Neu ist die Situation für Maik Lehn, Bürgermeister in Stetten am kalten Markt nicht. Bewerbung, Wahlkampf und die Wahl – das hat der 46-Jährige vor acht Jahren schon einmal erfolgreich erlebt. 2015 setzte er sich gegen vier andere Bewerber durch und wurde neuer Bürgermeister in der Heuberggemeinde. In diesem Jahr sah es lange danach aus, dass Lehn der einzige Kandidat auf der Bewerberliste sein würde. Kurz vor Ende der Frist gab Kontrahent Lukas Graf aber noch seine Unterlagen ab. „Jetzt haben die Bürger eine Auswahl, das macht es nochmal spannend“, sagt Lehn, „das wird sich hoffentlich in der Wahlbeteiligung widerspiegeln.“
Lehn hofft, nach 56 Prozent vor acht Jahren, noch mehr Wählerinnen und Wähler von sich überzeugen zu können, denn verlassen möchte er das Rathaus in Stetten nicht: „Es ist ein gutes Miteinander hier im Rathaus auch mit dem Gemeinderat und mit den Vereinen. Der Tagesablauf gefällt mir, das gute Miteinander ermutigt mich. Warum soll ich also gehen, wenn es mir gefällt?“ Auch seine Familie fühle sich sehr wohl und unterstütze ihn in seinem Amt – und das, obwohl der Bürgermeisterberuf „kein Beruf mit einer 40-Stunden-Woche ist, weil es viele Abend- und Wochenendtermine gibt.“

Von einer Krise in die nächste

Dabei hat Lehn die Aufgabe, die Gemeinde verantwortungsvoll und sicher durch Krisen zu führen. Ein Unterfangen, das in den vergangenen Jahren nicht einfach war: „Ich hätte mir gewünscht, das ein oder andere Projekt früher beginnen zu können. Corona und die Unsicherheiten der finanziellen Situation haben bei uns dafür gesorgt, dass wir zurückhaltend waren“, sagt Lehn rückblickend. Zwar sei die Pandemie inzwischen überwunden, einfacher werde die Arbeit dadurch aber nicht. „Wir rutschen von einer Krise in die nächste“, sagt Lehn, „da ist Deutschland ein Stück weit verwundbar.“ So machen sich die hohen Energie- und Rohstoffkosten inzwischen auch in Stetten bemerkbar und die geplanten Projekte schwieriger planbar. „Wir haben aktuell keine schlecht gefüllte Gemeindekasse, aber wir müssen bedenken, dass das Geld nur einmal ausgegeben werden kann.“
Entsprechend behutsam gehen der Bürgermeister und der Gemeinderat mit dem verfügbaren Geld um, strecken Großprojekte zeitlich, kümmern sich um Fördermittel von Bund und Land und priorisieren bei den Aufträgen. „Wer mich kennt, weiß, dass ich für solide und durchdachte Finanzpolitik stehe. Man sollte nicht mehr ausgeben als man tatsächlich hat“, sagt Lehn. So werde im Haushaltsplan für das Jahr 2023 ebenso sparsam mit dem Geld umgegangen.
Dennoch möchte Lehn im Falle einer Wahl einige wichtige Projekte angehen. „Der Bereich Kinder und Jugend ist unsere Zukunft. Da sollten wir entsprechend investieren.“ Konkret möchte Lehn einen Neu- und Anbau in der Gemeinschaftsschule angehen, um der Raumnot entgegenzuwirken. Jüngst wurde dort bereits der Brandschutz abgeschlossen. Auch ein Freizeitangebot für Jugendliche soll in Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit ausgebaut werden.

Hoffen auf Fördergelder

Realisieren möchte Lehn außerdem sowohl das Neubaugebiet im Ortsteil Glashütte mit 16 Bauplätzen, als auch die Nachverdichtung bereits bestehender Gebiete. Darüber hinaus stehe in der gesamten Gemeinde der Breitbandausbau an. Die Kosten für den Vollausbau liegen im zweistelligen Millionenbereich – zu viel für die Gemeinde, sodass die Hoffnungen auf Fördergelder liegen. Die dadurch gewonnenen Spielräume, könnten laut Lehn dann im eigenen Haushalt genutzt werden, zum Beispiel für Kanal- und Abwasserarbeiten. „Das sind Projekte, die sehr kostspielig sind, die man oftmals aber gar nicht sieht.“ Entsprechend wenig Geld bleibe nach Pflichtaufgaben wie diesen für freiwillige Ausgaben.
So möchte Lehn eigentlich das Bahnhofsgebäude in Storzingen renovieren. „Das ist aber eine typische Freiwilligkeitsleistung“, sagt er. Auch die Innenräume des Goreth-Hauses in Stetten a.k.M. sind, bis auf den unteren Stock, noch sanierungsbedürftig. Durch die Kostensteigerungen geht Lehn von Ausgaben von einer Million Euro aus. „Das ist der Spagat zwischen dem Wünschenswerten und dem Geld, das wir zur Verfügung haben. Denn das fehlt dann natürlich in anderen Bereichen.“
Erschwerend kommt für Lehn die Arbeit mit übergeordneten Behörden hinzu. Viele Projekte dauern länger, weil auf Anträge und Unterschriften gewartet wird: „Ich finde es ganz schlimm, dass wir fast vier Jahre in Verhandlungen mit übergeordneten Behörden waren, um sie von dem Wunsch und der Notwendigkeit eines Vollsortiments zu überzeugen“, kritisiert Lehn. „Da müssen wir uns in unserem Land fragen, warum das nicht schneller geht.“
Gerade, weil sich Beschlüsse von oberster Ebene ganz unten bei den Gemeinden unmittelbar bemerkbar machen, ist sich Lehn seiner Verantwortung in Stetten am kalten Markt bewusst. Niemand wisse, was in Zukunft passiert und welche Herausforderung als Nächstes kommt, „aber wir sind bisher durch jede Krise durchgekommen, weil wir zusammenhalten und in jeder Krise auch eine Chance sehen.“

Für die Bürger einsetzen

Die Karten um das Bürgermeisteramt in Stetten werden am 29. Januar neu gemischt, einen Vorteil hat Lehn gegenüber seinem Kontrahenten dennoch: Die Stettener kennen seine Arbeit und Prinzipien. Und an denen soll sich auch im Falle einer Wiederwahl nichts ändern: „Ich will weiter ein engagierter Bürgermeister sein, der sich für die Bürger einsetzt“, betont Lehn. „Der Beruf ist für mich ein Traumberuf, weil man mit den Menschen was bewegen und die Zukunft gestalten kann.“ Nicht immer seien seine Beschlüsse bei allen Bürgerinnen und Bürgern gut angekommen, „aber mir war es immer wichtig zu zeigen, warum ich eine Entscheidung so getroffen habe, wie ich sie getroffen habe.“ Einen intensiven Austausch soll es deshalb auch weiterhin geben – für ein gutes Miteinander.

Der Bürgermeister im Kurzporträt

Geboren wurde Maik Lehn am 20. März 1976 in Singen am Hohentwiel in der Nähe vom Bodensee. Nur wenige Kilometer von dort entfernt, in Orsingen-Nenzingen (Landkreis Konstanz) wuchs er auf. Inzwischen wohnt der 46-Jährige gemeinsam mit seiner Frau Katrin und den beiden Kindern Marie (4 Jahre) und Romy (2) in Stetten.
Nach der Schule studierte Lehn an der Fachhochschule Lehl und machte einen Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt. Vor seinem Bürgermeisteramt war er unter anderem im Bürgerservice im Landratsamt Waldshut und der Gemeinde Gailingen am Hochrhein tätig. Seit 2019 ist er außerdem Mitglied im Kreistag des Landkreises Sigmaringen und dort Mitglied der CDU-Fraktion.