Ulmer Theaterpreis 2024: Feuerwerk der Emotionen

Es geht ohne Zettel für die Dankesworte, nämlich mit Notizen auf der Hand: Die Sopranistin Sungeun Park hat den mit 500 Euro dotierten Nachwuchspreis erhalten (gestiftet vom Lions Club Ulm/Neu-Ulm/Schwaben).
Matthias KesslerSchüchtern, zaghaft betritt sie die Bühne. „Ich schwebe auf Wolke sieben“, gesteht Sungeun Park leise und glücklich. Und dann weiß sie nicht wohin mit den Blumen und dem Geldumschlag, denn die junge Sopranistin aus dem Chor hat sich ein paar Notizen auf die flache Hand geschrieben, damit sie niemanden vergisst bei ihren Dankesworten.
Anne Simmering wiederum explodiert geradezu, als ihr Name fällt. Sie hält unter Tränen eine Rede über das Leben, das Theater, über die Herzenswärme der Kollegen, und dann stürzt sie atemlos davon, und stürzt tatsächlich auf den Stufen zu Boden; sie rennt aber weiter und holt den Pianisten Vincenzo de Lucia samt Noten herbei und singt ganz innig „No One Is Alone“.
Szenen aus dem Theater, emotional – aber aus keinem Stück. Sondern menschlich spontan vor großer Zuschauerkulisse: Zum vierten Mal ist am 2. Juli 2024 der Ulmer Theaterpreis vergeben worden, in Kooperation mit dem Verein der Theaterfreunde, der das Preisgeld von je 1000 Euro für das herausragende Ensemblemitglied aus Musiktheater und Tanz stiftete, sowie der SÜDWEST PRESSE (1000 Euro fürs Schauspiel).
Durch die Wälder, durch die Auen
Die Gala war wieder ein Fest der Theaterfamilie. Und auch Oberbürgermeister Martin Ansbacher saß in der ersten Reihe und hielt zwar noch keine Schwörrede, würdigte aber die unverzichtbare gesellschaftliche Rolle der Kultur. Ein Abend in wagneropernhafter Länge, wobei der pointiert, frech, empathisch moderierende Chefdramaturg Christian Katzschmann auch mal den Zwischenstand des EM-Achtelfinales zwischen Österreich und der Türkei durchgab und man später bei Schaumwein und Party-Verpflegung noch auf dem Handy das Restspiel verfolgen konnte, ehe der türkische Autocorso wild hupend loszog.
Also im Theater war's musikalischer. Keine Schüsse auf dem Rasen, es ging „durch die Wälder, durch die Auen“: großartig etwa, wie der Tenor Markus Francke die Arie des verliebten, an sich zweifelnden Max aus Carl Maria von Webers „Freischütz“ sang – an sich schon ein fesselndes Operndrama.

Mit dem „Feuerchor“ aus „Otello“: Ehrenpreis des Ulmer Theaterpreises für den Extrachor.
Matthias Kessler
Überglücklich, emotional: Anne Simmering, ausgezeichnet mit dem Ulmer Theaterpreis 2024 in der Sparte Schauspiel.
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„Durch die Wälder, durch die Auen": Markus Francke sang mitreißend die Arie des Max aus dem „Freischütz“.
Matthias KesslerAber jetzt der Reihe nach: Gemeinsam hatten Theaterfreunde und SWP-Kulturredaktion jeweils drei Namen in drei Kategorien nominiert. Dann stimmte das Publikum ab – und konnte selbst gewinnen. Den Hauptpreis, zwei Karten für „Madama Butterfly“ bei den Heidenheimer Opernfestspielen (inklusive Festspiel-Menü), nahm Edith Wiedenmann aus Roggenburg aus den Händen von SWP-Chefredakteur Ulrich Becker in Empfang.
Die Spartenchefs stellten als Laudatoren die Nominierten vor, und, ja, es waren regelrechte Liebeserklärungen. Beispielhaft, wie ein Haus seine Mitarbeiterschaft würdigt und feiert. Marlene Schäfer über Anne Simmering, ausgezeichnet nicht zuletzt für ihre Rollen als Heiratsvermittlerin Jente in „Anatevka“ und als Martha im Ehedrama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“: „Du bist ein echtes Feuerwerk!“ Was, siehe oben, die Schauspielerin sofort bestätigte.
Generalmusikdirektor Felix Bender rühmte Maria Rosendorfskys „Hingabe an die Figuren“, ihre ungemein professionelle Arbeit – aktuell ist sie zu erleben als Königin Isabel in der Oper „Lessons in Love and Violence“. Die Sopranistin gewann bereits zum zweiten Mal nach 2019 den Theaterpreis in der Sparte Musiktheater, und souverän bekannte der Publikumsliebling: „Das ist der schönste Beruf, den man haben kann.“

Die Sopranistin Maria Rosendorfsky ist das herausragende Ensemblemitglied in der Sparte Musiktheater.
Matthias Kessler
Die Tänzerin des Saison: Carmen Vázquez Marfil. Den Preis überreichten Johanna Kienzerle (links), Vorsitzende der Theaterfreunde, und Tanztheaterdirektorin Annett Göhre (rechts).
Matthias KesslerDie Siegerin in der Sparte Tanztheater war zunächst ziemlich vermummt, in schwarzer Gangster-Tracht, in der witzigen Action-Parodie „Partners in Crime“ zu bestaunen, im rasanten Doppel mit Gabriel Mathéo Bellucci. Aber den Preis holte sich Carmen Vázquez Marfil ganz ehrlich ab. Die Spanierin aus Sevilla glänzte in dieser Saison als Julia, und Annett Göhre, die Tanztheaterdirektorin, rühmte sie als „Königin im Tanz mit verschiedenen Requisiten“. Noch eine Danksagungsvariante, fröhlich gesagt: „Ich spreche lieber mit meinem Körper.“ So sind Tänzerinnen.
Auf welche Fangemeinde die Tanzsparte zählen kann, zeigte sich in der undotierten Kategorie „Beste Aufführung der Saison“. Nein, nicht der „Parsifal“, auch nicht das Musical „Anatevka“ oder das Schauspiel „Der Prozess“ mit Frank Röder als dauerlaufendem Josef K. gewann, sondern der Tanzabend „Romeo und Julia“ von Annett Göhre. „Ich bin von den Socken, obwohl ich gar keine an habe“, zeigte sich die Choreografie überwältigt. Apropos Outfit: Die Tanzcompagnie trat sehr stylisch, chic auf, was Moderator Katzschmann zu der Bemerkung hinriss, dass man da gerne auch den Preis für die „best dressed actors“ vergeben könnte.
„Dafür muss man brennen“
Den vom Lions Club Ulm/Neu-Ulm/Schwaben mit 500 Euro dotierten Nachwuchspreis erhielt an diesem Abend wie gesagt die südkoreanische Chorsängerin Sungeun Park, überreicht von Winfried Haerer. Der Kardiologe spendete dann auch, aus eigener Tasche, 500 Euro für die Kasse des Extrachors: Dieses Ensemble mit enthusiastischen Sängerinnen und Sängern, die den Theaterchor verstärken, wurde mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Intendant Kay Metzger stimmte ein Loblied auf ihren ehrenamtlichen Einsatz an: „Dafür muss man brennen.“ Entsprechend bedankte sich der Extrachor unter Chordirektor Nikolaus Henseler mit dem Feuerchor aus Verdis „Otello“.
Es standen noch mehr Werbeblöcke für die nächste Theater-Saison auf dem Programm: Christel Mayr sang kämpferisch zornig „Das Frühjahr kommt“ aus Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“, I Chiao Shih, Joshua Spink und Martin Gäbler und ein Streichquartett boten beeindruckend einen Ausschnitt aus dem barocken Pasticcio „Lacrimae“, Samson Fischer gab cool Goethes Werther (und sang „Born To Be Wild“), die Horn-Gruppe der Philharmoniker spielte Auszüge aus dem „Freischütz“. Ganz viele Treffer. Viel mehr als beim Fußball. Und im Theater: einhelliger Jubel.

Von Anne Simmerings Auftritt bei der Preisübergabe begeistert: Ulrich Becker, Chefredakteur der SÜDWEST PRESSE, und Moderator Christian Katzschmann.
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Ein Lob auf den Extrachor, der den Ehrenpreis erhielt: Intendant Kay Metzger.
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"Partners in Crime" bei der Theaterpreis-Gala: Carmen Vázquez Marfil und Gabriel Mathéo Bellucci.
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