Salzburger Festspiele
: Oper mit Sirenenalarm: Händels „Giulio Cesare in Egitto“

Koloraturen im Luftschutzbunker: Regisseur Dmitri Tcherniakov inszeniert einen Machtkampf im Betonkeller.
Von
Otto Paul Burkhardt
Salzburg
Jetzt in der App anhören
Salzburger Festspiele „Giulio Cesare in Egitto“

Machtkampf im Betonbunker. „Giulio Cesare in Egitto“.

Barbara Gindl/APA/dpa
  • Händels „Giulio Cesare“ eröffnet die Salzburger Festspiele – inszeniert von Dmitri Tcherniakov.
  • Schauplatz: Ein Luftschutzbunker, der den Machtkampf zwischen Rom und Ägypten ins Heute holt.
  • Vier Countertenöre und ein hochkarätiges Ensemble glänzen in emotionalen Arien und packenden Szenen.
  • Dirigentin Emmanuelle Haim und das Ensemble Le Concert d’Astrée überzeugen musikalisch auf höchstem Niveau.
  • Regie zeigt harte Themen wie Gewalt und Überlebenskampf – kontrastiert mit barocker Opulenz.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Stadt Salzburg im Festspielmodus: In der  Hofstallgasse ist wieder großes Schaulaufen. Alles voll mit Promis, Möchtegerns, Gaffenden und blank gewienerten Nobelkarossen. Nebenbei erwähnt: Händels „Giulio Cesare“ steht an, als erste Oper der Sommersaison. Drinnen im Haus für Mozart, alle sitzen schon, ein kleiner Schock: Sirenen heulen auf. Und das ohne Triggerwarnung. Schutzräume aufsuchen, ordnet eine Laufzeile an. Dann setzt doch die Musik ein, fast genau auf Tonhöhe der Sirene. Und siehe da, die Bühne zeigt eine Art U-Bahn-Schacht. Wieder so eine blöde Regieidee, ärgern sich einige und buhen schon zur Pause. Vorschnell?

Vielleicht. Barockoper im Bunker: Solche Szenarien, Hand aufs Herz, sind als Ästhetik nicht neu. Doch Luftalarm gehört zum Kriegsalltag vieler Menschen heute. Und so zieht Regisseur Dmitri Tcherniakov seine Idee durch, verpflanzt die Händel-Oper von 1724 in triste, unterirdische Betonschutzräume und lässt die antiken Staatschefs auf Matratzen pennen – willkommen in der Gegenwart. Also nichts mit Palästen, Nilufer und Zedernhain.

Popkultur mit vier Countertenören

Vier Countertenöre wirken mit. Die Stimmlage ist längst Popkultur – auch seit dem ESC-Sieg von JJ alias Johannes Pietsch, der in „Wasted Love“ das hohe Cis schmettert. Zudem verfängt das Regiekonzept einer Zwangsgemeinschaft. Denn im Bunker eingesperrt, zeigt sich der Machtkampf zwischen Rom und Ägypten knallhart. Tcherniakov erzählt ihn als Unterwelt-Thriller mit Schießereien, Mord und Vergewaltigung. Ein Fight ums Überleben – in opulenten Arien mit rasanten oder betörend süßen Koloraturen: ein irrer Kontrast.

Das Ensemble? Festspielreif. Mit weichem, farbenreichem Sopran agiert Olga Kulchynska, deren Cleopatra als Lederlady mit Pinkhaarteil auch viel Empathie für Loser zeigt. Sesto, der rachdurstige Sohn des getöteten Cesare-Rivalen Pompeo, wird von wilden Teufelstanz-Anfällen geplagt – doch der Sopranist Federico Fiorio gibt ihm auch zarte Momente. Tolomeo dagegen entpuppt sich bei Yuriy Mynenko als labile Type mit sadistischen Zügen. Herausragend: die Mezzopartie von Lucile Richardot als Cornelia, stark im Ausdruck und perfekt verständlich.

Und die Lovestory? Läuft. Im Duett des feinstimmigen Cesare (Christophe Dumaux) mit Cleopatra scheint die Zeit stillzustehen. Doch was passiert im Bunker mit Cesares lebensrettendem Sprung ins Meer bei Alexandria? Der wird leicht modifiziert, von der Bühne runter in den Orchestergraben.

Dort glänzt das Ensemble Le Concert d’Astrée unter Dirigentin Emmanuelle Haim: rhythmisch durchpulst, vital, aber auch  flüsternd leise mit beseeltem Klangzauber.