Bundesweiter Protesttag: Apotheken im Zollernalbkreis schlagen Alarm

Sie protestieren, damit die Bundesregierung sie hört (v. l.): Karl-Josef Sprenger (Bürgermeister Schömberg), Caspar Spindler (Apotheker), Nina Müller (Apothekerin), Peter Seifert (Café-Betreiber, Frau ist Apothekerin), Ermilio Verrengia (Bürgermeister Balingen) und Johannes Ertelt (Apotheker).
Stephanie ApeltDas Kind hat Scharlach und hohes Fieber. Die Mutter ruft beim Notdienst an und fragt verzweifelt nach dem verordneten Antibiotikum. „In diesem Fall konnten wir Gott sei Dank helfen. Wir waren allerdings die fünfte Notdienst-Apotheke, bei der sie erst Erfolg hatte.“ Es sind extreme Geschichten, die geschildert werden. Doch diese Fälle gehören leider mittlerweile zur Tagesordnung, auch von Nina Müller (Obere Apotheke Haigerloch und Stadt-Apotheke Balingen), Johannes Ertelt (Inhaber Heidelberg-Apotheke Bisingen und Hohenzollern-Apotheke Bisingen) und Caspar Spindler (Inhaber Bären-Apotheke Frommern und Stadt-Apotheke Schömberg).
Apotheker sehen Patientenversorgung in Gefahr
Es sind genau diese Geschichten, die Müller, Ertelt und Spindler dazu gebracht haben, am bundesweiten Protesttag der Apotheken am 14. Juni auch ihre Apotheken geschlossen zu lassen. Und sie sind nicht alleine. Nahezu alle der Apotheken im Zollernalbkreis machen bei der Aktion mit, das heißt: Die Apotheken bleiben einen Tag lang zu.
Die Notversorgung ist an diesem Tag durch Notdienst-Apotheken gewährleistet. Patienten wird empfohlen, ihre Medikamente vorausschauend an anderen Tagen zu besorgen und Fragen an das Apothekerteam möglichst vor oder nach dem Protesttag zu klären.
Die Apothekerinnen und Apotheker im Zollernalbkreis sehen die Patientenversorgung in Gefahr. Müller: Wir lieben, was wir tun. Kein Patient ist bei uns eine Nummer.“ Doch wenn es so weitergehe, seien die Apotheken in ihrer Existenz gefährdet. Sie würden kaputtgespart, ersticken in Bürokratie – daher jetzt der Protest.
Gerade die flächendeckende Struktur der Apotheken vor Ort sei immens wichtig, sagt Ertelt. „Fehlt ein Knotenpunkt, dünnt das ganze Netz aus. Desto weiter werden die Maschen.“ Am Ende falle der Patient durch.
Tag und Nacht, an Feiertagen und Wochenenden erreichbar
Nur ein paar Zahlen am Rande: 88 Prozent der Patienten, die regelmäßig drei oder mehr Medikamente nehmen, haben eine Stammapotheke. 93 Prozent der Bundesbürger sind mit den Apotheken vor Ort entweder zufrieden oder sogar sehr zufrieden.
Apotheken, das darf nicht vergessen werden, sind Tag und Nacht, an Wochenenden und Feiertagen erreichbar. Denn die Gesundheit entstehe nicht durch die schlichte Einnahme von Medikamenten, sondern, wie Müller, Ertelt und Spindler betonen, durch die ganzheitliche Beratung der Patienten durch die Apotheken. „Apotheken haben eine, in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene, Lotsenfunktion.“
Nur zu schaffen mit persönlichem Einsatz
Die Apotheker beklagen Versäumnisse der Gesundheitspolitik in der Vergangenheit, aber genauso in aktuellen Entscheidungen. 51 Apotheken habe es im Zollernalbkreis gegeben, zählt Spindler auf. Heute sind es (gerade noch) 41. Dabei sei die Apothekendichte in Deutschland, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, ohnehin nicht hoch. Und sie sinke weiter, das 15. Jahr in Folge. „Wir fangen seit Jahren unseren staatlichen Auftrag der flächendeckenden Arzneimittelversorgung durch einen extremen, persönlichen Einsatz unseres Teams und zulasten der Wirtschaftlichkeit unserer Betriebe – zugunsten der uns wichtigen Versorgung der Bevölkerung – ab.“
Was also muss sich aus Sicht auch der Apotheker im Zollernalbkreis ändern?
Die Vergütung müsse deutlich steigen und laufend an die Preisentwicklung angepasst werden, damit Apotheken wirtschaftlich arbeiten und die Gehälter ihrer Mitarbeiter bezahlen können.
Die zunehmenden Lieferengpässe erhöhen den Aufwand der Apotheken massiv. Ertelt rechnet es vor: 2022 habe der Zeitaufwand für das Management von Lieferengpässen im Schnitt sechs Stunden pro Woche betragen. Aktuell seien es zwei bis drei Stunden– pro Tag. Das müsse angemessen honoriert werden. (Was passiert, wenn China oder Indien gar nicht mehr liefern wollen oder können, bitte gar nicht darüber nachdenken.)
Bürokratische Aufgaben kosten einfach zu viel Zeit, die für die Versorgung der Menschen fehle.
Dann gibt es da noch das sogenannte Retaxationsverfahren, hier geht es um Erstattungen. Hierbei verweigere die Krankenkasse die Erstattung (eben Retaxation) eines bereits durch die Apotheke an den Patienten abgegebenen Arzneimittels, nur weil vielleicht eine Zahl auf dem Rezept fehlt.
Wieder eine Apotheke weniger: Das Netz wird dünner
Überhaupt: Mehr Wertschätzung von Seiten der Politik wird gefordert. Gerade die jüngsten Jahre hätten doch deutlich vor Augen geführt, wie wertvoll die Arbeit der Apotheken vor Ort ist.
Der Apothekenanteil an den Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mache gerade einmal zwei(!) Prozent aus. Anders formuliert: Wenn man alle Apotheken abschaffen würde, hätte das Versicherungssystem gerade einmal zwei Prozent seiner Ausgaben eingespart.
41 Apotheken gibt es (Stand diese Woche) im Zollernalbkreis. Wenn am 14. Juni zum Protesttag aufgerufen wird, ist eine Apotheke bereits für immer geschlossen. Die Hirschberg-Apotheke in Heselwangen macht zu. Heidrun König hat das Rentenalter erreicht. Einen Nachfolger, eine Nachfolgerin, hat sie nicht gefunden. Das Netz ist wieder dünner geworden.
Notdienst am 14. Juni im Zollernalbkreis
Eine Versorgung im Zollernalbkreis in dringenden Fällen wird am Protesttag, 14. Juni, sichergestellt durch folgende Apotheken:
Apotheke Rangendingen, Haigerlocher Straße 14 in Rangendingen
Apotheke Spranger, Heiligkreuzstraße 1 in Hechingen
Obere Apotheke Albstadt, Marktstraße 44 in Albstadt (Ebingen).
www.aponet.de (Notdienstsuche)

