Neue Modedroge: Was „Görke“ so gefährlich macht

Adalbert Gillmann ist Leiter der Elternselbsthilfe Zollernalbkreis. Aus eigener Erfahrung weiß er, was Eltern durchleiden, deren Kinder in die Drogenspirale geraten.
Andrea Maute- Modedroge „Görke“ breitet sich aus – erste Fälle in Süddeutschland gemeldet.
- Konsum über E-Zigaretten – Wirkung stark, psychisch und körperlich gefährlich.
- Jugendliche werden immer früher süchtig – Mix-Konsum und Überdosierung alarmierend.
- Elternselbsthilfe Zollernalbkreis hilft Angehörigen suchtgefährdeter Kinder – 186 Betroffene seit 9 Jahren.
- Treffen alle 14 Tage in Balingen, vertraulich und kostenlos – Infos: www.elternselbsthilfe-zak.de.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es waren nur einige Züge aus der E-Zigarette. „Schmeckt nach Erdbeere“, wird diese einem jungen Mann angepriesen. „Was ist schon dabei“, sagt der Freund. Ja, was denn eigentlich? Schnell ein paar Mal ziehen - und rein in die Partynacht.
Dass dies ein gefährlicher Trugschluss ist, wird in der Dokumentation schnell deutlich. Denn was dann folgt, geht unter die Haut. Nur wenige Minuten verstreichen, bevor die Wirkung einsetzt. Mit voller Wucht. So, als ob einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Dem jungen Mann steht plötzlich kalter Schweiß auf dem Rücken. Sein Puls rast und sein Kopf sackt immer wieder weg. Die bittere Erkenntnis folgt erst später: Es war „Görke“, die neue Modedroge, die er unwissentlich konsumiert hat.
In Deutschland ist diese Droge auf dem Vormarsch. Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene konsumieren „Görke“, das in einschlägigen Kreisen auch als „Baller-Liquid“ oder „Klatsch-Liquid“ bekannt ist. Viele, ohne zu ahnen, welcher Gefahr sie sich dabei aussetzen.
In Süddeutschland angekommen
Erste Fälle, die bekannt geworden sind, stammen aus Norddeutschland. Ist die neue Modedroge zwischenzeitlich auch schon nach Baden-Württemberg, genauer gesagt in den Zollernalbkreis geschwappt? „Noch gibt es hier keine Fälle“, berichtet Adalbert Gillmann, Leiter der Elternselbsthilfe Zollernalbkreis für suchtgefährdete und suchtkranke Töchter und Söhne, nach Rücksprache mit der Polizei. Die Betonung liegt auf noch. Denn in der Ortenau und in Villingen-Schwenningen sei sie bereits angekommen. Die Gefahr ist also deutlich nähergerückt.
Was macht „Görke“ so gefährlich? „Es ist eine synthetische Droge“, erklärt Adalbert Gillmann. Eine, die eine starke Wirkung auf das zentrale Nervensystem hat. In schick designter Form wird sie oftmals über E-Zigaretten konsumiert. Doch das vermeintlich harmlose Gewand, in dem sie daherkommt, ist trügerisch. Schon ein einziger Zug kann ausreichen, um heftige psychische und körperliche Reaktionen auszulösen.
Da es sich um synthetische Cannabinoide handelt, wird „Görke“ von vielen Konsumenten für eine Art Cannabis gehalten. Mit pflanzlichem Cannabis haben die synthetisch hergestellten Stoffe allerdings so gut wie nichts gemein. Ihre Wirkung, sagt Adalbert Gillmann, ist um ein Vielfaches stärker.
Erste Drogenerfahrung schon in jungen Jahren
Als Leiter der Elternselbsthilfe kennt er unzählige Schicksale und weiß, wie viele Familie durch den Drogenkonsum ihrer Kinder in einen Teufelskreis aus Leid, Angst und Hilflosigkeit geraten. Besonders fatal: Die Jugendlichen, die in diese Spirale hineingezogen werden, werden immer jünger. „Mit 15, 16 Jahren fangen sie schon an zu dealen“, berichtet er. Die Ursache? Geldmangel. Die Masche, um den Stoff unter die Leute zu bringen? „Man sucht sich diejenigen aus, die leicht zu überzeugen sind.“ Und das wiederum seien die noch Jüngeren - die 12-, 13-Jährigen, die auf Schulhöfen angesprochen werden und schon in diesem Alter erste Erfahrungen mit Drogen machen.
„Zu Beginn wird meist zu Cannabis gegriffen“, schildert Gillmann, der die Ursprungspflanze allerdings nicht verteufeln möchte. Diese habe, betont er, durchaus medizinischen Nutzen. Fakt sei vielmehr, „dass das, was sich die jungen Konsumenten kaufen, bis zu 25-mal stärker als besagte Pflanze ist.“ Generell sei die Überdosierung ein großes Problem.
Einer Studie zufolge kamen im Jahr 2022 in den USA jede Woche so viele Jugendliche durch eine Überdosis ums Leben, wie in einem Highschool-Klassenzimmer sitzen. Durchschnittlich 22 Schülerinnen und Schüler. 2024 starben in Deutschland 2137 Menschen, viele von ihnen noch nicht einmal 30 Jahre alt. Besonders besorgniserregend ist der Anstieg der Todesfälle bei jungen Konsumierenden unter 30 Jahren um 14 Prozent.
Ganze Familie betroffen
Warum greifen Jugendliche zu Drogen? Die Gründe dafür sind vielfältig. Oft spielten Konflikte in der Familie, in der Schule oder im nahen Umfeld eine entscheidende Rolle – „sie beeinflussen das Verhalten, das Wohlbefinden und die Entwicklung der betroffenen Kinder und Jugendlichen nachhaltig.“ Mal sei es der Druck der Leistungsgesellschaft; das Gefühl, nicht mehr dazu zupassen und mithalten zu können. Und nicht zuletzt täten sie es - so wie in der Dokumentation - auch einfach, um fit für eine lange Partynacht zu sein.
„Mit Speed etwa kann man 48 Stunden ohne Probleme durchfeiern“, erklärt der Leiter der Elternselbsthilfe, der mit großer Sorge registriert, dass heute kaum nur noch eine Substanz konsumiert wird, sondern der Mix-Konsum „Standard“ geworden ist. Die Folgen für die Heranwachsenden sind fatal. „Sie vergewaltigen geradezu ihren eigenen Körper“, schildert er die drastischen Auswirkungen, die oft schon mit 17, 18 Jahren in die erste Psychose gipfeln.
In den meisten Fällen stürzen sich die jungen Menschen nicht nur selbst ins Unglück, sondern ihre ganze Familie. „Pro Süchtigem kommen im Schnitt vier Mitleidende“, weiß Adalbert Gillmann. Durch die Suchtproblematik der Kinder ändere sich das Leben der Angehörigen gravierend, nicht selten stoße man auf Abgründe. Denn um an Geld für Drogen zu kommen, schreckten viele Abhängige nicht einmal davor zurück, die Geldbeutel ihrer Eltern oder Geschwister zu plündern.
Im krampfhaften Bemühen, das Kind wieder auf den richtigen Weg zu bringen, komme es oft zur Eskalation. Ein Wort ergebe das andere, Streit und Tränen seien vorprogrammiert. Die bittere Konsequenz: „Man verliert den Zugang und das Vertrauen - und damit das Wichtigste, was einen mit dem eigenen Kind verbindet.“
Die Hemmschwelle überwinden
Dabei könnte, unterstreicht der Gruppenleiter, vieles noch verhindert werden, wenn man sich dem Problem rechtzeitig stellen würde. „Oftmals ist die Scham der Eltern jedoch so groß, dass sie sich vor diesem Schritt scheuen. Und manchmal verschließen sie auch einfach ihre Augen; in der Hoffnung, dass sich die Wogen nach der Pubertät schon wieder glätten.“ Doch irgendwann sei das Kind dann volljährig - und es sei zu spät, um das Ruder noch herumzureißen.
Aus diesem Grund lautet sein eindringlicher Appell, nicht zu viel Zeit verstreichen zu lassen. „Man muss darüber sprechen und vor allem lernen, auf sich selbst zu achten“, legt er den Eltern ans Herz. Wobei letzteres auch beinhalte, das Kind seine eigenen Erfahrungen machen zu lassen. „Auf den Lebensweg schicken“, nennt es Adalbert Gillmann und betont: „Was man liebt, das muss man auch loslassen können.“
Ein wichtiger, wenn nicht sogar entscheidender Schritt, um dies alles umsetzen zu können, sei, sich Unterstützung zu holen. In der Elternselbsthilfegruppe sind es keine Außenstehenden, die sich über das Thema Sucht austauschen. Es sind Menschen, deren Kinder betroffen sind oder waren. Und die irgendwann ihre Hemmschwelle überwunden und zum Telefonhörer gegriffen haben.
Sich gegenseitig Kraft geben
„Gemeinsam wollen wir gegen unsere Angst, Mut- und Machtlosigkeit, aber auch gegen die Verzweiflung angehen, um uns Kraft zum Handeln zu geben“, skizziert Adalbert Gillmann das Ziel. Warum es sich lohnt, dafür zu kämpfen, zeigen zahlreiche positive Beispiele, bei denen Angehörige nicht zuletzt durch die Arbeit an sich selbst zu einer gesunden Kommunikation zurückgefunden und den verlorenen Zugang zum Sohn oder zur Tochter wieder aufbaut haben. Um sich dann gemeinsam auf den Weg in ein drogenfreies Leben zu machen.
186 Eltern seien in den vergangenen neun Jahren in die Selbsthilfegruppe gekommen, erzählt der Leiter, der allen, die noch zögern, Mut machen will: „Wenn man die ersten vier bis sechs Wochen durchhält, kann man zwischendurch sogar schon wieder lachen“, sagt er.
Die Elternselbsthilfe Zollernalbkreis für suchtgefährdete und suchtkranke Töchter und Söhne
... ist kostenlos und unverbindlich. Sie steht allen Angehörigen von Menschen mit Suchtproblemen (Drogen-, Alkohol-, Glücksspiel-, Computerspielsucht, Internetmissbrauch) offen. Sie ist vertraulich (nichts dringt nach außen) und, wenn es gewünscht wird, anonym.
Die Gruppe trifft sich 14-tägig, immer montags um 20 Uhr in der Friedrichstraße 67 in Balingen (Eingang in der Schloßstraße, 1. Raum links). Vor dem ersten Besuch ist ein telefonisches Gespräch mit dem Gruppenleiter, Tel. (07476) 4 49 07 41, erwünscht.
Weitere Informationen gibt es unter www.elternselbsthilfe-zak.de.
