„Die letzten Tage der Menschheit“: Die Salzburger Festspiele und das Gift in der Sprache

Das passt in posthumane Zeitgeistdebatten: „Die letzten Tage der Menschheit“ bei den Salzburger Festspielen
Barbara Gindl/APA/dpa- „Die letzten Tage der Menschheit“ bei den Salzburger Festspielen als moderne Parabel inszeniert.
- Regisseur Dušan David Pařízek kürzt das 800-Seiten-Drama auf drei Stunden und sieben Rollen.
- Minimalistische Bühne: Kein Dekor, ein Videoscreen und vereinzelte Requisiten wie ein Telefon.
- Satirisch-tragische Inszenierung mit absurden Kontrasten, Dialekten und musikalischen Einlagen.
- Koproduktion läuft bis 6. August in Salzburg, Premiere am Burgtheater Wien am 5. September.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Welt, wie sie ist. Völlig aus den Fugen. Vergiftete Sprache, verblendete Medien, korrupte Regimes, entwurzelte Menschen, Krieg überall. So schildert es Karl Kraus in seinem monumentalen 800-Seiten-Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ (1915-1922), einer Collage über den Ersten Weltkrieg, gespickt mit Doku-Materialien. Zehn Tage, so Kraus, sollte das „Marstheater“ dauern. Und kein Scherz: 1114 Figuren treten auf, Zeitungsverkäufer, Soldaten, Kriegstreiber, Kaiser Franz Joseph I. und Wilhelm II., aber auch ein „Optimist“ und ein „Nörgler“ als Kraus-Alter-Ego. Ein Monsterstück, unspielbar? Auf die späte Bühnenpremiere 1964 folgten viele Fassungen, mal zwei Abende lang, mal 100 Minuten kurz. Wo? In Schlachthäusern, Rüstungsfabriken, U-Boot-Bunkern.
Auch Salzburg spielt jetzt „Die letzten Tage der Menschheit“ – auf der Pernerinsel, abseits vom Promi-Zirkus. Doch vorab: Der Schauspielsparte des Festspiele geht es nicht gut. Der Posten der geschassten Chefin Marina Davydova ist noch unbesetzt. Intendant Markus Hinterhäuser leitet nun die Sparte, die zweitrangig bleibt. Was zählt, ist die Oper und der Neubau eines Festspielzentrums. Längst fällige Strukturreformen? Nächste Frage bitte.
Auf leerer Bühne
„Die letzten Tage der Menschheit“ – sie passen in posthumane Zeitgeistdebatten. Das Drama spielt in Wien, Berlin, im Café, an der Front, in den Köpfen. Doch Dušan David Pařízek (Regie und Bühne) lässt die Schauplätze weg, kürzt auf gut drei Stunden und erzählt den Rest, koproduziert mit der Wiener Burg, auf leerer Bühne. Requisiten? Keine. Gut, ein Telefon mit Schnur taucht auf. Und ein riesiger Würfel als Videoscreen. Bezug zum Thema? Seine Teilwände werden bald krachend einstürzen.
Pařízek hat den vielstimmigen Kraus-Dschungel von über tausend Rollen auf sieben (!) gerafft. Vieles wirkt nun didaktisch gegliedert. Zu den Kernfiguren zählt Kriegsberichterstatterin Alice Schalek, bei Marie-Luise Stockinger eine manipulative Lautsprecherin, mit Stativ und greller Kriegsrhetorik bewaffnet. Auf ihr Kommando posiert der deutsche Politiker Siegmund Schwarz-Gelber, den Michael Maertens als Berufsschönredner im Bademantel gibt, für druckreife Fotos, macht auf „kühn“ und „Feldherrnblick“ – was nur mittelprächtig gelingt. Ein Heiterkeitserfolg.
Doch seine Gattin Elfriede – Dörte Lyssewski als Grande dame – treibt ihn an. Zu Pařízeks Sparpersonal gehört auch ein fanatischer Feldprediger (Felix Rech), ein grantelnder Patriot (Branko Samarovski) und ein brüllender Brutalst-Feldwebel (Peter Fasching). Bleibt noch der Nörgler, den Elisa Plüss mit Schweizer Akzent und analytischer Distanz ausstattet. Der Optimist? Gestrichen.
Den Soundtrack liefert ein Donnerblech. Und Bombengedröhn aus dem Off. Zudem ließ Pařízek einzelne Kraus-Stellen vertonen. So kommt’s, dass der Politiker auch mal im Latingroove singt und die Kriegshetzer lärmend rappen. Eine E-Gitarre tippt Wagners „Walküre“ an, ein Alphorn bläst zu „Jagderfolgen“. Krausens „satirische Tragödie“ als Musicalrevue? Manchmal. Pařízek breitet deutsch-österreichische Gag-Klischees aus, erweitert die Dialekte etwa mit Hessisch. Und entdeckt so im Text auch Operette und Stand-up-Comedy.
„Was empfinden Sie jetzt?“
Irgendwann geht der rote Vorhang zu, und jemand fragt „Was empfinden Sie jetzt?“ Derlei Schein-Schlüsse wiederholen sich im Epilog, Pařízek lässt mehrfach aufhören und doch weiterspielen. Die Kontraste zwischen absurd und beklemmend verschärfen sich. Tragische Szenen beim Untergang des britischen Passagierschiffs „Lusitania“ mit 1200 Toten prallen nun auf debile Loblieder zu Ehren des Speiseknödels, zynische Romantiksongs von der Isonzo-Front stehen neben starken Merksätzen über „Tyrannen aus dem Geist der Massen“. Schrille Widersprüche, schwer aushaltbar.
So endet Pařízeks Kraus-Lesart nicht mit Besserwisserei, sondern mit dem Chaos des Unvereinbaren. Ohne Aktualisierungs-Pädagogik. Seine Kompaktversion glüht dennoch heftig in Kraus‘scher Wut über Politik, Verrohung und Krieg. Wer war nochmal der untergehende Held der Tragödie? Ach ja, „die Menschheit“. Viel Beifall.
In Salzburg und Wien
Die Koproduktion „Die letzten Tage der Menschheit“ ist noch bis 6. August bei den Salzburger Festspielen zu sehen. Premiere am Burgtheater Wien: 5. September.
