Assa Abloy in Albstadt: Ein Blick durchs Schlüsselloch des Weltmarktführers
Was haben die Elbphilharmonie in Hamburg, die Tagesklinik in Ulm, das Business Center Gloria in Berlin, das Hofbräuhaus in München und die Kindertagesstätte „Veilchenweg“ in Albstadt gemein? In all diesen Gebäuden sind Produkte aus Ebingen verbaut, sagt Matthias Letsch. Er ist „HR Director DACH“ bei Assa Abloy in Ebingen. Assa Abloy stellt Türschlösser her. Ein Produkt, das bei jedem Gebäude unabdingbar ist, und das jeder mehrfach täglich nutzt. Und dennoch ist vielen nicht bekannt, dass in Ebingen ein Weltmarktführer einen seiner zahlreichen Firmensitze hat.
Bei einem Schloss denken viele Menschen zunächst an das meist metallene Produkt, in das ein Schlüssel gesteckt wird. Im Fachjargon aber ist das lediglich der Schließzylinder, zum Schloss selbst gehört noch sehr viel mehr dazu. Der schwedische Konzern hat sich auf Sicherheitsprodukte und -komponenten rund um die Tür spezialisiert. Das umfasst unter anderem elektromechanische Türöffner, elektronische wie mechanische Schließanlagen, Rettungswegtechnik sowie Zutrittskontrollen, um nur einige Beispiele zu nennen.
Weltmarktführer in Ebingen
Was aber bedeutet Weltmarktführer in Zahlen? Im Februar veröffentlichte das Unternehmen eine Bilanz. Demnach vermeldet der Gesamtkonzern ein „starkes organisches Umsatzwachstum von zwölf Prozent im Jahr 2022“. Der Umsatz betrug vergangenes Jahr knapp 120,8 Milliarden Schwedische Kronen. Das sind umgerechnet etwa 10,8 Milliarden Euro. Wachstum trotz Pandemie und Krieg – das kann nicht jedes Unternehmen vorzeigen. Doch auch Assa Abloy ist von den Krisen nicht verschont geblieben: „Im Coronajahr gab es einen deutlichen Einbruch“, sagt Siegfried Weber. Auch die Lieferprobleme in Sachen Elektronikversorgung merkte das Unternehmen. „Wir haben es zusammen mit unseren Partnern und mit sehr viel Engagement von den Mitarbeitern in Albstadt hinbekommen, dass der Kunde die Lieferprobleme und Kostensteigerungen nicht allzu deutlich gespürt hat“, erklärt der Werksleiter. Deswegen rechnet das Unternehmen auch im laufenden Jahr mit einem deutlichen Wachstum.
Dennoch, die gestiegenen Kosten bleiben. Vor allem im Energiebereich zeigen sich diese auch in Albstadt. „Wir haben einen Maschinenpark, der State of the Art [Anm. Red.: „Neuester Stand der Technik“] ist.“ Das bedeutet allerdings auch einen enormen Stromverbrauch. Während die Bundesregierung seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine versucht, sich bei der Energieversorgung unabhängig zu machen, bemühen sich auch Privatpersonen und Unternehmen. Am Albstädter Firmensitz sei eine große Photovoltaikanlage geplant. „Das ist im Energiebereich ein wichtiges Zeichen.“ Weber ist zuversichtlich, dass dieses Projekt inklusive kleinerer Dachsanierung bald angegangen werden kann. Allerdings entscheidet bei einem internationalen Unternehmen über einen Betrag in Millionenhöhe nicht allein der Albstädter Werksleiter. „Ich hoffe, dass wir in den nächsten Monaten grünes Licht bekommen.“ Damit könnten letztlich 23 Prozent der benötigten Energie selbst hergestellt werden.
Anspruchsvoller Markt
Beim Thema Nachhaltigkeit liegt Deutschland weit vorne, sagt Weber. Allerdings spricht er dabei von der Sicherheitstechnik. „Deutschland ist sicherlich einer der anspruchsvollsten Märkte.“ Den gerade bei Türen und Fenstern müssen Dichtungssystem passen, Kältebrücken sollen vermieden werden, damit keine Energie verschwendet wird. Das Produkt selbst soll ebenfalls keine Unmengen an Strom fressen, nennt der Werksleiter einige Beispiele.
Derartige Anforderungen lassen sich nicht nur mit der nötigen Technik erfüllen, sondern auch mit dem zugehörigen Fachpersonal. Hier ist das Albstädter Unternehmen von einem überregionalen Problem genauso betroffen, wie viele andere Firmen: Es fehlen Fachkräfte. Derzeit sind etwa 450 Mitarbeiter am Ebinger Standort tätig, Personalmangel also Fehlanzeige. Wenn aber mal eine der zahlreichen Anlagen ausfällt, kann nicht jeder Mitarbeiter das Problem lösen. „Die Betreuung unserer Anlagen, nicht nur im Störungsfall, sondern auch im Tagesbetrieb erfordern ganz andere Ausbildungsschwerpunkte wie früher“, sagt der Werksleiter.
Um derartigen Anforderungen gerecht zu werden, setzt Assa Abloy auf die Ausbildung. „Wir wirken dem Fachkräftemangel entgegen, indem wir selber über den Bedarf hin in verschiedenste Richtungen ausbilden“, sagt Matthias Letsch. Dazu gehören unter anderem Mechatroniker, Industriemechaniker, Kaufleute, duale Studenten mit den Fachrichtungen Maschinenbau, Elektronik und Betriebswirtschaftslehre. „Wir haben mit dem Wirtschaftsingenieur und Prozesstechnologe zwei ganz neue Ausbildungen.“ Erst kürzlich kam die Zulassung, damit Assa Abloy im Bereich der Prozesstechnologie ausbilden darf. „Wir sind eine der ersten Firmen in der Region, die diese Ausbildung anbieten“, ergänzt Siegfried Weber.
Das seien Herausforderungen, mit denen der Albstädter Firmensitz von Assa Abloy zu kämpfen habe. „Trotz alledem sind wir gut aufgestellt“, fasst Matthias Letsch zusammen.
Hat der Standardschlüssel ausgedient?
Stellt man sich einen Schlüssel vor, haben Generationen von Menschen ein Stück Metall im Kopf, mit einem sogenannten Bart, dem Teil des Schlüssels, der das Schloss öffnet. Dieser Bart hat sich über Jahre hinweg deutlich verändert: Waren es früher nur ein paar Zacken, sind es heute verschiedenste Einkerbungen über eine größere Fläche.
Für Unternehmen sind solche Schlüssel allerdings der Graus. Verliert ein Mitarbeiter seinen Schlüssel, müssen überall die Schlösser ausgetauscht werden. Schon lange gibt es deswegen Lösungen mit Chips. Bei Verlust oder Diebstahl kann der Schlüssel gesperrt werden, erklärt Matthias Letsch von Assa Abloy. Doch werden zukünftig überhaupt noch solche Schlüssel notwendig sein?
Schon vor Jahren haben sich einige wenige Menschen Mikrochips unter die Haut implantieren lassen. Diese lassen sich beliebig programmieren: Das Handy mit der Hand entsperren oder die Haustüre öffnen – das sind nur einige Beispiele. Ein Massenprodukt, wurden die implantierten Chips allerdings nicht.
Trotzdem bleiben solche Innovationen nicht aus. „Unser Schwesterwerk in Berlin hat beispielsweise eine neue Schlüsselgeneration entwickelt“, sagt Siegfried Weber. Diese ist rein digital und mit einer eigenen Energieversorgung. Vergleicht man es mit einem Autoschlüssel wird die Funktionsweise deutlich: Diese Art von Schlüssel sind mit einer Batterie versehen, die allerdings nach einer gewissen Zeit leer ist. Beim neu entwickelten Schlüssel wird durch das Einstecken in den Schließzylinder genügend Energie produziert, um ihn zu betreiben, erklärt es Weber vereinfacht.
Das Albstädter Unternehmen ist überzeugt, dass es auch weiterhin haptische Schlüssel geben wird. Letztlich muss eine intelligente Schließanlage auch finanzierbar sein und wie bei vielen Innovationen sind derartige Lösungen am Anfang noch hochpreisiger als das mechanische Modell.
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