Kunstmuseum Albstadt: Vernissage: Das tödliche Begehren in der Kunst
Eine Leinwand in der Mitte des Saals, rechts ein Schlagzeug mit Klapprechner und Lautsprecherboxen, links das Rednerpult. Es war angerichtet für eine Vernissage der besonderen Art. Und die Kunstinteressierten Albstadts sowie Freunde und Förderer des Kunstmuseums ließen sich nicht zweimal bitten. Noch vor Beginn der Veranstaltung war klar: Die Plätze reichen für den Ansturm nicht aus. Es musste nachbestuhlt werden.
Neue Ausstellung über Sex und Gewalt
Nach einem Intro von Joachim Gröschel am Schlagzeug begrüßte Oberbürgermeister Roland Tralmer die Gäste, darunter Vertreter der Lokal- und Bundespolitik. Tralmer lobt das Thema der Ausstellung „Sex und Gewalt – Tödliches Begehren in der Kunst“ als „mutig und hochaktuell.“ Die Verbindung der gesellschaftlichen Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit, sexistische Gewalt und Feminismus trifft auf ihre künstlerische Reflexion in der Ausstellung.
Roland Tralmer sieht sich persönlich angesprochen bei dieser Thematik. Löst es doch bei ihm die Frage aus: Ist das Zufall, dass er heute als Oberbürgermeister zu diesem Thema spricht, das er nur zu gut aus seiner eigenen beruflichen Vergangenheit aus juristischer Sicht als Strafverteidiger kennt?
Bürgermeister verspricht dem Kunstmuseum Albstadt Unterstützung
Sein Dank geht an alle Leihgeber, nicht zuletzt die Firma Groz-Beckert, die die Ausstellung und das Wirken des Kunstmuseums Albstadt erst möglich gemacht haben. Als Fußnote gleichsam zu seinem Redemanuskript betont Tralmer, dass trotz der bekannten angespannten Haushaltslage der Stadt an der Unterstützung des Kunstmuseums nicht gerüttelt werde. Ein Versprechen unter Zeugen. „Das Kunstmuseum Albstadt ist das Flaggschiff der Kunst- und Kulturszene der einwohnerstärksten Stadt im Zollernalbkreis.“
Explizite Grausamkeit: Triggerwarnung nötig?
Kuratorin Melanie Löckel stellt exemplarisch für Thema und Ausstellung einzelne Werke vor. Die Ausstellung gliedert sich in mehrere Schwerpunkte. Von den biblischen Ursprüngen über die Prostitution und „den Lustmord“ geht es bis zur sexualisierten Gewalt des Krieges und in der zeitgenössischen Kunst.
Die Ikonografie der expliziten Grausamkeiten zieht sich durch die Darstellungen von 1500 bis zur Gegenwart. Was macht das mit den Betrachtern in einer Ausstellung, für die es, im Gegensatz zu jedem harmlosen „Tatort“, keine Triggerwarnung gibt? Die kunsterfahrene und -affine Kennerin Ingeborg Pemsel (86) findet das Plakat zu anstößig (Karl Hubbuch, 1930). Ebenfalls hadert sie stark mit Otto Dix‘ „Am Spiegel“, der dem Flyer beigelegt ist. „Mit Otto Dix habe ich schon immer Probleme“, lächelt sie, „ich mag seine Kunst nicht.“ Dennoch halten ihre eigenen Einwände Ingeborg Pemsel nicht ab, die Vernissage zu besuchen. „Das ist eben Kunst“ und das gilt es wohl auszuhalten.
Gerda Much, ebenfalls aus Albstadt, hat ihre Freundin Hannelore Kimzle zur Schau mit eingeladen. Beide Frauen sind begeistert von den Bildern und können die Ausstellung nur jedem empfehlen. In der Beschäftigung mit Kunst wird man doch einiges gewohnt. „Und es sind Bilder“, sieht sie den Unterschied, keine Fotografie. Die Realität der Fotografie, zum Beispiel des Krieges, würde sie stärker treffen als diese künstlerischen Werke. Für Familie Hartmann sind die Bilder ebenfalls Kunst-Werke, entsprungen der Fantasie von (meistens) Männern. Sie hätten mit der Wirklichkeit nichts zu tun, selbst wenn sie vorgeben „die Wirklichkeit Tatort“ realistisch abzubilden. Es bleibt ein Bild. Die Wirklichkeit ist doch was anderes, sagen die Museumsbesucher.


