Pflege im Zollernalb-Klinikum: Wie in Balingen und Albstadt Krankenhausalltag aussieht
„Da kann man nur froh sein, dass es die gibt.“ Susanne Link-Artzt und Andrea Deutschle könnten das wechselseitig über die jeweils andere sagen. Aber sie meinen die neu eingerichtete Palliativstation im Zollernalb-Klinikum in Balingen, wo die beiden Kolleginnen als Pflegerinnen jenen Menschen helfen, die als unheilbar gelten und am Ende ihres Lebens stehen. Es ist eine anspruchsvolle Arbeit, sagen sie. Sie hat viel mit Würde zu tun. Mit Kraft und Ruhe, aber auch mit fachlicher Kompetenz, mit Erfahrung: „Uns geht es darum, die Symptome zu lindern, unsere Patienten zu ummanteln, ihnen Lebensqualität zurückzugeben“, sagt Susanne Link-Artzt.
Beruf und Berufung
Sie weiß, welche Bürde auf ihnen lastet, erst recht auf den Patientinnen und Patienten, denn gesund wird hier niemand mehr. Nicht ohne ein Wunder, und die sind selten. Und dennoch gibt es Erfolge, über die sich das Team immer wieder freut. Wenn jemand nach Hause entlassen werden kann, weil der Zustand stabil und die Schmerzen so weit gelindert sind. „Bei uns darf auch mal gelacht werden“, sagt Andrea Deutschle, die es als Berufung ansieht, für Menschen da zu sein, die sich in ihrer letzten Lebensphase befinden. Diese Patienten sollen nicht verzweifeln, „deswegen wollen wir sie gut begleiten“, wie Susanne Link-Artzt betont.
Oft genug ist Dankbarkeit ihr Lohn. Ein gutes Gefühl, wie beide zugeben. So sieht das auch Thomas Kiesinger. Seit 29 Jahren ist er in diesem Beruf, zuvor war er Industriemechaniker. Er hat als Pfleger die Geriatrie-Abteilung mit aufgebaut.
Mensch und Alltag
Den Menschen hinter der Krankheit wahrnehmen, sagt er, das ist es, worauf es ankommt. Aus Sicht der Patienten denken: „Was würde ich wollen, wenn ich an ihrer Stelle wäre?“ Auf seiner Station hat er es mit alten, gebrechlichen Menschen zu tun. Die in ihr Leben eingeschlichene Ruhe und Langsamkeit hadert bisweilen mit einem Klinikalltag, der sich an Routinen orientiert, dessen Arbeitsdichte ebenso hoch ist wie auf anderen Stationen.
Manchmal kommt Kiesinger an Grenzen der Belastbarkeit: „Da hilft eine professionelle Sicht auf die Dinge“, weiß er. In fachlich-medizinischer Hinsicht, aber immer verbunden damit, Menschlichkeit zu vermitteln. Hellen Wehle (29) arbeitet mit ihm auf der Geriatrie. „Man bekommt so viel von dem Leben unserer Patienten mit“, sagt sie.
An Demenz Erkrankte etwa sprechen von ihrem früheren Dasein, auch wenn sie die Erinnerungen kaum noch einordnen können. Was mögen diese Leute erlebt haben? Das fragt sich Hellen Wehle oft. Sie arbeitet gern als Pflegerin, in einem Büro würde sie es nicht aushalten. Doch auf ihrer Station nimmt die Einsamkeit zu. Viele Patienten haben keine Angehörigen mehr. Immer wieder mal wieder redet sie deswegen mit ihnen. Neben der Pflegearbeit, „da reichen auch mal fünf Minuten.“
Lena Geiger ist 24, seit zwei Jahren arbeitet sie in der zentralen Notaufnahme in Balingen. Da wird es schon mal hektisch, auch laut. Es ist ein Raum für die schweren Fälle. Unfallpatienten mit allen erdenklichen Verletzungen. Anstrengend, herausfordernd sei die Arbeit. Aber im Team mit guten Ärzten und Ärztinnen überwiegt das erhabene Gefühl, Menschen zu helfen: „Das kann man mit nichts vergleichen.“ Schwierig ist allein die Ungeduld vor allem jener Patienten, die mit vergleichsweise unkritischen Blessuren ohne ärztliche Einweisung in die Notaufnahme kommen. Die schlagen oft einen rauen Ton an. Das kann ihre Kollegin Vanessa Singer (29) bestätigen. Sie arbeitet als Pflegerin in der Notaufnahme in Albstadt.
Nah an den Patienten
Wegducken und nicht so genau hinhören hilft, auch wenn es ärgerlich ist. Auch ihr geht es um echte Notfälle. „Es ist schön, wenn wir es schaffen, dass sie irgendwann wieder nach Hause können.“ Und es gäbe viele, „die echt lieb sind.“ Deswegen würde sie diesen Beruf immer wieder ergreifen. Eigentlich wollte sie Medizin studieren, doch die Pflege ist näher am Patienten, sagt sie.
Speziell für den Operationssaal hat sich Ann-Kathrin Koch interessiert. Die 23-Jährige arbeitet als Operationstechnische Assistentin. Es wäre falsch, zu sagen, sie höre aus Anweisungen wie „Bitte reichen Sie mir den Tupfer.“
Es ist zwar ihre Aufgabe, aber in der Regel weiß sie, welches Instrument wann benötigt wird. Sie kennt die Abläufe einer OP und hat Skalpell oder Tupfer bereits in der Hand, ehe die Operateure danach verlangen. „Schon das Praktikum im OP hat mich überwältigt“, erinnert sie sich. Das Schöne: Am Ende hat man den Patienten in den meisten Fällen geholfen. Für gelungene Operationen braucht es steriles Besteck. Dafür sorgt Natascha Zvonar (27). Sie ist Teamleiterin der Aufbereitung für Medizinprodukte. Also waschen und sterilisieren im Schichtbetrieb. „Auch wir sind essenziell an Heilung und Genesung beteiligt“, sagt sie.
Um instabile Patienten in einem medizinisch-kritischen Zustand kümmert sich Miriam Bacharidis. Sie ist Teamleiterin der Intensivstation. Auch sie wollte zunächst Medizin studieren, wegen der hohen Zugangsvoraussetzungen aber zuvor einen Pflegeberuf erlernen. „Der Beruf hat mich so begeistert, dass ich bewusst hier geblieben bin“, sagt sie heute. Die Arbeit an sehr kranken Menschen imponiert ihr. „Es ist utopisch, zu denken, dass man alle rettet“, aber es gelingt, allen wenigstens zu helfen und ihnen den Weg zu erleichtern.
Corona hat diese Pflegefachkräfte kurz zu Helden gemacht. Öffentlichkeitswirksam haben ihnen Politiker applaudiert. Jetzt, das ist zumindest ihr Gefühl, das auch Pflegedirektorin Katharina Grjasin beschlichen hat, tauchen sie in den Medien nur noch auf, wenn es um Tarifverhandlungen geht.
Das finden sie schade. Ihr Beruf ist wesentlich schöner, abwechslungsreicher und erfüllender, als in vielen Reportagen dargestellt. Über mehr Wertschätzung für ihren Beruf würden sie sich freuen. Über mehr öffentliche Anerkennung ebenso.
Pflege: Ein Beruf mit vielen Gesichtern
Ohne sie geht in einem Krankenhaus nichts. Pflegerinnen und Pfleger sind das Bindeglied zwischen Ärzten und Patienten. Ihre Arbeit wird oft nicht genügend gewürdigt. Deswegen stellen wir in einer Serie die Menschen in der Pflege und ihre Arbeit vor.












