70 Jahre Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe: Gemeinsam Wege aus der Sucht finden

In der Balinger Stadthalle feiern die Freundeskreise aus der Region am Samstag, 5. September, das 70-jährige Bestehen des Landesverbands.
Andrea Maute- 70 Jahre Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe: Feier am Samstag, 5. September, Stadthalle Balingen.
- Heute bestehen 121 Gruppen mit rund 2000 Teilnehmenden in 76 örtlichen Freundeskreisen.
- Ziel ist ein zufriedenes, suchtmittelfreies Leben – Betroffene müssen Hilfe aktiv annehmen.
- Treffen bieten Austausch unter Gleichbetroffenen, Angehörige sind ausdrücklich willkommen.
- Programm der Feier: Einlass 13.30 Uhr, Begrüßung 14 Uhr, Vortrag 14.30–16.30 Uhr, Ende gegen 17 Uhr.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Blickt man auf die Anfänge, sind es im Grunde zwei Aspekte, die die Erfolgsgeschichte der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe begründet haben. Zum einen das richtige Einschätzen der eigenen Situation. Und zum anderen der Mut, etwas zu bewegen.
Denn als Karl Votteler vor 70 Jahren die Rehabilitationsklinik für suchtkranke Menschen verließ, war ihm eines klar: Alleine werde ich es nicht schaffen.
Wie er sich dieser Situation stellte und was er daraus machte – dafür zollen ihm Leiter und Teilnehmer der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe nicht nur Anerkennung und Respekt. Sie sind ihm auch bis heute dankbar. Denn das Netzwerk, das Karl Votteler damals knüpfte, indem er den Kontakt zu ehemaligen Mitpatienten suchte und einen regelmäßigen Austausch initiierte, trägt auch über seinen Tod hinaus reiche Früchte.
„Der Betroffene muss es selber wollen“
Heute zählen die Freundeskreise rund 2000 Teilnehmende in 121 Gruppen, organisiert in 76 örtlichen Freundeskreisen in Württemberg.
Das 70-jährige Bestehen des Landesverbands feiern die Kreise aus der Region am Samstag, 5. September, in der Balinger Stadthalle. „Balingen liegt zentral“, sagt Rainer Schlotter (Leiter Freundeskreis Horb), der sich neben Hagen Gräter (Leiter Freundeskreis Killertal) als Regionalvertreter engagiert.
Als Freundeskreisleiter begleiten sie Menschen oft über viele Jahre hinweg und werden mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten konfrontiert. „Jeder, der zu uns kommt, hat einen anderen Stand“, sagt Rainer Schlotter. Deshalb sei es sehr wichtig, „die Person so anzunehmen wie sie ist und sie dort abzuholen, wo sie gerade steht.“
Nicht selten würden zunächst die Angehörigen über den jeweiligen Freundeskreis Rat suchen. Diese sind hier ebenfalls ausdrücklich willkommen. Denn Suchterkrankung, weiß Rainer Schlotter, „belastet das gesamte soziale Umfeld tiefgreifend und bindet die Angehörigen unwillkürlich mit ein.“
Um das Ziel – eine zufriedene und suchtmittelfreie Lebensgestaltung – zu erreichen, sei allerdings eines unerlässlich: „Der Betroffene muss selber wollen.“ Sprich er muss bereit sein, Hilfe anzunehmen und auf dieses Ziel hinzuarbeiten.
Das ist, wenn man bisweilen schon einen langen Leidensweg hinter sich hat, natürlich nicht leicht. Denn auch nach vielen Jahren sei ein Rückfall nie ausgeschlossen.
Suchtkranke und Angehörige herzlich willkommen
Eine sprichwörtlich schwere Last im eigenen Rucksack ist das Suchtgedächtnis. Und dieses macht es Betroffenen im Alltag alles andere als leicht. „Schon bei einer Schwarzwälder-Kirsch-Torte muss man aufpassen, und sogar Medikamente wie etwa bestimmte Hustensäfte enthalten Alkohol“, verdeutlicht der Freundeskreisleiter.

Rainer Schlotter ist Freundeskreisleiter in Horb und Regionalvertreter.
Thomas StoeckleWer in die Sucht geraten ist, suche oft auch Hilfe im Internet. Doch das sei nicht dasselbe wie eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht, weiß Rainer Schlotter, der Einblicke in den Ablauf der Treffen im Freundeskreis Horb gibt.
Die Teilnehmenden sitzen im Kreis und tauschen sich zu Beginn in einer Befindlichkeitsrunde aus. Dabei kommen ganz unterschiedliche Themen zur Sprache, denn die Probleme sind so individuell wie die Menschen selbst.
Während der eine etwa mit Sorge auf einen runden Geburtstag blickt, der in Erwartung der Gäste stets mit Alkohol verbunden ist, sorgen sich andere über den suchtbedingten Verlust des Arbeitsplatzes und den Entzug des Führerscheins.
Haben sich die Gründe, in die Sucht zu geraten, in den 27 Jahren, in denen Rainer Schlotter als Freundeskreisleiter tätig ist, verändert? Die Probleme seien an und für sich dieselben, sagt er. Ein Faktor sei heute allerdings das Internet und generell die stressige Zeit. „Irgendwo sucht man sich dann ein Ventil. Aus einem Bier werden zwei, drei – und der Rattenschwanz an Problemen wird immer länger.“
Doch es gibt Hoffnung. „80 Prozent der Menschen, die einen Freundeskreis besuchen, bleiben trocken“, berichtet Rainer Schlotter.
Lässt man sich darauf ein, erhält man hier wertvolle Unterstützung. Nicht von Menschen, die von außen auf die Problematik blicken. Sondern von Menschen, die dieselben oder ähnliche Probleme haben oder hatten und die wissen, wovon der oder die Betroffene spricht. Ihr Rat und ihre Hilfe sind in diesem Fall Gold wert.
Eine starke Gemeinschaft
Viele kommen regelmäßig zu den Treffen, manche ab und zu. Was sie jedoch alle verbindet, ist die starke Gemeinschaft.
Als Beispiel führt Rainer Schlotter einen ehemaligen Teilnehmer an, der nach Kroatien ausgewandert ist. „Wenn er zweimal im Jahr nach Deutschland kommt, legt er seine Termine immer so, dass er an den Gruppentreffen teilnehmen kann“, freut er sich. Und auch von anderen Ehemaligen erhält er regelmäßig Rückmeldung, was zeigt, wie groß das Vertrauensverhältnis ist.
Den Betroffenen macht er deshalb Mut, einfach mal in einen Freundeskreis hineinzuschnuppern. Gerne kann man sich vorher mit dem jeweiligen Leitenden in Verbindung setzen.
„Bei uns sind alle suchtkranken Menschen und deren Angehörige willkommen“, betont Rainer Schlotter. Denn gemeinsam findet man besser einen Weg als alleine.
70 Jahre Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe
Das Jubiläum feiern die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe am Samstag, 5. September, in der Stadthalle Balingen.
Einlass ist ab 13.30 Uhr. Um 14 Uhr folgt die Begrüßung, anschließend gibt es Grußworte.
Am Festakt werden als Vertreter aus Balingen Tina Morlok (AOK Neckar-Alb), Annika Lebherz (Kommunale Suchtbeauftragte) und Martin Weise (Fachbereichsleiter Suchtberatungsstelle) teilnehmen.
Von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr hält Evelyn Hilbeck, Heilpraktikerin für Psychotherapie, einen Vortrag zum Thema „Selbstwirksamkeit und Selbstwertsteigerung.“
Anschließend ist Raum für Fragen und Austausch. Die Veranstaltung endet gegen 17 Uhr.
Wer die Arbeit der Freundeskreise kennenlernen will, ist willkommen.
