„Russische Spezialitäten“
: Wie Fernsehlügen die Mama in Putins Lager treiben

Dmitrij Kapitelman erzählt in seinem neuen Roman erschütternd, politisch aktuell, aber auch mit liebevollem Humor, wie der Krieg seine ukrainisch-jüdisch-moldawische Familie umtreibt.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Der Sohn fährt in die Ukraine, um seine Mama, die an die russischen Fernsehlügen glaubt, von der Realität zu berichten. Aber die wünscht, dass er Salo mitbringt, Schweinespeck.

Svetlana/adobe.stock.com
Dmitrij Kapitelmans neuer Roman „Russische Spezialitäten“ beleuchtet, wie russische Propaganda seine ukrainisch-jüdisch-moldawische Familie beeinflusst. Der Sohn versucht, seine Mutter von der Realität des Krieges zu überzeugen. Die Familie verkauft in Leipzig russische Produkte. Kapitelman beschreibt persönlich und humorvoll die Auswirkungen des Krieges und die Zerrissenheit innerhalb der Familie.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Was die russische Propaganda so alles anrichtet – also jetzt mal nicht attestiert bei US-Präsident Donald Trump, sondern bei einer jüdischen Familie, bei „Kontingentflüchtlingen“, die in der Mitte der 1990er Jahre aus Kiew nach Deutschland gekommen sind? Die Mama, die ihre nostalgischen Gefühle für die sowjetische Heimat im pausenlosen Konsum des russischen Fernsehens sättigt, erklärt ihrem Sohn: „Die Ukraine ist doch selbst schuld an den vielen Toten! Warum gibt Selenskyj nicht einfach auf? Dann ist es endlich vorbei mit dem Naziregime in Kiew!“ Es geht noch absurder: das Massaker von Butscha – nur fake? Die Ukrainer hätten das alles inszeniert, „mit Schauspielern, die sich in den Straßen tot stellen, um gegen Russland aufzuwiegeln“.

Der Sohn, der seine Mutter so sehr liebt und gleichzeitig an ihr verzweifelt, das ist der 1986 in Kiew geborene Autor und Journalist Dmitrij Kapitelman. Zu den ersten Opfern eines Krieges gehört bekanntlich die Wahrheit: Es ist ein komplexes Unterfangen, sich in der Nachrichtenwelt zurechtzufinden, aber wie TV-Lügen sich niederschlagen im privatesten Kreis, das schildert Kapitelman grandios – ergreifend, aufrüttelnd, aber auch mit liebevoller Lakonie fürs Idyll und sarkastischem Humor: in seinem neuen autofiktionalen Roman „Russische Spezialitäten“.

Es ist ein sehr aktuelles Buch, das die große Politik heranzoomt ins menschlich Nachvollziehbare und auch anschaulich beschreibt, wie ein Invasionskrieg Identitäten zerstört und neue fördert, weit weg von der Front. Und der Roman lässt nachvollziehen, weshalb in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Einwohnern mit russischer Herkunft die AfD ihre Hochburgen findet.

Ein „Magasin“ in Leipzig

Die Familie des Ich-Erzählers verkauft in Leipzig, in ihrem „Magasin“, besagte russische Spezialitäten, Kaviar und Krimsekt, Wodka, Pelmeni aus Nowosibirsk, Kwas, Obolon-Bier oder Salo (Speck) aus der Ukraine. Und mitgeliefert wird natürlich osteuropäische, postsowjetische Verbundenheit. Die „Nashi“, übersetzt die „Unseren“, sorgen für guten Umsatz. Der Papa hat auch Armbanduhren im Lager: Stahlgehäuse, schwarzes Ziffernblatt, und anstelle der 12 prangt darauf ein roter Stern mit Panzer. Als Verkäuferin hat die Mama noch Ira eingestellt, weil sie sicher war, dass diese stets unfreundlich zu den Kunden sein würde: „auf die gute alte, authentische sowjetische Art“. Eine kleine russische Welt in Sachsen, rührend-originelle Typen, dort wächst Dmitrij mit seinen vielen Kosenamen auf, und der erwachsene Kapitelman berichtet warmherzig davon, aus der Gegenwart zurückblickend.

Der Erzähler erinnert sich, wie ein neuer, demokratisch gewählter Präsident, ein „KGBschnik“ für Gesprächsstoff sorgte. Von Aufbruchsstimmung aber sei wenig zu spüren gewesen: „Unsere chinesischen Russlandfähnchen dümpeln weiter im Regal für Gemischtes.“ Die Welt freilich dreht sich weiter, Corona zermürbt das Magasin. Dann zieht der Krieg tiefe Gräben, und man muss genau hinschauen, wer wo steht. Aber Putin hat doch die Ukraine überfallen, und der ukrainische Präsident Selenskyj ist selbst Jude – und die deutschen Rechtsextremen, die gerne mit Russland sympathisieren, hetzen antisemitisch. Nein? Der Sohn erreicht seine Mutter nicht.

Dmitrij Kapitelman.

Der 1986 in Kiew geborene Autor Dmitrij Kapitelman.

Paula Winkler

Auch seine Muttersprache, das Russische, wird ihm, wortwörtlich, verdächtig: „Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld“, gesteht sich Dmitrij ein, der um seine ukrainischen Freunde bangt. Was kann er tun, in der Sehnsucht nach Frieden auch in der Familie? Er fährt mit dem Zug nach Kiew, sitzt im Bombenbunker, sieht die Versehrten auf der Straße, erfährt die Zerstörung, die Mobilisierung, den Kriegsalltag: Kapitelman beschreibt eine Realität, deren Wahrheiten so einfach nicht zu fassen sind. Seine Mutter aber hat andere Sorgen: Er solle unbedingt Salo einkaufen und mitbringen. So ist das Leben.

David Kapitelman: Russische Spezialitäten. Hanser Berlin, 192 Seiten, 23 Euro.

Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten. Hanser Berlin, 192 Seiten, 23 Euro.

Hanser Berlin

In Kiew geboren

Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kiew geboren, kam im Alter von acht Jahren als „Kontingentflüchtling“ mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist. 2016 erschien sein erstes, erfolgreiches Buch „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“. 2021 folgte „Eine Formalie in Kiew“, für das er mit dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet wurde.