Vanleben in Albstadt: „Die Welt ist meine Terrasse“
Leben auf sechs Quadratmetern Wohnfläche bei einer Höhe von 1,80 Metern: Was für den einen der Albtraum schlechthin wäre, ist für den anderen die größte Erfüllung. Christian Ittner lebt seit Dezember 2019 rund um die Uhr in seinem Van – und das vollkommen freiwillig.
Ein zu Hause von 140 auf sechs Quadratmeter
Seine Schubladen sind aufgeteilt wie die Zimmer im Haus: Küche, Bad, Büro und das Kleiderfach befindet sich hinter dem Fernseher. Dabei lebte er zuvor in einem dreistöckigen 140-Quadratmeter-Haus mit Garten. Nach der Trennung von seiner Freundin wollte er einfach nicht so viel Geld für die Miete verschwenden und zog in seinen ersten Van, einen VW T4, der ursprünglich nur als Urlaubsfahrzeug gedacht war.
Er konnte ein Firmengelände als Stellfläche nutzen und mit dem Fahrrad erreichte er alle erforderlichen Orte: drei Kilometer zum Waschsalon, ein Kilometer zum Fitnessstudio und somit zu den Duschen sowie einen Kilometer zum Selfstorage, wo alles untergebracht war, was nicht in den Van passte. „Anfangs war ich im Abenteuermodus“, erinnert er sich. „Es fühlt sich an wie Urlaub und es dauert einige Monate, bis sich dieses Gefühl legt.“
Vanleben zeigt, was wirklich wichtig ist
Inzwischen hat er den VW durch seinen „Tony“ ersetzt: einen Fiat Ducato 244, Baujahr 2006. „Man wird sich relativ schnell bewusst, was man braucht und was man nicht braucht“, meint Ittner. Toaster, Kaffeemaschine und Fernseher seien schon Luxus. Allen, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, empfiehlt er, diese Art des Lebens gut zu testen. „Verbringe so lange wie möglich im engen Camper und vermeide Campingplätze.“ Was im Haus automatisch funktioniert, wird hier nämlich zur Aufgabe: Frischwasser muss besorgt und Abwasser entsorgt werden.
Was das bedeutet, zeigt bereits das alltägliche Duschen. Er hat hierfür einen flexiblen Behälter. Der Vorhang wird an der Decke mit Druckknöpfen befestigt. Zunächst muss das Wasser mit der Standheizung erwärmt werden, bevor es über eine USB-Pumpe zum Duschkopf transportiert wird.
Automatismus wird zur Aufgabe
Ittners Toilette hat über die Jahre eine große Entwicklung erlebt: von einer „Männerlösung“ mit Trichter ist er inzwischen auf eine TTT umgestiegen, also eine Trocken-Trenn-Toilette. Zu Kohle verarbeitete Pflanzenreste nehmen Flüssigkeit und Geruch auf. Frei von Chemie erweist sich diese Lösung als umweltfreundlich.
Der 46-Jährige hat einen ereignisreichen Werdegang mit einigen gesundheitlichen Schicksalsschlägen hinter sich. Im Van fühlt er sich zu Hause angekommen. „Seitdem ich das mache, bin ich echt ausgeglichen.“ Ittner ist jederzeit abfahrbereit und tatsächlich wechselt er seinen Standort mehrmals die Woche. Grund hierfür sind unter anderem seine Kunden, die er deutschlandweit aufsucht. Er bietet Unterstützung beim Selbstausbau eines Vans an, vor allem im Bereich Elektrik, Dachfenster, Dämmung und Solaranlage. Ihm ist wichtig, dass seine Kunden eigenständig unter seiner Anweisung arbeiten, weil hier ein guter Lerneffekt erzielt wird. Den kompletten Ausbau eines Vans betreut er nicht, da dies zu zeitintensiv sei. „Die Wohnmobil-Branche ist explodiert in den letzten Jahren“, sagt er. Viele Kunden finden über Mundpropaganda zu ihm. Die Freiheit und der Minimalismus des Vanlebens erscheine vielen Menschen attraktiv. Das bringt allerdings auch Probleme mit sich. Viele Einheimische und Wanderer ärgern sich über belegte Parkplätze oder hinterlassene Müllreste. In Portugal wurde das Parken mit Camper außerhalb von Campingplätzen daher verboten. Ittner wünscht sich für Deutschland eine andere Lösung, wie beispielsweise eine gebührenpflichtige Plakette, die das Erfüllen bestimmter Auflagen voraussetzt. „Auf diese Weise hätte jeder etwas davon“, sagt der Van-Liebhaber.
Jetzt oder nie
Viele Menschen teilen seine Leidenschaft und meinen: „Wenn ich mal in Rente bin, will ich auch so leben.“ Er hat aber erkannt, dass dieser Wunsch leicht vergänglich ist. „Mit der Zeit werden wir alle genügsam und gewöhnen uns an unseren Lebensstandard und wenn wir zu lange warten, machen wir es nie.“ Ittners Tipp: Wenn du es also willst, mach es jetzt.
Mehr aus dem Zollernalbkreis
Was versteckt sich hinter Assa Abloy in Ebingen? Ganz einfach: Ein Weltmarktführer in der Sicherheitstechnik. Doch auch der schwedische Konzern hatte unter den Krisen zu leiden. Hier lesen Sie merh dazu:
Tipps vom Profi für den eigenen Van-Ausbau
Selbstüberschätzung ist der größte Anfängerfehler. Wenn du etwas nicht kannst, solltest du dir Hilfe suchen, sonst wird es schnell gefährlich.
Eine gute Batterie ist das Herzstück deines Campers. Selbst die fetteste Solaranlage bringt nichts, wenn du die Energie nicht speichern kannst.
Richtige Dämmung, die sowohl vor extremer Hitze als auch extremer Kälte schützt, ist in Deutschland wichtig, da das Klima häufig wechselt. Bedenke, dass nachträgliche Änderungen schwierig sind, wenn bereits alles verbaut ist.
Was deine Bedürfnisse angeht, solltest du nicht zu bescheiden sein. Rechne mit mehr Stromverbrauch als erwartet.
Vorsicht beim Möbelbau: Es ist cool, viel Stauraum zu haben, wenn du aber zu viele Schränke hast, fühlst du dich eingeengt.
YouTube ist eins der gefährlichsten Medien, denn es werden immer nur Teilprojekte gezeigt.






