IHK Zollernalbkreis
: Unternehmer vor Herausforderungen

Damit die drohende Rezession abgeschwächt oder zumindest gut gemeistert werden kann, bedarf es politischer Signale, fordert die IHK Zollernalbkreis.
Von
Vera Bender
Tailfingen
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Matthias Miklautz, Leiter der IHK-Gschäftsstelle Zollernalbkreis, Dr. Thomas Lindner, Vorsitzender des IHK-Gremiums Zollernalbkreis, und Dr. Wolfgang Epp, IHK-Hauptgeschäftsführer (von links).⇥

Vera Bender

Inflation, leere Kassen bei den Kommunen, Fachkräftemangel, zunehmende Bürokratie, explodierende Energiekosten – alles Gründe für Pessimismus. Auch was das unternehmerische Denken und Handeln betrifft. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Zollernalbkreis gibt einen Überblick über die „wirtschaftliche Situation im Zollernalbkreis“.

Übernahme von Weckenmann

Einige Zahlen muten durchaus optimistisch an. So lagen die Gewerbesteuereinnahmen der Städte und Gemeinden im Zollernalbkreis im vergangenen Jahr mit 153 Millionen Euro weit über der bisherigen Bestmarke von 143 Millionen Euro im Jahr 2015. Außerdem konnten im Kreis mit 685 neuen Ausbildungsverträgen 6,9 Prozent mehr Auszubildende angeworben werden als im Vorjahr. „Unseren Firmen kommt in dieser Situation zugute, dass sie in den letzten Jahren gut gewirtschaftet haben und im Kern gesund sind“, bezieht sich Dr. Thomas Lindner, der Vizepräsident der IHK Reutlingen und Vorsitzender des IHK-Gremiums Zollernalbkreis, auf die eingangs genannten Negativentwicklungen wie die Inflation.

Im Grunde handelt es sich um einen ganz normalen Konjunkturzyklus. Auf einen Aufschwung folgt ein Abschwung und umgekehrt. „Wir hatten einen ungewöhnlich langen Aufschwung, der sich nun abschwächt“, verdeutlicht Lindner. Also befinde man sich wirtschaftlich gesehen in einer ganz normalen zyklischen Bewegung. „Die Inflation, welche wir stets erwartet haben, hat uns dennoch mit dem Vorschlaghammer getroffen“, führt der IHK-Vorsitzende weiter aus. Die Energiepreissituation sei zum Teil hausgemacht und nur zum Teil durch äußere Umstände wie den Ukraine-Krieg verursacht. Und der Fachkräftemangel war aufgrund der Demografie ebenfalls vorhersehbar, lautete die Erklärung beim Pressegespräch in den Räumen der IHK in Tailfingen.

Politik muss Signale setzen

„Wir haben ein Allzeithoch bei den Exporten im Zollernalbkreis, das gegenüber dem Vorjahr nur um ein Prozent zurückgegangen ist“, stellt Lindner zufrieden fest und verdeutlicht: „Die Politik muss die richtigen Signale setzen und damit den Glauben daran fördern, dass es aufwärts geht.“ Denn nur wenn die Erwartungen der Unternehmer positiv sind, investieren sie auch. Und das scheint laut Aussage der IHK-Fachleute der entscheidende Punkt zu sein. Matthias Miklautz als Leiter der IHK-Geschäftsstelle Zollernalbkreis und Dr. Wolfgang Epp als IHK-Hauptgeschäftsführer stimmen dem zu.

Es gebe jede Menge Probleme, bei denen man nicht erkennen könne, dass sie in den nächsten zwei bis drei Jahren strukturell gelöst werden können. Die drei Unternehmensvertreter geben Beispiele dafür. Im Sektor Energiepreise werde es noch viele Jahre dauern, bis Stromtrassen und Energiespeicher fertiggestellt sind und außerdem sind die Preise im Ländle viel höher als in den Nachbarländern. Energieintensive Branchen spielen deshalb mit dem Gedanken von Verlagerungen in Niedrigstrompreisländern.

Zu viel Bürokratie

Auch die Anpassungsprozesse im Personalbereich würden voraussichtlich zehn bis 20 Jahre in Anspruch nehmen. Im Industriebereich wird schneller abgebaut, als man im Dienstleistungssektor aufbauen kann. „Das ist nicht mehr austarierbar“, so Dr. Lindner. In der Übergangszeit müsse man mit einer sektoriellen Arbeitslosigkeit rechnen. Die Zuwanderung in Arbeit unterliegt einer viel zu hohen Bürokratie. Die Ausländerbehörden sind überlastet. Deshalb wäre ein Vorschlag der IHK-Leute: Ein Antrag sollte als angenommen gelten, wenn er nicht innerhalb einer bestimmten Zeit abgelehnt wird. Zumindest, wenn es sich um unkritische Anträge handelt.

Schreiende Ungerechtigkeit

Bei der Digitalisierung in der Verwaltung könnte man übrigens von der Industrie lernen, da diese Prozesserfahren ist. Politisch gebe es laut Dr. Thomas Lindner überhaupt „grandiose Fehlsteuerungen“. Was gut gemeint ist, werde schlecht gemacht. Als Beispiel nennt er das Bürgergeld, welches um etwa 60 Euro höher ist als das Mindestlohneinkommen: „Woher soll da die Motivation kommen?“ Manche Systeme sollten laut IHK-Vorsitzende hart hinterfragt werden: „Der Gesetzgeber muss andere Grundlagen schaffen. Die Behörden sind teils überfordert.“

Ein Kuriosum in diesem Zusammenhang erläutert Lindner: nur in Baden-Württemberg gibt es Studiengebühren für ausländische Studierende. Deshalb haben die benachbarten Bundesländer wie Bayern oder Rheinland-Pfalz einen Vorteil bei der Akquirierung von Nachwuchsakademikern. Und ebenfalls nur im Ländle gibt es eine Aufstiegsprämie in Handwerksberufen, nicht aber in der Industrie. Wenn also ein Friseur seinen Meister macht, gibt es 1500 Euro vom Land bei bestandener Meisterprüfung. Legt man in der Gastronomie seinen „Küchenmeister“ ab, der nicht der Handwerkskammer zugerechnet wird und kein Handwerksberuf ist, dann geht dieser Absolvent leer aus. „Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit“, stellt der IHK-Vorsitzende fest.

Fazit: Der Wirtschaft in der Region geht es gut. Um wettbewerbsfähig zu bleiben und die konjunkturelle Rezession, die sich langsam ankündigt und ein vollkommen normaler Prozess ist, gut zu meistern, muss sich in den politischen Entscheidungen schnell und viel ändern.

Energietisch Zollernalb von neun Unternehmen

Die neun Energiemanager im Zollernalbkreis tauschen sich aus, um Einsparpotentiale zu identifizieren. Gemeinsam hat man sich das Ziel gesetzt, 3,5 Gigawattstunden, also den durchschnittlichen Energieverbrauch von 1200 Haushalte, einzusparen.