Zu erwarten war es wahrlich nicht mehr. Eigentlich hatte der Gemeinderat der Heuberggemeinde Stetten am kalten Markt bei der anstehenden Bürgermeisterwahl mit nur einem Kandidaten, nämlich Amtsinhaber Maik Lehn, gerechnet. Es mangelte schlichtweg an weiteren Bewerbern. Wenige Minuten vor Ende der Bewerbungsfrist gab Lukas Graf seine Unterlagen aber noch ab. Und warf damit sprichwörtlich seinen Hut in den Ring.
Zu diesem Schritt bewogen habe ihn die Tatsache, dass sich niemand sonst auf den Kandidatenzettel hat schreiben lassen. „Ich als eingefleischter Demokrat bin der festen Überzeugung, dass es bei einer so wichtigen Wahl wie der des Bürgermeisters nicht nur einen Kandidaten geben darf“, schreibt er auf seiner eigens für die Wahl erstellten Homepage. Mit einem zwar mulmigen, aber dennoch entschlossenen Gefühl sei er am 29. Dezember ins Rathaus gegangen. Positive Rückmeldungen ließen nicht lange auf sich warten. „Abends habe ich die erste WhatsApp-Nachricht bekommen von einem, der geschrieben hat: ‚Hut ab, finde ich gut.‘“

Wahlkampf im Eilverfahren

Und dabei sollte es nicht bleiben. Viel Zuspruch bekam Graf in den folgenden Tagen. Damit gerechnet habe der 29-Jährige nicht: „Viele im Ort haben gesagt: Echt schade, dass sich niemand aufstellen lässt. Einige haben auch gesagt, was ihnen nicht so gefällt oder was man besser machen könnte. Aber niemand hat sich dazu bereiterklärt, es zu machen.“
Seinen Fasnetsurlaub hat er kurzerhand vorgezogen, um sich auf die Wahl vorzubereiten. Viel Zeit blieb ihm dafür nicht. „Ich habe noch gar nicht die Zeit für Bürgergespräche gefunden, was mir selber echt weh tut. Aber das ging in der kurzen Zeit gar nicht mehr.“ Im Eilverfahren hat er Flyer gedruckt und eine Webseite erstellt. Auf den sozialen Medien ist er außerdem in Kontakt mit den Bewohnern. Am vergangenen Mittwoch stellte er sich zudem bei der offiziellen Kandidatenpräsentation vor.
Graf baut in seinem Wahlkampf vor allem darauf, dass er in der Gemeinde bekannt ist. Dort ist er aufgewachsen und hat viele Jahre im Gasthaus Linde ausgeholfen. Inzwischen arbeitet der gelernte Versicherungs- und Finanzfachmann an der Pforte des Bundeswehrstandortes in Stetten. Nebenbei ist er im Narrenrat der Bockzunft, als Sportschütze im Schützenverein Glashütte, beim Stettener Sommertheater sowie im Festausschuss des Stettener Spectaculums aktiv.

Jugendförderung und betreutes Wohnen als erste Projekte

Durch die Nähe zur Gemeinde weiß er zudem, was die Menschen umtreibt. So möchte er im renovierungsbedürftigen Goreth-Haus gerne ein Jugendheim einrichten – mit der Unterstützung der Jugendlichen. „So bekommen sie ein ganz anderes Empfinden für das Gebäude und gehen sorgsamer damit um“, sagt er. Bisher hielten sich die jungen Erwachsenen vor allem auf dem Spielplatz der Gemeinde auf. „Entsprechend sieht es dort dann auch aus. Viele Leute beschweren sich, aber niemand schlägt eine Alternative vor.“
Auch die Themen Pflege und betreutes Wohnen treiben den Stettener um, denn die ärztliche Versorgung ist nicht ausreichend gewährleistet. „Ich finde es richtig und wichtig, dass das betreute Wohnen kommt, aber ich habe große Sorge, dass sich viele Stettener das Angebot nicht leisten können, und es daher für viele an der dringend notwendigen Pflege und Betreuung fehlen wird.“ Deshalb möchte Graf mit der ortsansässigen Ärztin sowie allen weiteren am Projekt des betreuten Wohnens Beteiligten sprechen, um geeignete Konzepte zu entwerfen.
Gleiches gilt auch für die Kinderbetreuung. Diese müsse sowohl in der Gemeinde als auch am Bundeswehrstützpunkt ausgebaut werden, um Stetten für junge Leute attraktiv zu machen. Der Glasfaserausbau für eine schnellere Internetverbindung soll außerdem das Arbeiten von zu Hause erleichtern.

Kommunalpolitische Erfahrung

Dass sich all die Projekte nicht von alleine finanzieren, ist dem gelernten Versicherungsfachmann bewusst. Dabei gibt er auch zu, dass er keine große Verwaltungserfahrung aufweist. „Aber das Rathausteam und unsere Kämmerin kennen sich da bestens aus, sodass sie mir sicher gut zuarbeiten werden. Außerdem ist mir das Thema Finanzen als gelernter Kaufmann für Versicherungen und Finanzen nicht gerade fremd.“ Als Vorsitzender der Jungsozialisten im Kreis Sigmaringen kann er zudem auch kommunalpolitische Erfahrung sein Eigen nennen. Allerdings betont er, dass er in Stetten das Amt unabhängig antreten würde.
Auftrumpfen kann Graf nach eigenen Aussagen dafür mit seiner offenen und hilfsbereiten Art. „Ich habe auch keine Angst, auf fremde Leute zuzugehen.“ So möchte er sich auch im Falle seiner Wahl den Stettener Bewohnern präsentieren: „Ich will allen mit einem offenen Ohr begegnen. Meine Freunde wissen, dass sie mich nachts, egal wann, anrufen können und dann helfe ich, wo ich nur kann.“
Graf weiß, dass er nichts zu verlieren hat. Dennoch ist er vor der Bürgermeisterwahl angespannt. „Ich würde gerne eine Glaskugel haben und in die Zukunft schauen.“

Fünf Ortschaften haben die Wahl

In der Wahl am 29. Januar entscheiden die Einwohner in Stetten am kalten Markt, ob Amtsinhaber Maik Lehn, weiter ihr Bürgermeister bleibt. Rund 5000 Einwohner leben in den fünf Ortschaften Stetten-Ost, Stetten-West, Frohnstetten, Storzingen, Glashütte. Geöffnet haben die Wahllokale von 8 bis 18 Uhr. Danach werden die Stimmen ausgezählt und das Ergebnis bekannt gegeben.