Bücherschrank in Albstadt
: Hier muss ich nichts kaufen, hier bin ich Leser

An der Kapellkirche stehen seit Kurzem ein Bücherschrank und Liegestühle. Es soll ein konsumfreier Verweilort sein. Welche Bücher man dorthin nicht mitnehmen sollte.
Von
Rena Weiss
Albstadt
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In Ebingen haben (hinten von links) OB Roland Tralmer, Stadträtin Marianne Roth, Jürgen Roth, Dr. Gerd Lichtenberg, Ronja Schuhmacher vom Stadtplanungsamt, Kulturamtsleiter Martin Roscher sowie (vorne von links) Stadtbüchereileiterin Tanja Wachter, Kathrin Assenheimer vom Stadtplanungsamt und Leiter des Stadtplanungsamts Axel Mayer einen neuen Bücherschrank eingeweiht.⇥

Rena Weiss

Der Kragen des Mantels ist nah ans Gesicht gezogen, damit die Kälte des Windes die Haut nicht gefrieren lässt. Der Hut verdeckt die blutunterlaufenen Augen, die Zeugen sind von schlaflosen Nächten. Für den Detektiv hingegen ist es ein Tag wie jeder andere. Doch lieber eine andere Geschichte?

Hastig eilt sie durch die Büroflure und blickt dabei die Akten in ihrer Hand an. Wäre ihr Blick doch nur nach vorne gerichtet, dann hätte sie den Mann vor ihr gesehen, statt in ihn hinein zurennen. Die Akten fliegen im hohen Bogen durch die Luft. Genervt beginnt sie die Blätter einzusammeln. Ihre Hände berühren sich, ein Blick wird ausgetauscht. Ist das etwa?

Durch Literatur in andere Welten

Ob Krimi, Liebesroman, Gedicht, Science Fiction, Horror – Literatur schafft es, uns in andere Welten zu ziehen, unsere Fantasie anzuregen, uns Neues lernen zu lassen und unsere eigene Kommunikation zu verbessern. Viele legen dabei immer noch Wert auf das gedruckte Wort. Seite um Seite erfährt man, wie es mit den Protagonisten weitergeht. Nicht selten erwischt man in Buchhandlungen wie auch in Büchereien Menschen, die das gewählte Stück noch an Ort und Stelle verschlingen könnten.

Einen solchen Ort hat die Stadt Albstadt jetzt geschaffen. Am Montag wurde der neue Leseschrank mit Sitzecke an der Kapellkirche in Ebingen eingeweiht. Während das Wetter aktuell nicht zu einer Leserunde im Freien einlädt, haben die Verantwortlichen weiter gedacht und Liegestühle gestaltet, damit der Ort nicht nur als Bücherleihe dient, sondern auch als Treffpunkt für Bürgerinnen und Bürger.

Bücherflohmarkt nicht mehr möglich

Die Verantwortlichen sind die Stadtbücherei, das Stadtplanungsamt, das Amt für Kultur, Tourismus und bürgerschaftliches Engagement sowie Ehrenamtliche. Einer von ihnen ist Dr. Gerd Lichtenberg, Vorsitzender des Fördervereins Heimatmuseum und langjähriger Organisator des Bücherflohmarkts der evangelischen Kirchengemeinde. Das ist mit ein Grund, warum er sich für den Bücherschrank einsetzt.

Denn mit der Verlegung des Ebinger Wochenmarkts vom Spitalhof in die Marktstraße sei der bisherige Bücherflohmarkt nicht mehr möglich. Es fehle schlichtweg an der Hilfe, die rund 150 Kisten voll mit Büchern, die im Keller des Spitalhofs lagern, zur Marktstraße zu bringen. Jetzt finden sie im Bücherschrank eine neue Heimat.

Keine kaputten, alten Bücher bringen

Dort können Bücher von jedem, der möchte, ausgeliehen oder auch kostenlos mitgenommen werden. Auch die eigenen Bücher dürfen abgegeben werden. „Wir wollen das Angebot attraktiv gestalten“, sagt Stadtbüchereileiterin Tanja Wachter. Die Bücher sollten daher gut erhalten und nicht zu alt sein. „Nachhaltigkeit ist uns wichtig.“ Wer sich unsicher ist oder eine größere Menge an Bücher abgeben möchte, kann sich an Gerd Lichtenberg unter Tel. (07431) 724 26 wenden.

„Auf den ersten Blick ist es ein kleiner Schrank“, sagt Oberbürgermeister Roland Tralmer, „auf den zweiten ist es ein Teil eines großen Projekts“. Denn der Bücherschrank ist eine Idee der „Zukunft Innenstadt Ebingen“-Initiative, in deren Rahmen immer wieder Umfragen durchgeführt worden sind.

Wunsch nach mehr konsumfreien Orten

Immer wieder sei der Wunsch nach mehr Aufenthaltsflächen und konsumfreien Zonen genannt worden, fasst es Axel Mayer, der Leiter des Albstadter Stadtplanungsamtes, zusammen. „Damit soll es wohnlicher und die Lebensqualität verbessert werden“, fügt Oberbürgermeister Tralmer hinzu.

Mit dem Schrank an der Kapellkirche gibt es fünf in Albstadt. „Sie werden alle gut angenommen“, sagt Wachter. In Ebingen kann sich Mayer zudem vorstellen, dass sich der Platz auch für Lesungen beispielsweise mit Kinderbetreuungseinrichtungen anbietet. Und im Winter mit einer Decke und warmem Getränk bewaffnet, kann Lesen im Freien ebenfalls schön sein.

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Tausend Euro haben der Bücherschrank, die sechs Stühle und ein Sitzpodest, das noch folgen soll, gekostet. Davon stammen 7500 Euro von dem Förderprogramm des Bunds namens „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“.