Niedrige Ausgaben, niedrige Mittel. Diese Lebensweise traf über Jahrzehnte auf einen großen Teil Studierender zu, die mit wenig Geld über die Runden kommen mussten – und diesen Stil sogar zu schätzen wussten. Doch angesichts hoher Preise für Miete und Lebensmittel ist es kein Spaß, nichts auf der Kante zu haben.
Das hat auch das Bundeskabinett erkannt und eine Bafög-Reform durchgesetzt: Die Bedarfssätze sind zum aktuellen Wintersemester um fünf Prozent gestiegen, für Studierende der Grundbedarf also von 427 auf 449 Euro im Monat. Der Mietzuschlag für alle, die nicht bei den Eltern wohnen, steigt um etwas mehr als zehn Prozent von 325 auf 360 Euro. Statt bisher 752 Euro kann es also bis zu 809 Euro im Monat BAföG geben.

Freibeträge steigen deutlich

Für Bafög ist das Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim zuständig. Dorthin müssen sich auch Studierende der Hochschule Albstadt-Sigmaringen mit ihren Anträgen wenden. „Die aktuelle Bafög-Anhebung ist ein erster Schritt in Richtung einer strukturellen Bafög-Reform“, erklärt Philipp Mang, Pressesprecher des Studierendenwerks. Doch man sieht die Pläne, die ab dem Wintersemester 2022/23 greifen, zwiespältig: „Es lassen sich klare Stärken, aber auch eine deutliche Schwäche erkennen.“
Das Positive: Der Freibetrag, der auf das Elterneinkommen gewährt wird, ist um 20 Prozent gestiegen. Konkret bedeutet das: Wer als Einzelkind verheiratete Eltern hat, bei dem gab es bisher bis 2000 Euro Monats-Netto der Eltern den BAföG-Höchstsatz, nun bis 2400 Euro Monats-Netto.

Das sagt die Sprecherin der Hochschule Albstadt

„Wir begrüßen die Erhöhung natürlich. Sie hilft dabei, dass Studierende ihren Unterhalt eigenständig finanzieren können“, sagt Corinna Korinth, Pressesprecherin der Hochschule Albstadt-Sigmaringen. „Zumal die Energiekrise nicht nur die Studierenden selbst belastet, sondern auch deren Eltern, die ihre Kinder häufig finanziell während des Studiums unterstützen.“
In den vergangenen Jahren war die Anzahl der Bafög-Studierenden auch deshalb stark rückläufig, weil viele schlicht durchs Raster gefallen sind, erklärt Mang. Eine Statistik belegt das deutlich: Laut der Plattform Statista erhielten im Jahr 2012 noch etwa 670 000 Studierende in Deutschland über das Bundesausbildungsförderungsgesetz finanzielle Unterstützung, 2020 waren es etwa 465 500. Die deutlich höheren Freibeträge sollen wieder mehr junge Menschen auf ihrem Studienweg entlasten. Die Studentinnen und Studenten selbst dürfen ebenfalls etwas mehr verdienen, über Minijobs bleiben mit Bafög-Reform 520 Euro anrechnungsfrei.

Eine eklatante Schwachstelle

Eine eklatante Schwachstelle in der Bafög-Erhöhung sieht das Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim in der viel zu geringen Anhebung der Bedarfssätze um nur fünf Prozent. „Die Inflation frisst diese Erhöhung gleich wieder auf. Sie lag bereits im März 2022 bei mehr als sieben Prozent. An diesem Punkt springt die Bundesregierung zu kurz.“ Die Regierung sollte den Studierenden in Albstadt und Co. keinen Kaufkraft-Verlust zumuten. Die Bafög-Bedarfssätze müssten um mindestens zehn Prozent erhöht werden. „Das Bafög muss wirklich zum Leben reichen“, fordert das Studierendenwerk. Bei einer maximalen Anhebung auf 809 Euro statt 752 Euro ist diese Forderung nachvollziehbar – 50 Euro mehr für Miete und Lebensmittel sind aktuell nicht ausreichend.
Für Spätstudierende wurden ebenfalls zwei wichtige Änderungen beschlossen. Bisher dürfen lediglich Frauen und Männer Bafög beziehen, die nicht älter als 30 Jahre sind. Diese Altersgrenze wird auf 45 Jahre angehoben.

Sparen wurde „bestraft“

Eine weitere Änderung betrifft das Ersparte. Studiumseinsteiger, die vor der Reform mehr als 8200 Euro „Vermögen“ angespart hatten, fielen sofort durchs Bafög-Raster. Fürs Sparen wurde man folglich bestraft. Dieser Vermögensfreibetrag wurde auf 45 000 Euro erhöht. Die Plattform „Studis online“ kommentiert diese Aufstockung um fast das Sechsfache wie folgt: „Eine Erhöhung des Vermögensfreibetrages ist sinnvoll, in jedem Fall auch für alle. Eine Erhöhung für alle auf gleich 45 000 Euro scheint fast etwas übertrieben.“

Pandemie wirkt sich in mehreren Aspekten aus

Für viele junge Menschen wird die Bafög-Reform eine Erleichterung sein, denn laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse belastet sie die Finanzierung von Ausbildung und Studium stark – erst recht seit der Corona-Krise. So befürchtet ein Drittel der befragten 16- bis Ende 20-Jährigen in den kommenden Monaten finanzielle Defizite.
Dies ist vor allem der Pandemie geschuldet, denn während der Viruskrise fielen viele Studentenjobs, etwa in der Gastronomie, weg. Darüber hinaus konnten und können einige Eltern ihre Kinder wegen krisenbedingter beruflicher Probleme nicht mehr wie gewohnt unterstützen.
Viele der 16- bis Ende 20-Jährigen belastet darüber hinaus die Unsicherheit bezüglich ihres Lernfortschritts in Ausbildung und Studium. So befürchten 65 Prozent der Befragten, dass sich auch in den kommenden Monaten wichtige Praktika und Auslandssemester schlecht planen lassen. Fast die Hälfte macht sich darüber hinaus Sorgen, Lernstoff nachholen zu müssen, sodass es zu einer Verzögerung von Ausbildung oder Studium kommt.
Den Plänen der Ampel-Koalition zufolge ist diese Reform nur der erste Schritt. Das Bafög soll langfristig elternunabhängiger werden, indem die geplante Kindergrundsicherung direkt an Studierende ausgezahlt wird. swp