Schauplätze der Oper
: Rosina, Figaro, Carmen, Don Giovanni – was machen sie alle in Sevilla?

In der andalusischen Metropole spielen zahllose, weltberühmte Opern. Eine Touristenattraktion ist Rosinas Balkon im Viertel Santa Cruz. Ist er echt?
Von
Jürgen Kanold
Sevilla
Jetzt in der App anhören
Sevilla, die Stadt der Oper: Die Stierkampfarena erinnert an Georges Bizets "Carmen"

Sevilla, die Stadt der Oper: Die Stierkampfarena erinnert an Georges Bizets "Carmen".

Jürgen Kanold
  • Sevilla dient vielen Opern als Schauplatz – von Carmen bis Don Giovanni.
  • „Carmen“ basiert auf Mérimées Novelle und spielt um 1820 in einem Stierkampf-Andalusien.
  • In Sevilla werden reale und mythische Orte gezeigt: Arena, Tabakfabrik, „Rosinas Balkon“.
  • Zahlreiche Werke verorten Handlungen in Sevilla, etwa „Fidelio“ und „La Favorita“ im Alcázar.
  • Kathedrale, Giralda, Alcázar und Archivo de Indias zählen zum Unesco-Welterbe.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Friedrich Nietzsche, dem die Sentimentalität seines früheren Idols Richard Wagner zuwider geworden war, jubelte 1888 über die Oper „Carmen“: „Endlich die Liebe, die in die Natur zurückübersetzte Liebe, die Liebe als Fatum, als Fatalität, zynisch, unschuldig, grausam.“ Der Philosoph bekannte, zum zwanzigsten Male Bizets „Meisterstück“ gehört zu haben. Und schrieb, dass auch dieses Werk „erlöse“: „Mit ihm nimmt man Abschied vom feuchten Norden, von allem Wasserdampf des Wagnerschen Ideals.“ In der „Carmen“ sei das Klima verändert: „Hier redet eine andere Sinnlichkeit.“

Da feiert Wagner-Bayreuth am 25. Juli 2026 mit einem Festakt das 150-jährige Bestehen der Festspiele – und anderntags hat bei der Konkurrenz in Salzburg ausgerechnet Bizets „Carmen“ Premiere, in einer Inszenierung von Gabriela Carrizo. Zufall oder trefflich gekontert?

Aber jetzt nach Sevilla, an den Schauplatz dieser 1875 in Paris uraufgeführten Oper, die auf einer Novelle des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée basiert und in einem Stierkampf-Andalusien um 1820 spielt. Dem Offizier Don José wird dort die Leidenschaft zu der freiheitsliebenden „Zigeunerin“ Carmen, die in einer Tabakfabrik arbeitet, zum Verhängnis. Weil Carmen sich dem Torero hingibt, sticht der eifersüchtige Don José sie am Ende ab wie Escamillo in der Arena das Vieh.

Heiß, dieser Stoff. Apropos Klima, Nietzsche hat das anders gemeint, aber für Sevilla sind in den kommenden Tagen bis zu 44 Grad gemeldet. Das ist anstrengend für die Reisenden, aber es lassen sich Originalschauplätze erkunden. Na ja, manche sind real, die meisten der Fantasie entsprungen oder von werbenden Tourismusagenturen verortet worden. Aber da wäre auf jeden Fall an der Plaza de Toros de la Maestranza die Stierkampfarena (auch unblutig museal) zu besichtigen.

Die königliche Tabakfabrik

Und es lässt sich im Internet auch eine regelrechte „Carmen“-Tour herunterladen: Sie führt etwa zur königlichen Tabakfabrik (Antigua Fábrica de Tabacos), Hauptsitz heute der Universität. Wobei etwa die Station Callejón del Agua (Wassertraße) bei den Gärten von Alcázar etwas sehr im Ungefähren liegt: Man könne davon ausgehen, heißt es, dass sich Lillias Pastias Taverne (im zweiten Akt) dort befunden habe. Egal, laden doch zahllose Bars und Cafés in der andalusischen Flamenco-Metropole zum Verweilen ein.

Was nun wirklich Fakt ist: In keiner anderen Stadt spielen mehr Opern als in Sevilla. Rund 150 Werke sind es – darunter weltberühmte, die aber kein Spanier komponierte. Das beginnt mit der Vorlage „El Burlador de Sevilla y convidado de piedra“ (Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast) von Tirso de Molina, in dem Don Juan auftaucht: vielfacher Protagonist dann, nicht nur in Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“. Oder Ludwig van Beethovens „Fidelio“: Die Handlung spielt in einem spanischen Staatsgefängnis bei Sevilla. Oder Giuseppe Verdis „La forza del destino“ (Die Macht des Schicksals), die im Palast der Calatrava in Sevilla beginnt. Oder Gaetano Donizettis geschichtsträchtige Oper „La Favorita“, die im Alcázar spielt, dem Königspalast mit maurischer Vergangenheit, der heute zum Unesco-Welterbe gehört.

Die exotisch-romantische Kulisse

Warum eigentlich Sevilla? Es mag viele Gründe geben: die exotisch-romantische Kulisse etwa. Und Sevilla war auch ein „dramaturgischer Zufluchtsort“ der mitteleuropäischen Librettisten vor der Zensur – weit weg gelegen, wenn's zu unsittlich wurde (wie bei „Carmen“) oder zu gefährlich politisch. Und der Dichter Pierre Augustin Caron, genannt Beaumarchais (1732-1799), verbrachte einige Monate in Madrid, lokalisierte aber andernorts die Lustspiele „Der Barbier von Sevilla“ und „Die Hochzeit des Figaro“ (der „tolle Tag“ vollzieht im Schloss Agaos-Frescas).

Rosinas Balkon: Dort könnte Giacchino Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla" spielen

Rosinas Balkon: Dort könnte Gioacchino Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla" spielen.

Jürgen Kanold

Der nicht nur von Gioachino Rossini vertonte  „Barbier“ erzählt quasi die Vorgeschichte zum „Figaro“, den dann Mozart auf ein Libretto Lorenzo da Pontes schuf. Graf Almaviva möchte das Mädel Rosina erobern, das freilich von ihrem Vormund Dr. Bartolo eingesperrt wird, um sie jeglichem Zugriff zu entziehen. Bartolo möchte sie selbst heiraten. Als Rosina anfangs auf dem Balkon erscheint, ist der Graf hin und weg: „Du mein Leben! Geliebte, meine Perle! Seh ich dich endlich“, singt der Verehrer (in der deutschen Übersetzung). Doch Bartolo beobachtet alles: „Den Balkon da lass ich jetzt vermauern.“

Das ist nicht geschehen. Und es gibt in Sevilla, im Viertel Santa Cruz, tatsächlich „Rosinas Balkon“ zu besichtigen: an der Ecke Calle Argote de Molina und Calle Segovia. Sehr idyllisch. Und ja, der Graf hätte locker sportlich an einer Palme hochklettern können. Andererseits ist Balkon so authentisch wie jener in der Casa Giulietta in Verona, wohin die Menschheit wegen Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ pilgert. Mythos statt Historie. Aber schön, und man kann unterhalb Rosinas Balkon in Sevilla in einem Restaurant gut essen.

Stätten des Weltkulturerbes

Sevilla ist die Hauptstadt der autonomen Region Andalusien und mit 690.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Spaniens. Die gotische Kathedrale von Sevilla (Maria de la Sede, erbaut 1401-1519) und der Kirchturm (Giralda) gehören zum Weltkulturerbe. Auf der Unesco-Liste stehen aber auch der Alcázar, der Königspalast im Mudéjar-Stil mit einem Garten. Und das Archivo de Indias in der Alten Börse, das mehrere Regalkilometer Akten des spanischen Kolonialreichs verwahrt, darunter Schriften des Weltdokumentenerbes.