Satire von Jakob Hein
: Die DDR unter Drogen und ein Milliardenkredit

Es gibt auch mal was zu lachen: „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“, ein deutsch-deutscher Roman von Jakob Hein.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Mann raucht einen Joint: ILLUSTRATION - 30.11.2006, Bayern, Würzburg: Der Qualm stört Sie? Auf dem Balkon kann das Rauchen unter Umständen eingeschränkt werden. (zu dpa: «Cannabis-Sündern drohen ab Januar Bußgelder») Foto: Daniel Karmann/dpa/dpa-tmn +++ dpa-Bildfunk +++

Joints mit Gras aus dem Freundschaftsladen an der Zonengrenze?

Daniel Karmann/dpa-tmn/dpa
  • Jakob Heins Satire-Roman „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ verbindet DDR-Geschichte und Cannabis-Debatte.
  • Die DDR importiert Cannabis aus Afghanistan, um es an Westjugendliche zu verkaufen und Devisen zu verdienen.
  • Das Buch kombiniert historische Fakten mit humorvoller Fiktion und ist unterhaltsam geschrieben.
  • Hein ist Psychiater und Autor, bekannt für mehrere Bestseller.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

In der Politik und überhaupt gibt‘s derzeit nicht viel zu lachen. Was einem als Satire erscheinen könnte – siehe Trumps imperialistisches Grönland-Gefasel – gehört leider zu seiner realen Machtergreifungsmethode. Also das ist schon ein Knaller, dieser Roman von Jakob Hein: „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“. Feiner Titel, aber der Inhalt dieser deutsch-deutschen Komödie ist noch wesentlich kurzweiliger. Der Clou: Hein kombiniert ein wahres Kapitel Ost-West-Geschichte mit einem aktuellen Aufreger. Es geht um den vom bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß  1983 überraschend eingefädelten Milliardenkredit für die DDR und die heutige Debatte um die Legalisierung von Cannabis.

Wie das zusammenhängt, okay, das soll natürlich nicht explizit verraten werden. Aber jetzt zur Story. Die DDR, sie ist in den 80ern ziemlich pleite und deshalb extrem gierig nach Devisen: Menschenhandel ist eine Haupteinnahmequelle, gefasste „Republikflüchtlinge“ gegen D-Mark an die BRD verkaufen. Was geht noch? Für die sozialistische Wirtschaft ist eigentlich nicht die Stasi, sondern die Staatliche Planungskommission zuständig, und die hat ihren Sitz in Berlin. Dort darf der strebsame Grischa aus Gera anfangen, nach strammer Karriere als Jungaktivist und Student der Hochschule für Ökonomie; verlässlicher Sohn einer Kaderleiterin und eines 2. Sekretärs der Bezirksleitung ist er zudem.

Grischa Tannberg zieht tatendurstig in die Hauptstadt und meldet sich bei der PlaKo im fünften Stock, bei den kleineren „Bruderländern“, und zwar in der Abteilung Afghanistan. Die besteht allerdings nur aus seinem Vorgesetzten, dem Genossen Ralf Burg. Und jetzt ihm. Das Problem: „Die Afghanen haben nichts“, wie Burg erklärt. Außer Landwirtschaft. Aber sie bauen nichts an, was man gegen die gewünschten Industriegüter tauschen könnte, sondern nur Schlafmohn und Cannabis. Nix zu tun also. Burgs Anweisung an Grischa:  „Sie warten darauf, dass etwas zu tun ist, und bleiben dabei in innerer Spannung. Keinesfalls dürfen Sie aber Ihren Kollegen zu erkennen geben, dass sie kunstvoll warten, denn dann werden Sie mit Arbeit überschüttet.“

Gras für die Westhippies

Das könnte in einem kafkaesken Roman über die DDR-Bürokratie enden. Es ist aber eine Satire. Der brave, sympathische Bürokrat Grischa jedenfalls versagt. Er entwickelt fleißig einen großartigen, subversiven Afghanistan-Plan: Die DDR importiert das landwirtschaftliche Produkt Medizinalhanf, denn Cannabis sei ja, wissenschaftlich bewiesen, nicht gefährlicher als Alkohol und Nikotin. Erstens könne man damit einem sozialistischen Bruderstaat helfen, zweitens würde man beim Verkauf von Hanfprodukten in Fachgeschäften bei der Westjugend die Attraktivität der DDR stark erhöhen. Die BRD müsste womöglich Grenzkontrollen einführen an einer Staatsgrenze, die sie eigentlich gar nicht anerkennen will! Ein toller propagandistischer Erfolg. Abgesehen davon: Das alles bringt Devisen. „Wir kaufen den Afghanen das Zeug für unsere LKWs und Töpfe ab und verkaufen es den Westhippies für harte D-Mark.“

Die Idee geht hoch bis zum Politbüro – und ein deutsch-afghanischer Freundschaftsladen am Berliner Grenzübergang Invalidenstraße wird ein Coup. Tumultartige Szenen, die jungen Leute stürmen die Mauer – aber vom Westen aus. Jetzt wollen alle nach drüben! Das schreckt die Bundesregierung auf. Auch in Bonn, im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen, schnarchen sie, eine schlaue Referendarin muss die Beamten aufrütteln. Und der Osten macht dem Westen ein Angebot, man trifft sich in Bayern, ganz geheim, auf dem Gutshof eines Metzgermeisters. Der Rest ist Geschichte.

Und zwar eine sehr lustige. Großartig, wie Jakob Hein Wahrheit und Dichtung komödiantisch vermixt, satirisch kommentiert in einem Schelmenroman: schlicht und sachlich, aber höchst unterhaltsam heruntergeschrieben. Und wie passend: Auch das grobe Papier, die Schrift, der Druck des Buchs erinnern authentisch an DDR-Zeiten.

Psychiater und Schriftsteller

Jakob Hein, 1971 in Leipzig geboren als Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, studierte Medizin und arbeitet als Psychiater in einer Berliner Klinik. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter „Mein erstes T-Shirt“(2001), „Wurst und Wahn“ (2011) und „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ (2018).  Sein Buch „Hypochonder leben länger und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis“ (2020) stand wochenlang auf der Bestsellerliste, 2022 erschien sein Roman „Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken“.

Jakob Hein: Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste. Galiani Berlin, 256 Seiten, 23 Euro.

Jakob Hein: Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste. Galiani Berlin, 256 Seiten, 23 Euro.

Galiani Berlin