Salzburger Festspiele
: Alle treten auf der Stelle – so war die Premiere von „Faust I“

Zum Auftakt ein Dreieinhalb-Stunden-Marathon: Ulrich Rasche zeigt Goethes Drama bei den Salzburger Festspielen als archaisches Schreit-Oratorium.
Von
Otto Paul Burkhardt
Salzburg
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Probenfotos von der Inszenierung „Faust I“

Ringen nicht nur um Worte: (von links) Johannes Nussbaum und Steven Scharf als Faust mit Valery Tscheplanowa als Mephisto.

Barbara Gindl/APA/dpa
  • Auftakt bei den Salzburger Festspielen: „Faust I“ als dreieinhalbstündiges Schreit-Oratorium.
  • Ulrich Rasche inszeniert mit rotierender Bühne, Lichtwänden und Elektronik-Soundtrack.
  • Text stark gekürzt: Hexenküche, Auerbachs Keller und Osterspaziergang fehlen.
  • Figuren sind Anteile eines multiplen Faust-Egos, Mephisto steuert die anderen.
  • Besetzung: Steven Scharf und Johannes Nussbaum als Faust, Valery Tscheplanowa als Mephisto.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ganz schön verrückt: Die kompletten Festspiele sind noch von Intendant Markus Hinterhäuser konzipiert worden. Der aber wurde Ende März wegen „unüberbrückbarer Differenzen“ geschasst. Als Aufräumerin soll es nun Ex-Burg-Chefin Karin Bergmann richten. Doch der Ruf des laut Selbstbild wichtigsten Klassikfestivals ist beschädigt. Immerhin wird Hinterhäuser noch als Kurator genannt. Und er tritt auch wieder auf – als Pianist. Aber so ist Salzburg.

„Faust I“ auf der Pernerinsel, dem Spielort fürs Riskante, markierte jetzt den Auftakt im Schauspiel. Bei Regisseur Ulrich Rasche wird’s ein Dreieinhalb-Stunden-Marathon. Als bekennender Theatermaschinist setzt er stets Laufbänder oder rotierende Scheiben ein. Alle Stücke werden so zu Schreit-Oratorien. Auch Goethe. Die Darstellenden, reduziert auf fünf Figuren, tragen den Text im rhythmischen Gehen vor, durchschreiten ihn gleichsam – in gemessenem Tempo.

Hexenküche, Auerbachs Keller – gestrichen

Und treten dabei, gegen die Drehrichtung der Bühne, meist auf der Stelle. Ein Hamsterrad? So wird „Faust I“ zur archaischen Prozession, zum Rap in Slow Motion. Hexenküche, Auerbachs Keller, Osterspaziergang – gestrichen. Alles leer und schwarz. Zwei riesige Lichtwände, in wechselnden Farben leuchtend, dominieren die Szene. Oft bilden sie einen beklemmend engen Korridor: ein Bild, das sich Rasche bei Bruce Nauman geborgt hat. Dazu wabert Alfred Brooks' spaciger Elektronik-Soundtrack aus dem Off.

Gut, die Texte lassen sich so wieder neu hören – nicht abgelenkt von szenischem Getümmel. Doch dabei wird „Faust I“ beim bedeutungsschweren Rezitieren zur Weihe-Stunde, zum suggestiven Überwältigungstheater. Die fünf Figuren agieren als gegensätzliche Anteile des multiplen Faust-Egos. Der aber leugnet die Widersprüche in sich – genau das ist bei Rasche die Tragödie. Steven Scharf ist Faust: ein Gescheiterter, der sich mühsam vorwärts tastet. Wie ein kaputter Roboter, ferngesteuert.

Von wem? Von Mephisto: Valery Tscheplanowa zieht alle Register, ihr Teufel geht gerne seitlich, raunt beschwörend, kann grusliges Gelächter anstimmen und steuert die anderen, auch den jungen, noch glühenden Faust (Johannes Nussbaum). Um den renitenten Valentin (Max Rothbart) zu meucheln, müssen beide Fäuste ran. Margarete (Anna Drexler), deren Leben Faust in rüder Machtausnutzung zerstört, flieht bei Rasche. Sie selbst, keine Stimme von oben, spricht das berühmte „Gerettet!“

Kurz, der neue Salzburger „Faust“ ist vieles: szenische Lesung im Ritualgestus, psychedelisches Hörbuch mit Licht- und Sound-Beiwerk, zuweilen auch Horrorfilm im Stil von Opas Kintopp. Ein Trip, der auf viele sogartig wirkt, dessen bemühter Zelebrations-Ton aber auch nerven kann. Jubel und erschöpfter Beifall.