Vision String Quartet
: „Unglaublich dramatische Musik“ in Ulm

Sie spielen ohne Noten und im Stehen: Das Vision String Quartet gastiert am 20. und 21. 2025 in Ulm: mit dem Württembergischen Kammerorchester und in der Reihe „klassisch!“
Von
Jürgen Kanold
Ulm
Jetzt in der App anhören
Das Vision String Quartet spielt zweimal In Ulm

Das Vision String Quartet spielt zweimal In Ulm.

Harald Hoffmann
  • Vision String Quartet gibt am 20. und 21. Februar 2025 Konzerte in Ulm.
  • Konzertorte: Kornhaus mit Württembergischem Kammerorchester und Stadthaus.
  • Repertoire: Werke von Schostakowitsch, Willeitner, Bacewicz und Brahms.
  • Einzigartigkeit: Spielen ohne Noten und im Stehen.
  • Tickets: Tourist-Information im Stadthaus und online erhältlich.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Das sind nun wirklich „Quartett-Welten“: Das international gefeierte Vision String Quartet gibt am 20. und 21. Februar 2025 zwei Konzerte in Ulm – zunächst im Kornhaus eines mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn (WKO) und anderntags eines in der Reihe „klassisch!“ im Stadthaus. Der programmatische Clou bei diesem Doppel der kooperierenden Veranstalter: Das Publikum kann die „Visions“ aus Berlin, die ohne Noten und im Stehen spielen, gleich zweimal mit dem berühmten Streichquartett Nr. 8 von Dmitri Schostakowitsch erleben, nämlich in der Fassung von Rudolf Barschai für Streichorchester und dann im Original. Ein Gespräch mit Florian Willeitner, dem Primarius, der auch komponiert.

Herr Willeitner, das Vision String Quartet spielt nicht nur gemeinsam mit dem WKO ein Konzert, es stehen auch drei Werke von Ihnen auf dem Programm. Was erwartet das Publikum?
Florian Willeitner: „Valentinair“ ist ein Stück, das in vielen Fassungen existiert und das jetzt als ein extrem virtuoses Werk für solistisches Streichquartett erklingt: tänzerisch, getragen von Irish Folk. In „Präludium & Große Fuge für Streicher“ habe ich versucht, die Klangsprache eines meiner Lieblingskomponisten, Sergej Prokofjew, nachzuahmen: ein humorvolles, auch virtuoses Stück, aber für das komplette Orchester, da werden die Fetzen fliegen. „Zwischenwelten“ beschwört mit Mikrotonalität, mit vielfarbigen, sphärischen Harmonien eine zarte, silbrige Klangwelt herauf.

Wie darf man sich die Konzertsituation mit dem WKO vorstellen?
Auch für uns ist das eine Premiere. Das Quartett steht an den ersten Pulten des Kammerorchesters und führt das Orchester von dort an.

Das 8. Streichquartett von Schostakowitsch spielen Sie zunächst in der Streichorchesterfassung?
Es ist eines der emotionalsten Stücke überhaupt. Und, ja, diese unglaublich dramatischen Stellen haben mit Orchester noch ein ganz anderen Wumms.

Schostakowitsch hat sein Streichquartett den Opfern von Krieg und Faschismus gewidmet . . .
Dieses so vielschichtige, kontrastreiche Werk ist in diesen Zeiten an Aktualität nicht zu überbieten. Diese Musik geht einem durch Mark und Bein, sorgt für Gänsehautmomente auch bei uns auf der Konzertbühne. Schostakowitsch war 1960 beim Anblick der kriegszerstörten Stadt Dresden schwer erschüttert. Es sollte aber auch sein eigenes Requiem sein, entsprechend ist dieses c-Moll-Streichquartett autobiografisch komponiert, mit zahlreichen Zitaten. Schostakowitsch hatte in der Sowjetunion immer wieder am Abgrund gelebt, war von Stalin hofiert und ebenso mit dem Tod bedroht worden.

Sie spielen im Stehen – das ist ungewöhnlich für ein Streichquartett.
Also bis auf unseren Cellisten, der täte sich schwer und darf sitzen (lacht). Das Stehen ist die natürliche Körperhaltung für einen Geiger und Bratscher, gerade die Konzerte, die wir als Streichquartett spielen, leben von der Dynamik und einer einzigartigen Lebendigkeit.

Und  Noten haben Sie auch keine dabei?
Das gehört zusammen, im Stehen und auswendig zu spielen, bringt uns maximale Freiheit.

Ist das nicht riskant?
Es ist ja eigentlich ein Berufsgeheimnis, aber ich kann Ihnen versichern, dass es noch kein Konzert gegeben hat, wo nicht mindestens einer von uns mal einen halben Takt rausgeflogen ist. Was allerdings, auch das kann ich versichern, keiner gemerkt hat. Aber ja, das ist ein Risiko, damit muss man lernen umzugehen. Die Angst bleibt, aber es lohnt sich.

Musik, von Adrenalin durchrauscht?
Es ist auch ein anderer Probenprozess, definitiv. Wenn wir ein neues Streichquartett lernen, nimmt jeder sich zunächst seine Stimme vor, dann treffen wir uns und erarbeiten das Stück musikalisch, sprechen über die Interpretation. Danach geht jeder seinen Part durch, bis wir uns zu einer einwöchigen Probenphase zusammenfinden und das Stück dann, auswendig spielend, zusammensetzen. Bevor wir uns auf die große Bühne wagen, spielen wir das Werk im kleineren Rahmen vor Publikum. Auch die Nervosität müssen wir mittrainieren. Das fällt alles nicht vom Himmel, leider.

Sie beginnen das Kammerkonzert im Stadthaus mit einem Werk von Grazyna Bacewicz?
Sie war eine große polnische Komponistin des 20. Jahrhunderts, auch eine berühmte Geigerin, ihr relativ kurzes 3. Streichquartett bietet einen filmmusikalischen 2. Satz und einen unfassbar virtuosen, sehr witzigen letzten Satz.

Und dann lieben Sie Brahms?
Ja, wir lieben dieses Streichquartett op. 51,1. Es ist wahrscheinlich musikalisch das schwerste Werk, das wir jemals gespielt haben. Gut ein Jahr haben wir gebraucht, um das zu stemmen, es so abliefern zu können, dass wir zufrieden sind.

Manche sagen: ein zerklüftetes, sprödes Werk.
Aber es wäre völlig verkehrt, zwanghaft abartige Tempi zu spielen oder Sensationsheischendes hereinzubringen. Wenn man in diesem Streichquartett den Brahms Brahms sein lässt, strahlt es in einer Art und Weise, wie es nur dieser Romantiker komponieren konnte: ewige absolute Musik. Der 1. Satz ist eigentlich eine Sinfonie, dann kommt der schönste langsame Satz, der je geschrieben wurde, in der wunderbaren Tonart As-Dur. Es folgt ein melancholisches Allegro, und der letzte, virtuose Satz ist an Dramatik kaum zu überbieten.

Ein gewaltiges Programm, das Sie im Stadthaus in der Reihe „klassisch!“ spielen.
(lacht) Wir werden danach in den Seilen hängen.

Zwei Konzerte in Ulm

In der Reihe„ klassisch!“ spielt das Vision String Quartet am 21. Februar (Freitag), 20 Uhr, im Stadthaus Ulm Werke von Bacewicz, Schostakowitsch und Brahms. Karten an der Tourist-Information im Stadthaus und unter swp.de/ticketshop. Am Tag zuvor, am Donnerstag, 20. Februar, 19.30 Uhr, musiziert das Vision String Quartet gemeinsam mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn im Ulmer Kornhaus. Auf dem Programm: Werke von Elgar, Willeitner und Schostakowitsch. Tickets Tel. 0731/2710956 und wko-heilbronn.de