Lesung in Albstadt: Flor Schmidt über das Leben nach dem Tod ihres Sohnes: „Die Liebe hört mit dem Tod nicht auf“
Mit einem Lächeln im Gesicht sitzt sie auf einem Stuhl. Vor ihr hat sie einige Notizen und zwei ihrer Bücher ausgebreitet, aus denen sie mit ruhiger Stimme vorliest. Dabei thematisiert Flor Schmidt in ihren Werken durchaus emotionale Themen. Häufig geht es um Trauer. Deswegen wurde sie von den Trauerrednern Alexandra Krause und Michael Ziegler aus Albstadt eingeladen, um am bundesweiten Memento-Tag in den Räumen von Lorch Bestattungen in Tailfingen aus ihren Werken zu lesen. Der Memento-Tag soll dazu beitragen, die Themen Vergänglichkeit, Sterben, Tod, Trauer und Vorsorge auf gute Art wieder mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein zu holen und Menschen ermutigen, mit ihnen in Kontakt zu treten.
„Es ist ein schweres Thema“
Das gelang Flor Schmidt unter anderem durch ihre Ausstrahlung. Mit einer inneren Ruhe, Stärke und positiver Einstellung führte sie die Gäste an Tod und Trauer heran. Diese Einstellung hat sich die Autorin allerdings hart erarbeiten müssen, nachdem in der Silvesternacht 2011 ihr damals 17-jähriger Sohn bei einem Verkehrsunfall gestorben war. „Es ist ein schweres Thema“, sagt sie ganz allgemein über den Tod. Er betreffe uns alle und doch befassen wir uns nicht damit. „Das ging mir auch so.“ Bis zu dieser einen Silvesternacht. „Von da an mussten wir uns sehr intensiv mit Trauer befassen“, sagt Schmidt über sich und ihre Familie. „Ich hatte jede Menge Fragen und was ich wusste, reichte nicht aus.“
Durch eine Verletzung wurde Flor Schmidt einige Zeit bettlägrig. Die Germanistin und Phytopraktikerin nutzte diese Zeit, um zu lesen, sich diese Fragen zu beantworten und diese Antworten niederzuschreiben. So entstand „Weiter als das Ende“, eines der Bücher, aus denen sie in Tailfingen vorlas. „Im Schreiben meiner Bücher habe ich mich mit ihm verbunden gefühlt“, sagt sie über ihren Sohn und das autobiografische Werk. Erst später stellte sich heraus, dass nicht nur ihr mit dem Buch geholfen werden kann.
Krematorium in Albstadt: Eine Arbeit, die nicht ausstirbt
Das erleben auch die Zuhörer in Tailfingen. Darunter sind Mitglieder der Hospizgruppe, die ebenfalls von Trauerfällen berichten und Schmidt ganz konkrete Fragen stellen. Welche Heilpflanze hilft durch Trauer? Wie hat ihr jüngster Sohn diese Zeit erlebt? Zwischen Flor Schmidt und den Besuchern findet ein Austausch statt, der sonst meist vermieden wird, bis man selbst unmittelbar vom Tod betroffen ist.
Mitglieder der Albstädter Hospizgruppe unter den Besuchern
Ein Grund dafür ist die Angst. Die Autorin sagt ganz klar: Angst darf sein. Wer bin ich nach einem solchen Todesfall? Hat sie sich beispielsweise gefragt. Außerdem haben Schmidt und ihr Mann noch einen weiteren Sohn. Wie geht man mit der Angst um, auch ihn verlieren zu können? Vertrauen haben, ist ihre Antwort darauf. „Nicht Vertrauen darauf, dass nichts passieren wird, sondern, dass es weitergeht.“ Denn in der Trauerarbeit geht es immer auch darum, hinzufallen, aber eben wieder aufzustehen, sagt die Autorin aus Freiburg. Es sei möglich, irgendwann wieder zu leben. Dafür ist sie der lebende Beweis.
Doch das erfordert viel Kraft und Arbeit. Arbeit, die unter anderem durch Trauerredner und der Albstädter Hospizgruppe unterstützt wird. Flor Schmidt initiierte beispielsweise 2015 „JugendLichter“, mehrere Gesprächsgruppen verwaister Eltern. Als Phytopraktikerin verbindet sie zudem Heilpflanzen mit der Trauerarbeit. Auch hierüber hat sie bereits Werke geschrieben. Der Löwenzahn kann beispielsweise durch Trauer helfen, erklärt sie. Er sei kraftvoll und dank seiner starken Wurzeln widerstandsfähig. Zudem könne er fast überall wachsen. „Er versucht, überall das Beste herauszuholen.“ So lässt sich der Löwenzahn nicht nur für Tee und der gleichen nutzen, sondern auch als Symbol für die Trauerarbeit.
Mit Symbolen arbeitet Flor Schmidt auch in ihrem neuesten Werk „Wüstenregen“. Seit Februar dieses Jahres ist es auf dem Markt. Darin bietet sie Methoden wie energetisches Heilen, Meditation, Journaling, Wechselatmung und EFT-Klopftechnik an. Mit den Zuhörern in Tailfingen macht sie direkt eine Wechselatmungsübung. „Atem ist das Erste, was uns begegnet, wenn wir auf die Welt kommen und das Letzte, was wir tun, wenn wir sterben“, sagt sie, während sie mit ruhiger Stimme die Übung anleitet und die Besucher ein Stückchen entspannter und mit einer gewissen Wärme in den Abend entlässt. Eine Wärme, die Schmidt in all der Trauerarbeit immer erlebt hat. „Denn die Liebe hört mit dem Tod nicht auf.“
Durch die Wüste der Trauer
„Ich war mit meinem Mann in der Wüste und das war sehr ergreifend“, sagt Autorin Flor Schmidt. Anhand dieser Erfahrung ist das Werk „Wüstenregen“ entstanden, das im Februar dieses Jahres erschienen ist. Schmidt nutzt die Wüste als Metapher für Trauer. Sie könne unwirklich und lebensunfreundlich sein, wenn man sie durchschreitet entdeckt man allerdings ihre Schönheit, findet Schmidt. Sie ermutigt und ermöglicht mit tröstenden Erzählungen, Reflexionsfragen und Übungen, durch die Wüste der Trauer belebende Schritte zu neuer Lebendigkeit zu gehen, heißt es im Klapptext. Das Buch erschien im Patmos Verlag, ISBN: 978-3-8436-1445-0.


