Dieser Hochsommertag ist in Erinnerung geblieben: Samstag, 9. Juli, 2022. Um 13.47 Uhr erschüttert ein Erdbeben der Stärke 4,1 auf der Richterskala die Zollernalb. Epizentrum ist Hechingen. Fenster klappern, Geschirr klirrt. Das Beben ist in einem Umkreis von 50 Kilometern zu spüren. Zurück bleibt vor allem eines: ein mulmiges Gefühl.
Das Erdbeben im Sommer war das stärkste in der Region seit Jahren – aber bei Weitem nicht das einzige. Mit rund 110 Ereignissen war der Zollernalbkreis 2022 der erdbebenreichste Landkreis Deutschlands, sagt Stefan Stange, Leiter des Landeserdbebendienstes in Freiburg. Neun davon seien spürbar gewesen.
Ab der Stärke 1,8 können Erdbeben von Menschen wahrgenommen werden, so Stange, aber erst ab einem Wert von 2,5 mache es sich sicher bemerkbar. Diese Grenze wurde an Heiligabend mit 2,6 in und um Jungingen gebrochen. 185 Meldungen gingen daraufhin beim Landeserdbebendienst ein, berichtet der Experte.
Erdbeben im Zollernalbkreis sind erstmal nichts ungewöhnliches. Die Region befindet sich bekanntermaßen seit fast 150 Jahren in einer seismischen Krise. Seit mehr als zwei Jahren ist allerdings eine Häufung zu beobachten. Grund zur Sorge, dass sich die Situation nun immer weiter zuspitzt, gebe es aber nicht, betont Stange. Man verbuche über die Jahrzehnte hinweg natürliche Schwankungen: „Mal gibt es mehr, mal weniger – nichts Außergewöhnliches.“

Bewegung unter der Oberfläche

Die Annahme, dass der Zollerngraben für die Erdbeben verantwortlich sei, „ist in der Region verbreitet“, sagt Stange. Dem sei aber nicht so. „Auslöser ist die Albstadt-Scherzone“, betont der Forscher. Es handelt sich um ein geologisches Gebiet, fünf bis zehn Kilometer unter der Erdoberfläche. Hier wollen tektonische Einheiten, die europäische und die afrikanische Erdplatte, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aneinander vorbei. Dabei verhaken und lösen sich immer wieder Gesteine – und es kommt zum Erdbeben.
Die Albstadt-Scherzone lebt, das neue „Jungingen-Cluster“ ist extrem verhaltensauffällig, und Erdbeben werden unter der Zollernalb „zunehmend zur Routine“. Das sind einige der Schlüsse, die der Karlsruher Geowissenschaftler Jens Skapski vom Online-Portal erdbebennews.de aus dem 3,9er-Beben vom 16. Oktober 2022 bei Jungingen zieht.
„Die Zollernalb, die erdbebenreichste Region Deutschlands“, nähere sich kalifornischen Verhältnissen. „Auch die Frage nach dem ,Big One‘ wird häufiger“, schreibt er. Mit „Big One“ ist ein ganz großes Beben gemeint.
Kommt 2023 tatsächlich der große Knall? Skapsi lenkt ein. Es sei nicht möglich, aus der zahlenmäßig belegbaren jüngsten Serie „Schlüsse für die nahe Zukunft zu ziehen“, betont Skapski.

Beben sind nicht vorhersagbar

Trotz dieser klaren Einschränkung, was Prognosen angeht, geht bereits diese Einschätzung dem Hechinger Vermessungsfachmann und Heimatforscher Otto Bogenschütz, der die Erdbebentätigkeit in der Region schon lange beobachtet, zu weit.
„Erdbeben gibt es auf der Zollernalb seit Menschengedenken. Es gab ruhige Perioden ohne Erschütterungen und es gab Zeiten, in denen sich mittlere und schwere Erdbeben häuften. Wann es wieder ein schweres Erdbeben gibt, kann niemand beantworten. Darüber sollte man auch nicht spekulieren.“

Beben für die Geschichtsbücher

16. November 1911, Albstadt-Ebingen, Magnitude 6,1: Das Beben richtete erhebliche Sachschäden in Süddeutschland an. 6250 Gebäude waren betroffen, die Schadenssumme betrug etwa 750 000 (damals noch) Mark. Das Beben von sieben Sekunden Dauer war von Braunschweig bis in die Toskana spürbar. In Konstanz stürzte die Spitze des Münsterturms herab.
3. September 1978, Tailfingen, 5,7: Das Erdbeben an einem Sonntagmorgen um 6.08 Uhr verursachte Schäden vor allem in Albstadt und Umgebung in Höhe von rund 275 Millionen D-Mark. Besonders schwer traf es die Burg Hohenzollern.