Bayreuther Festspiele: Nur nett verzwergte Meistersinger auf dem Grünen Hügel

Glitzer und Stroh, ein Contest im Bauerndorf: „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit Michael Spyres als Stolzing.
Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele/dpa- Die Bayreuther Festspiele eröffneten mit einer unpolitischen Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“.
- Regisseur Matthias Davids setzt auf humorvolle, harmlos-romantische Darstellung ohne politische Bezüge.
- Musikalisch überzeugt Daniele Gatti mit dem Festspielorchester durch klangvolle, romantische Interpretation.
- Herausragend: Michael Spyres (Stolzing), Christina Nilsson (Eva) und Georg Zeppenfeld (Hans Sachs).
- Bühne mit Glitzer, TikTok-Tänzen und riesiger aufgeblasener Kuh – teils Buhs, aber viel Applaus.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Sehr lustig, diese Tage in Bayreuth. Das Richard-Wagner-Museum zeigt die Ausstellung „Spot(t)-Light“ mit zeitgenössischen Karikaturen: der Künstler als gottgleicher, prunksüchtiger Narzisst und Schöpfer krachlauter Musik. Das Open Air am Grünen Hügel begann mit der Gershwin-Ouvertüre zum Musical „Girl Crazy“. Und dann inszeniert ein Fachmann dieses Unterhaltungsgenres, Matthias Davids, die „Meistersinger von Nürnberg“ zum Festspielauftakt als nette Klamotte über eine seltsame Herrenrunde, die „Schlaraffia“, deren Mitglieder sich karnevalesk verkleiden, die zu ihrem Treffen Mettigel, Kaffee und Kuchen mitbringen und ab und an in einer vernebelten Kabine verschwinden, um zu kiffen.
„Wahn, Wahn, überall Wahn“, räsoniert Hans Sachs in seiner Schusterstube, so eine Art ovale Holzschnittarbeit, über den Zustand dieser Welt. Man weiß jetzt nicht, welche Erkenntnisse Kanzler Friedrich Merz als Premierengast in der Königsloge daraus gezogen hat. Tief nachdenken muss aber niemand in dieser Inszenierung. Wirklich nicht. Offenbar war die Sehnsucht in Bayreuth sehr groß gewesen, einmal das so genannte Regietheater außen vor zu lassen und diese Oper so jovial harmlos fachwerkromantisch auf die Bühne zu bringen wie seit Wolfgang Wagner selig in den 1990ern nicht mehr.

Auch Kanzler Friedrich Merz und Gattin besuchten den Auftakt der Bayreuther Festspiele.
Karl-Josef Hildenbrand/dpaEin verpflichteter Musical-Spezialist? Keine Sorge, es gibt da Unterschiede. In einem Musical wird die Handlung mit gesprochenen Dialogen vorangetrieben, in den „Meistersingern“ wird nur gesungen, und zwar hauptsächlich unverständlich, dafür geht die Aufführung sechseinhalb Stunden (mit zwei Pausen) lang; und Übertitel zum Mitlesen gibt es in Bayreuth nicht, das wäre für Wagnerianer ein Sakrileg.
Aufgeblasene Kuh
Oper also, und die „Meistersinger“ sind angeblich Wagners Komödie im Bühnenportfolio. Aber dieses Werk ist natürlich extrem belastet: als Reichsparteitagsfestspiel der Nationalsozialisten mit dröhnender Ouvertüre. Und weil das Werk mit ziemlich viel „Heil“-Rufen die wahre deutsche Kunst preist, und weil die Figur des Beckmesser, der im Sänger- und Liebhaberwettstreit um Eva als nörgelnder Kunstkritiker auftritt, selber aber ein Nichtskönner ist, antisemitische Züge trägt. Barry Kosky hat das zuletzt alles in Bayreuth genial thematisiert.
Davids‘ Zugriff ist das komplette Gegenteil, bemüht, noch das kleinste politische Spurenelement zu tilgen. Das ist dann eigentlich gar nicht lustig. Höchstens blitzt ab und an Ironie auf. Zur Prügelfuge im 2. Akt leuchtet das Kinderspielzeugstädtchen wie ein Halloween-Kürbis (Bühne: Andrew D. Edwards). Der Regisseur verzwergt die „Meistersinger“, ganz wörtlich; auf der Festwiese trifft sich entsprechend kostümiert ein fröhliches Volk (der starke Chor mit dem neuen Direktor Thomas Eitler-De Lint), und die Dorfjugend übt TikTok-Tänzchen. Ein bisschen Glitzer-Contest im Strohballenmilieu. Und über allem schwebt, kopfunter, eine riesige, bunte, aufgeblasene Kuh, der ein frustrierter Beckmesser auch mal den Stecker zieht.

Georg Zeppenfeld singt Hans Sachs, den Anführer der seltsamen Herrenrunde. Christina Nilsson ist die Eva, die blumengeschmückte „Preiskuh“ auf der Festwiese.
Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele/dpaImmerhin: Wenn die ganze Herrenrunde so deppert auftritt, ist auch Beckmesser kein hässlich belachter Außenseiter mehr, sondern halt ein Verlierertyp mit Herzchengitarre, und Michael Nagy spielt den Kerl sehr komisch. Einen Minikommentar auf die Männerherrschaft gibt es auch: Eva, in einen Riesenblumenstrauß gesteckt wie ein weiblicher Festochse, die Trophäe, hat dann irgendwann keine Lust mehr auf den Klimbim und nimmt sich ihren Stolzing, zieht mit ihm davon. Die gewonnene Zunftkette lassen sie zurück, was Hans Sachs angemessen irritiert.
Taktstock in der Schatzkammer
Die Regie bekam am Freitagabend (25. Juli 2025) um halb elf auch Buhs ab, aber das Publikum war eher beglückt. Und sowieso darüber, wie auch Daniele Gatti mit dem wunderbaren Festspielorchester jeden Zweifel am Werk wegdirigierte und klangvolle, romantisch aufblühende „Meistersinger“ bot. Getragene Tempi, verspielt organischer Kontrapunkt, flirrend weiche Streicher, die reine sinfonische Schönheit. Drunten im Wagner-Museum zeigen sie in der Schatzkammer den Edel-Taktstock, den Ludwig II. seinem verehrten Wagner nach der „Meistersinger“-Uraufführung 1868 in München schenkte: in Gold gefasst, mit Edelsteinen bestückt. So klingt das bei Gatti.
Erstklassig auch das Ensemble. Georg Zeppenfeld basskantabel verlässlich als gediegener Sachs. Eine Entdeckung: Christina Nilsson mit erfrischend kraftvollem Sopran als Eva. Matthias Stier zeigte feine Qualitäten als David. Und so tenorsaftig, körperlich strahlend und mit so vielen Farben wie Michael Spyres den Stolzing singt, ist das ja keine Überraschung, dass der Ritter siegt.
Darauf aber dann doch lieber ein Bayreuther Bier und kein Glas Kuhmilch.

