft. Eine Bestätigung, dass dieser Schritt der richtige ist?
Dirk Bamberger ist in dunklem Sakko unterwegs. Er selbst feiert die Nächte nie mit. Schon damals, als er noch im Keller des Elternhauses Mottopartys geschmissen hatte, stand er lieber am Seitenrand und sah den Leuten beim Spaßhaben zu. Heute ist es nicht anders als damals. Am ehesten würde er zu einem Gin Tonic greifen, hätte er denn die Wahl, aber darum geht es in dieser Nacht nicht. Alles, was dem Top10 jetzt noch bleibt, sind diese letzten Momente, die letzten Erinnerungen, der letzte Tanz.

Gefeiert wurde natürlich mit ausreichend viel Konfetti.
Top10Es ist ein herber Verlust für Balingen und den ganzen Kreis. Die Schließung der Diskothek beschäftigte im April sogar die Kommunalpolitik: Der Balinger Gemeinderat erkannte schnell, dass der Stadt damit ein erheblicher Pull-Faktor für junge Leute verloren geht. Flott formuliert waren auch die Bedenken dahingehend, wo diese jungen Leute nun stattdessen hingehen würden: Doch nicht etwa in die Innenstadt, wo laute Musik und Gegröle und Getanze freilich unerwünscht wäre? Eine Alternative aus dem Boden zu stampfen, wird der Verwaltung nicht einfach so gelingen.
Um die Wette wummern mit dem Herzschlag
Gegen 23 Uhr sind die Tanzflächen im Top10 gut gefüllt. Bamberger und sein Team verteilen Schlüsselanhänger und T-Shirts, an Konfetti wird an diesem Abend nicht gespart. Einmal noch das große Blitzlicht, einmal noch die tiefen Bässe, die mit dem Herzschlag um die Wette wummern, einmal noch dröhnende Ohren und heisere Stimmen. Im Diamonds-Club, eine der drei großen Tanzflächen, legt an diesem Abend Steven Plutecki auf, den man eigentlich nur als DJ Flya kennt. Er ist langjähriger Weggefährte von Bamberger und Moshpit-Garant, wenn er vorm Pult steht.
Sein erster Abend im Top10 liegt sieben Jahre zurück. Damals ging es für ihn um alles oder nichts: Würde er sich beweisen, wäre das der Grundstein für seine DJ-Karriere in Bambergers Diskotheken gewesen, und ebendies war ihm damals gelungen. Das Top10 wurde Pluteckis Lieblingsclub, und Plutecki stieg zum Lieblings-DJ etlicher Gäste auf. „Es schmerzt, dass es nicht mehr da sein wird“, sagte er noch vor seinem großen Auftritt, und eine große Ehre sei es für ihn, dieses eine letzte Mal auflegen zu dürfen. Hinterher wird er sagen, wie toll die Nacht verlief, wie viel Bock alle hatten und auch, wie emotional es dann doch war, all diese Leute zum letzten Mal zusammen auf der Tanzfläche gesehen zu haben.
„Viele junge Leute werden das jetzt verlieren und da nicht mehr reinwachsen“, sagt Bamberger. Einen reinen Club wie seinen gibt es im Zollernalbkreis nicht mehr. Das ehemalige „Tropi“ in Albstadt hat schon vor zwei Jahren die Segel gestrichen und sich einem Rebranding unterzogen. Heute ist es keine reine Diskothek mehr, sondern firmiert unter dem Namen Kulturfabrik und dient als ebensolches: Events aller Art finden ihren Weg dorthin. Clubnächte veranstaltet es noch, aber nicht mehr ausschließlich.
Jetzt gibt es im ehemaligen Tropi auch Dinge wie Kabarett oder Bildungsveranstaltungen. Ein Flohmarkt steht ebenso im Kalender wie die US-Rockband Spread Eagle oder eine Malle-Party. Zu behaupten, man könne im Zollernalbkreis gar nicht mehr feiern gehen, wäre also falsch – es ist nur schwieriger geworden.
Elements-Festival soll weiterleben
Die nächste reine Diskothek wäre jetzt wohl in Stuttgart oder eben das Top10 in Singen, schätzt Bamberger, dem letzteres gehört und das er in absehbarer Zeit nicht schließen werde. Auch das Elements-Festival werde sich nicht aus dem Zollernalbkreis zurückziehen. Aber das Top10 in Balingen muss diesen Weg gehen.
Eine leise Wehmut über das nahende Ende des Top10 gehört am Samstag zum Feiern dazu, und sie wird lauter, je näher die Nacht an die 5-Uhr-Marke kommt. Weder das Konfetti, noch der Alkohol oder das extra organisierte Feuerwerk können davon ablenken, was unausweichlich ist. „Wir haben sogar noch Zugaben gespielt“, sagt Bamberger am Telefon. Aber irgendwann muss auch diese Party ihr Ende finden.
„Vielleicht wird es eines Tages ein Revival geben“
Einer seiner Mitarbeiter hatte im Vorfeld gesagt, dass er wohl emotional werden würde, wenn am Sonntag die Lichter das letzte Mal fürs Kehren der Tanzflächen angingen. „Und er hat sogar geweint“, sagt Bamberger am Sonntagnachmittag. Er klingt ruhig und bestimmt, wohl auch deshalb, weil es seine Zeit brauchen wird, bis die Realisierung eintritt, dass das Top10 jetzt wirklich geschlossen hat.
Er wolle jetzt erstmal spazieren und sich erholen, gerne auch Urlaub machen. Bambergers Telefon stand nicht still in den letzten Wochen vorm großen Showdown. Oft ging es auch darum, was jetzt aus dem Gebäude wird, das ihm gehört. Verkaufen? Verpachten? Anders nutzen, vielleicht wie das ehemalige Tropi? Er weiß es nicht. Noch nicht zumindest. „Vielleicht wird es ja auch eines Tages ein Revival geben“, blickt er vorsichtig in die Zukunft. Aber er will sich alle Optionen offenhalten. „Dafür bräuchte es ja auch gesellschaftliche Veränderungen.“
Fest steht nur, dass es erstmal ruhiger werden wird in Balingen. Die Website des Top10 zeigt aktuell viel Schwarz, keine Events, nur die Fotos der vergangenen Wochen. Es hat sich ausgetanzt.


